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Am Anfang war der Kürschner

Montags treffen sich Studenten in Kamenz. Um bei Jörg Bäuerle ein uraltes Handwerk der Menschheit zu erforschen.

© Matthias Schumann

Von Julemarie Vollhardt

Kamenz. Marilena, Saskia, Lara und Gisa sind Modedesign-Studentinnen der Fachhochschule Dresden. Seit drei Wochen kommen die Viertsemestler für ein paar Stunden pro Woche nach Kamenz, um von dem Leder- und Fellkürschnermeister Jörg Bäuerle zu lernen.

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Die Grundidee einer Zusammenarbeit der Fachhochschule Dresden mit der Stadt Kamenz entstand 2015. Die Textilingenieurin Birgit Mrozik aus Gersdorf sprach damals Anne Hasselbach an, und gemeinsam entwickelten sie Projekte, bei denen unter anderem ein frisches Ladenkonzept und interessante Schaufenster entstanden. In diesem Jahr wird, im Rahmen des Unterrichts, in einen ganz besonderen Teil der Mode-Industrie Einblick genommen. Das Projekt soll eine Zusammenarbeit der Studenten aus den Lehrbereichen Grafikdesign und Modedesign sein.

Doch nicht nur die Studenten wollen etwas von Jörg Bäuerle lernen, sondern der Kürschner soll etwas von der Zusammenarbeit haben. So soll zum Beispiel eine neue Schaufenstergestaltung und ein Ladenkonzept sowie eine Website für das kleine Kürschnerunternehmen entstehen. Für Jörg Bäuerle selbst sei die Zusammenarbeit interessant, sagt er, und er sei gespannt, welche Kreationen und Lernerfolge die Studentinnen am Ende vorweisen können.

Arbeit an einer Fellweste

Die Vier haben in ihrem Studiengang Modedesign meistens nur mit Stoff zu tun. Leder und Pelz werden jedoch ganz anders verarbeitet, die Formen und der Ausdruck der Materialien sind etwas Neues und völlig anderes für die jungen Frauen.

Außerdem waren Fell und Leder der Ursprung der menschlichen Bekleidung und für die Menschheit sehr wichtig. Jörg Bäuerle: „Eigentlich gehe ich ja dem ältesten Handwerk der Menschheit nach“.

Im Kürschner- und Ledergeschäft an der Bautzner Straße trafen sich die Dozentin und die Studentinnen nun schon zum dritten Mal. Sie fertigten bereits Bommeln sowie eine Tschapka an und arbeiteten an einer Fellweste.

Im Voraus wurde das Fell dafür bereits nass gemacht, aufgespannt und gestreckt. Hautseitig schnitt der Kürschner das Fell mit einer Rasierklinge in Form. Danach nähte er es mit einer Spezialnähmaschine, die seitwärts läuft, zusammen. „Ihr werdet euch noch erschrecken über die Fellverarbeitung, was man da alles machen muss“, sagte Jörg Bäuerle, als er die angestrengten und leicht überforderten Blicke der jungen Frauen sah. Konzentriert saugten diese das Wissen des Kürschnermeisters auf und verfolgten jeden seiner Arbeitsschritte ganz genau. Besonders große Achtung hätten sie vor dem Wert des Materials und der Präzision des Handwerks.

Doch Jörg Bäuerle beruhigte sie, denn die Fellverarbeitung sei zwar aufwendig, aber Fehler könnten meist relativ gut kaschiert werden. Das Fell verdecke Korrekturnähte schließlich gut.

Zwölf Kaninchenfelle wurden für die Weste gebraucht. Die Dozentin gab zu, anfangs auch Bedenken wegen des Tierschutzes gehabt zu haben. Doch der Kürschnermeister erklärte, dass Fell und Leder zwei ohnehin existierende Naturprodukte seien. Beide fielen sozusagen bei der Jagd und in der Lebensmittelverarbeitung ab. So oder so sind diese Ressourcen Endprodukte unseres Lebensstils – und der Mensch sei deshalb dazu verpflichtet, Fell und Leder zu nutzen. Er erklärte es den Studentinnen am Beispiel einer Waschbärenüberpopulation. Wenn die Tiere in den Siedlungen zu viel Schaden anrichten und deshalb gejagt werden würden, dann sei es für Jörg Bäuerle moralisch völlig vertretbar, die Felle später auch zu kaufen. Schließlich seien diese ohnehin vorhanden.

Kein Material von artgeschützten Tieren

Doch der Kürschner hat auch gewisse Prinzipien: Er kaufe zum Beispiel kein Fell und Leder von artgeschützten Tieren und nichts, was nicht gut und gesund aussieht. „Wenn Tiere nicht artgerecht gehalten werden und es ihnen schlecht geht, dann sieht man das als allererstes am Fell und an der Haut“, sagte Jörg Bäuerle „Und niemand sollte schlechte Züchter unterstützen. Solche Ware kauft man nicht als vernünftiger und gewissenhafter Kürschner.“

In der Zwischenzeit war der Kürschnermeister mit dem Schnitt der ersten Hälfte der Fellweste bereits fertig geworden. Die zweite Hälfte durften dann die Studentinnen anfertigen. Sie hatten großen Respekt vor dem Material und der Präzision des Kürschnerhandwerks.

Am Ende des Semesters und des Projektes soll eine kleine Kollektion aus Accessoires entstehen. Diese könnte man dann in den Schaufenstern von Kamenz sehen, meint Anne Hasselbach. Und die Innenstadt wird damit wieder ein Stückchen mehr belebt.