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Am Anfang war die Verstopfung

Daniela Löffner inszeniert George Taboris „Mein Kampf“ am Dresdner Staatsschauspiel fast grenzüberschreitend.

Philipp Grimm zeigt Hitler grandios als psychotische Witzfigur.
Philipp Grimm zeigt Hitler grandios als psychotische Witzfigur. © Sebastian Hoppe

Von Sebastian Thiele

Klack, klack, klack. Eigentlich ist nichts Unheimliches dabei, wenn mehrere Toaster hintereinander in Gang gesetzt werden. Doch hier wird das Brot schlichtweg hingerichtet. Massenvernichtung in allen Schwärzungsgraden. Zack, zack, zack pinnt man die Toastleichen an die hintere Bühnenwand: Auf dass ein monströses Material-Porträt entstehe. Etwas analog verpixelt, aber in allen brutzligen Brauntönen blickt Adolf Hitler schließlich in den Zuschau-erraum. Doch bevor dieses assoziationsgeladene Brotbild das Publikum in die düstere Novembernacht vertreibt, erlebt man im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden einen langen Abend, der fast skandalös schräg beginnt und nach und nach immer eindrücklicher wird. „Humor ist ein Lebensweg und hat sehr viel mit Toleranz zu tun. Er ist ein Überlebensweg oder Rettungsweg, manchmal ist er die Heiterkeit der Verzweiflung“, sagte George Tabori einmal selbst über sein Stück „Mein Kampf“. Vergangenen Sonnabend war die Dresdner Premiere des Tabubruch-Klassikers.

Den Finger im Nutellaglas

Graues Betonplattenimitat, schlichte Tische plus Stühle und etwas Requisiten-Schnickschnack: Fertig ist die übersichtliche Bühne von Matthias Werner. In diesem kalten Männerasyl rückt Regisseurin Daniela Löffner Taboris Stück nicht ins Licht der Gegenwart. Hübsch verzottelt, mit überlangem Schnauzer und Zeichenmappe unterm Arm, platzt Philipp Grimm steif-schreitend als junger Hitler in die Männer-WG. Hier spielt man Schach, pflegt Wunden oder spielt Gott. Moritz Dürr spielt diesen Gott sehr selbstzweiflerisch: Mal ballert er mit Pfeil und Bogen herum, um seine Sätze zu bekräftigen. Mal richtet er die Waffe auch auf sich selbst. „Sie sehen gar nicht jüdisch aus“ meint der Jude Schlomo Herzl, der sich Hitlers, des sperrigen Bewerbers für ein Kunststudium, annimmt. Väterlich gelassen spielt Hans-Werner Leupelt den Sympathieträger Schlomo ohne jüdische Klischees. Unbegreiflich zwar, weshalb der Jude Mitleid mit diesem unsozialen Hitler empfindet. Aber aus der Bibel zitierte Nächstenliebe bildet Schlomos Wesenskern.

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Natürlich völlig anders die Hitlerkarikatur: Nervös, fahrig, angespannt, verkrampft und an gewaltiger Verstopfung leidend spielt Philipp Grimm grandios eine psychotische Witzfigur. Ausdruckstänzerisch wiegt er sich in den schmalen Hüften zu jiddischer Musik. In Nebensätzen erkundigt er sich nach Geschlechtsverkehr. Aber am liebsten steckt er die Finger ins Nutella-Glas. Wenn er sich nicht gerade wie fremdgesteuert mit brauner Schuhcreme seine schwarzen Latschen versaut. In den absurdesten Momenten geht es an körperliche Grenzen: Lässt doch in regelmäßigen Abständen Adolf plötzlich die Hosen runter, um mit fast platzendem Kopf seine Notdurft auf dem Bühnenboden oder Esstisch zu verrichten. Solche krasse Komik kippt jedoch wirkungsvoll. Schwafelt Adolf beiläufig von der Endlösung für „den Juden“ oder schreit pathologisch vor Wut, weil ihn die Kunstakademie gedemütigt hat, verstummt der Saal. 

Schade, dass manche Szenen so bedeutungsschwer in die Länge gezogen werden. Da bekommt der dramaturgische Spannungsbogen bis zur Pause Schlaglöcher. Oft fehlt Tempo, Figuren stehen oder sitzen wie Statisten herum, und an der Rampe wird zäh monologisiert. Auch fragt man sich, warum Ursula Hobmair als barbrüstiges Gretchen ewig ihrem Schlomo Gummibärchen vom Bauch schle-ckern muss, obwohl sie das sichtlich Überwindung kostet.

Bereits 2014 hatte Daniela Löffner mit „Mein Kampf“ in Braunschweig Premiere. Gleiche Produktion, fast gleiches Ensemble. Nun gut, solch einen Abend für das wachsend rechtskonservative Sachsen auszugraben, ist, wenn auch sehr pragmatisch, ein politischer Beitrag. Doch wünschte man sich diese Wiederauferstehung straffer und entschlackter. Irritierend auch, wenn erst das Aufspringen des Souffleurs allen im Saal anzeigt, dass Pause ist.

Sauber gescheitelt, bärtchengestutzt und im braunen Anzug fährt danach der Poltiker Hitler auf einem Gerüst herein. Wenn er nicht gerade an seinem Toastbrot-Porträt arbeitet, dann lässt er perfide seinen alten Freund Schlomo foltern. Gretchen ist jetzt auf seiner Seite. Ob mit Waterboarding oder Toastbrotgestopfe, Hans-Werner Leupelt muss als Schlomo an die Grenzen das Aushaltbaren gehen. Konsequent ist hier Schluss mit lustig. Diese Härte braucht der Abend. Entsteht doch so die Vorstellung davon, das Unvorstellbare erzählen zu können. Hitler, gerade noch dem Darmverschluss entgangen, wird zum Handlanger von Frau Tod, den dunkel-majestätisch Christine Hoppe spielt. Und auch Sven Hönig schafft es, durch einen fachmännischen Vortrag über die Zerlegung eines Huhns symbolisch den bevorstehenden Holocaust vor Augen zu führen. Das brennt sich nachhaltig ins Hirn, wie natürlich auch das Brot-Porträt. Auch wenn der Abend seine Tücken hat, so lebt diese Groteske von starken Darstellern und mahnender Metaphorik.

Wieder am: 11. und 22. 12.; jeweils 19.30 Uhr im Kleinen Haus, Dresden, Glacisstraße 28; Kartentel.: 0351 4913 555

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