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Am Fußballfeld auf vier Rädern

Nebelschützer Fußballer aller Klassen und Ligen haben David Wehner in ihr Herz geschlossen. Dem 16-jährigen Schüler wird von seinen Sportfreunden schon mal scherzhaft „Fußballprofessor“ oder „Vizepräsident“ zugerufen.

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Von Reinhard Kärbsch

Nebelschützer Fußballer aller Klassen und Ligen haben David Wehner in ihr Herz geschlossen. Dem 16-jährigen Schüler wird von seinen Sportfreunden schon mal scherzhaft „Fußballprofessor“ oder „Vizepräsident“ zugerufen. Sie anerkennen damit sein umfangreiches Wissen über den schönen und aufregenden Sport. David kennt die großen Mannschaften dieser Welt, die Stars von heute und aus vergangenen Zeiten. In der Bundesliga ist er genauso zu Hause wie in der Kreisklasse, bei den Alten Herren oder den jungen Spielern der B- und C-Jugend seines Heimatdorfes. Klar, dass er für die Schiedsrichter die Listen schreibt, Ergebnisse sammelt und weitergibt, überhaupt über fast alles in der Sportgemeinschaft von Nebelschütz Bescheid weiß. Nicht nur beim Fußball, aber hier besonders. „Jaja, mit dem Mädchen- und Frauenfußball wird es auch bald wieder in Nebelschütz aufwärts gehen“, ist sich David sicher. Er kennt sich aber auch gut im Basketball, Tennis, Formel 1, Leichtathletik und Biathlon aus. Die Kicker schätzen gleichfalls Davids genaues Auge als Linienrichter und die dabei praktizierte Unparteilichkeit sowie Fairness gegenüber jedermann. Mit dem neuen Sportrollstuhl, der leichter als der vorherige ist, fegt er noch schneller hin und her. Bisher scheint David der einzige junge Mann mit Behinderung zu sein, der auf Sachsens Rasengrün ehrenamtlich tätig ist. Zumindest kennt man beim Landesverband wie auf Ebene des Regierungsbezirkes keine anderen Sportler. Dass er die Regeln des Spiels wie die Satzung des Deutschen Fußball-Bundes bestens kennt, dürfte klar sein. „Er könnte ohne Schwierigkeiten auch als Schiedsrichter arbeiten“, sagen Kenner des Metiers, die David Wehner mehr als einmal als Linienrichter agieren sahen.

Dafür bietet sich in der Saison praktisch jedes Wochenende an, denn er wird gebraucht, wenn die Nebelschützer Jugend, die Alten Herren und die zweite Männerschaft der ersten Kreisklasse auflaufen. Vorigen Sonntag, am 23. November, brauchte er beispielsweise nur die heimische Jan-Skala- und Gartenstraße herunterrollen, um an Ort und Stelle zu sein. Am kommenden 30. November heißt sein Einsatzort Königsbrück. „Aber der Transport ist überhaupt kein Problem. Schwupp, heben mich zwei Mann ins Fahrzeug und los geht’s.“ Überhaupt, mit das Schönste sei die Kameradschaft, der Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe im Verein.

Jeder Spieler, der hier im sorbischen Dorf über den Rasenplatz rennt, kennt den jungen Mann, der seit der Geburt behindert ist. Mit fünf, sechs Jahren kam er mit dem Vater zum ersten Mal auf den grünen Platz von Nebelschütz. Hier brennen seit jeher die Fußballleidenschaften, wird gefachsimpelt und die vermeintlich bessere Aufstellung lauthals verkündet. Sein Dorf gilt als Fußball-Hochburg. Übrigens: Eine Nebelschützer Mannschaft spielt in der Bezirksklasse, seit 16 Jahren wie keine andere im Kreis. Mit Frank Rietschel, der hier aufwuchs, schaffte es einer der Ihren bis in die Regionalliga bei Sachsen Leipzig. Und nach dem Spiel beginnt für die Erwachsenen, wie überall, alles von vorn – in der Sportlerklause. Die Kinder päppeln indes draußen. „Das hat mir irgendwie immer mehr gefallen, aber nicht das oft dumme Gerede vom Rand her. Natürlich sind auch bei uns die Zuschauer die ganz Schlauen. Aber Zugucken und selbst beim schnellen Spiel noch schneller exakte Entscheidungen treffen, sind zwei ganz verschiedene Dinge“, weiß David längst aus Erfahrung. Weil er selbst nicht mitspielen konnte, hat er alles umso genauer beobachtet. Nach und nach kümmerte er sich um die Regeln, die Bestimmungen, das ganze Drumherum. Auch die Umkehrung stimmt: David erkennt die heimischen Spieler nicht nur am Gesicht, sondern die meisten an ihrer typischen, unverwechselbaren Bewegung und Körperhaltung beim Spiel. „Ich weiß meist, wie sie sich in bestimmten Konstellationen verhalten werden, kann ahnen, was sie im nächsten Augenblick tun. Ich glaube, dass das zu besseren Entscheidungen als Linienrichter führt“, erklärt sich David seine bravouröse Arbeit am Feldrand. Die Geschichte ist fast reif für Thomas Gottschalks Sendung: Es läuft ein Film, der 50 einzelne Nebelschützer Spieler zeigt, die Augen verdeckt. David errät vier von fünf Ausgewählten an der Art des Fußballspielens. Wetten, dass..!