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Am Grab des Onkels

Eine Ausstellung in der Görlitzer Frauenkirche spannt den Bogen vom Kriegs-Schicksal einer Familie hin zu Tausenden.

„Sag mir wo die Gräber sind“, singt Marlene Dietrich in „Sag mir wo die Blumen sind“. Das Lied ist der Ausstellung von Martin E. Kautter in der Görlitzer Frauenkirche zu hören und Ausschnitte davon hängen in 24 Sprachen übersetzt über den Fotos. Viele Sol
„Sag mir wo die Gräber sind“, singt Marlene Dietrich in „Sag mir wo die Blumen sind“. Das Lied ist der Ausstellung von Martin E. Kautter in der Görlitzer Frauenkirche zu hören und Ausschnitte davon hängen in 24 Sprachen übersetzt über den Fotos. Viele Sol ©  André Schulze

Wann wird man je verstehen, fragt Marlene Dietrich. Es ist eine Zeile des weltberühmten Liedes „Sag mir wo die Blumen sind“, geschrieben 1955 vom Amerikaner Pete Seeger, 1962 von Marlene Dietrich als Erste in Deutsch gesungen.

Für Martin E. Kautter ist es mehr als ein Lied. Es ist irgendwie sein Lied, das Lied seiner Familiengeschichte. Und das Lied seiner Ausstellung, die auch „Sag mir wo die Blumen sind“ heißt. Noch bis zum 1. September ist sie in der Görlitzer Frauenkirche zu sehen – dem Tag, als vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Er brachte auch großes Leid über Kautters Familie.

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Sein Onkel Erich sollte im heimischen Mühlacker in Baden-Württemberg eigentlich die väterliche Bäckerei übernehmen. Doch es zog ihn in den Krieg – vielleicht auch, um den Konflikten mit dem Vater zu entfliehen. Dieser weigerte sich, ein entsprechendes Schriftstück zu unterschreiben, das dem Sohn erlaubte, in den Krieg zu ziehen. Er werde doch nicht dessen Todesurteil unterzeichnen. Einige Monate später war es ohne Unterschrift möglich und Erich ging umgehend fort. Ein halbes Jahr später fiel er in der Ukraine. Die Todesnachricht, die der zuständige SS-Obersturmführer damals den Eltern schrieb, ist in der Ausstellung zu sehen – im original und als Abschrift. Das Original weist helle Stellen auf – die Tränen, die darauf getropft sein müssen, meint Martin E. Kautter.

Wo genau sein Onkel fiel, wo er begraben ist – all das wusste die Familie lange nicht. Sein Vater, Erichs Bruder, hatte immer wieder Anträge gestellt, suchen lassen. Erst Martin E. Kautters spätere Bemühungen führten allerdings zu einem Ergebnis. „Ich erwachte irgendwann mit dem Gedanken an meinen Onkel und der Eingebung, nach seinem Grab zu suchen“, erzählt der Künstler, dessen Hauptgebiet die Fotografie ist. Er selbst ist Jahrgang 1955, kannte den Onkel also nicht mehr. Doch sei er immer präsent gewesen in der Familie, durch seine Geschichte, durch Erzählungen der anderen Geschwister, durch viele Fotos – auch davon sind viele in der Frauenkirche zu sehen. Nicht zuletzt auch durch Martin E. Kautters Namen. Denn das E. steht für Erich, seine Eltern nannten ihn nach dem toten Onkel.

2012 schließlich reiste er mit einer Schwester von Erich, seiner Tante, in die Ukraine. Die Überreste von Erich waren inzwischen gefunden, anhand seiner Marke konnte er identifiziert werden. Man hatte ihn im Jahr 2006 auf den unvorstellbar großen Soldatenfriedhof bei Charkow umgebettet – so wie vorher und nachher Tausende andere auch. 40 000 Tote lagen dort, als Kautter und seine Tante 2012 in Charkow waren. Inzwischen sind es weit über 47 000, weil nach wie vor Gefallene umgebettet werden. Bevor er in die Ukraine reiste, machte Kautter die Geschichte 2012 publik, falls sich Angehörige anderer Gefallener finden, für die er dort beten könnte, von deren Gräbern er Fotos machen könnte. Was er schließlich auch tat.

Persönliche Erinnerungen an den Onkel, den er nie gekannt hat: Martin E. Kautter zeigt in seiner Schau auch etliche Fotos von Onkel Erich sowie die wenigen Front-Briefe.
Persönliche Erinnerungen an den Onkel, den er nie gekannt hat: Martin E. Kautter zeigt in seiner Schau auch etliche Fotos von Onkel Erich sowie die wenigen Front-Briefe. ©  André Schulze

Einzelgräber gibt es nicht, es sind eher riesige Wiesen, mit Kreuzen und Stelen an manchen Stellen. Doch durch einen exakten Plan wusste Kautter genau, wo sich das Grab seines Onkel befand. Dort schließlich zu stehen, es sei ein sehr emotionaler Moment gewesen. „Ich war froh, mit meiner Tante dort zu sein, wir konnten uns umarmen, gemeinsam trauern und beten.“ Er habe gewusst, dass alles richtig ist in diesem Moment. Seine Einstellung zu Erich habe sich seitdem verändert. Er glorifiziert ihn nicht, im Gegenteil: „Ich gehe davon aus, dass er sich schuldig gemacht hat, auch wenn es nur wenige Monate an der Front war. Aber als SS-Mitglied kam er wohl gar nicht drumrum. Er war ein sehr junger Mann und begeistert.“

Martin E. Kautter hat seine Familiengeschichte und die Suche geholfen, alles besser zu begreifen, sagt er. „Meine Familie, das ist kein Einzelschicksal, sondern das Tausender.“ Das würden ihm auch immer wieder Besucher der Ausstellung bestätigen, die Ähnliches erlebt haben. Kautter lebt seit einigen Monaten in Görlitz, ist oft selbst in der Ausstellung und berichtet von vielen interessanten Begegnungen. Vor allem Touristen, die die Ausstellung im Vorgehen entdecken, kommen.

Vom Einzelschicksal spannt er schließlich den Bogen zum großen Ganzen. Soldatenfriedhöfe in ganz Europa hat er fotografiert, auch Bilder vom Stalag-Gelände in Zgorzelec sind zu sehen. „Soldaten sind alle gleich“, zitiert er. Er will an dem Thema dran bleiben. „Weil es nicht Erinnerung und gleichsam Warnung genug geben kann, wie gefährlich auch aktuelle Entwicklungen sein können.“ Die Globalität und Allgemeingültigkeit verdeutlicht er, indem er Passagen von „Sag mir wo die Blumen sind“ in 24 Sprachen übersetzt, hat aufhängen lassen. In jenem Lied, in dem Marlene Dietrich eben auch singt: Sag mir wo die Gräber sind.

Begleitveranstaltungen (je 18 Uhr):

14. August: Verschüttetes Leid – Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A, Alexandra Grochowski

28. August: Von Luther über Propagandalieder zum Protestsong. Über die Macht von Liedern Bodo Voigt

1. September: Finissage Pfarrer Ammer: Resümee + Friedensgebet Reinhard Seeliger, Orgel

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