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Am Grab eines Selbstmörders

Rund 25 Prozent der Bevölkerung im Landkreis sind konfessionell gebunden. Ob evangelisch oder katholisch: Der Kirchensteuerzahler erwirbt damit auch das Recht auf eine christliche Beerdigung. Konfessionslose bleiben außen vor. Kann der Pfarrrer von dieser Regel abweichen? Angesichts des Mitgliederschwundes bei den Kirchen und veränderter Bedürfnisse in den Bestattungsformen eine aktuelle Frage.

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Von Erika Schiedt

„Es ist mitunter eine Gratwanderung zwischen dem, was die Kirche anordnet und dem, was ich wirklich tue“, sagt der evangelische Pfarrrer Dieter Rau aus Pirna-Copitz. Er hält sich an Martin Luther und die von ihm proklamierte seelsorgerische Freiheit. So gab er – wie auch sein Lohmener Amtsbruder Martin Staemm ler-Michael – auch schon Selbstmördern am Grab den Segen.Obwohl dies nach geltendem Kirchenrecht nicht opportun ist. „Früher habe ich dazu meinen Talar abgelegt, jetzt nicht mehr“, sagt Staemmler-Michael. „Warum auch, es ist so oder so ein Gottesdienst.“ Beide Geistlichen wünschen sich dazu in der Kirche eine offene Diskussion, „damit nicht der eine Hü und der andere Hott sagt“. Man müsse doch fragen: Hat der Selbstmord eines Menschen nicht auch mit uns zu tun? Wurde er in der Not allein gelassen?Der katholische Bischof Joachim Wanke aus Erfurt regte kürzlich an, christliche Dienste bei der Bestattung Verstorbener auch ohne Kirchenzugehörigkeit zu entwickeln. Ein Beispiel, das Schule machen könnte. So beerdigte Pfarrer Rau auch schon Menschen, die nie Kontakt zur Kirche hatten, und erfüllte damit den Wunsch gläubiger Angehöriger. Pfarrer Sören Schellenberger aus Neustadt geht zwar auch auf Erwartungen der Trauernden ein, geltendes Kirchenrecht will er aber nicht aufweichen.Im Alltag passiert es auch, dass der Verstorbene christlich beerdigt werden könnte, aber die Hinterbliebenen lehnen es ab. Um das zu vermeiden, sollte der Bestattungswunsch im letzten Willen niederlegt oder beim Pfarrer vorab schriftlich erklärt werden, empfiehlt Rau. Leider gibt es bei Menschen ohne Kirchenbindung Meinungen, „die Kirche sei aufs Geld der Leute aus“, sagt Rau. „Das ist Unsinn, denn ein Gottesdienst kostet nichts.“ Das stimmt zwar, trotzdem kann die Beerdigung samt Ausstattung und Friedhofsgebühren heutzutage locker 8 000 Euro betragen.Vielleicht wird deshalb die traditionelle Bestattungskultur mehr in Frage gestellt. Vor allem in Großstädten wächst die Zahl namenloser Gräber. Neue Bestattungsformen werden diskutiert, wie etwa: Warum dürfen Urnen nicht im Garten, sondern nur auf dem Friedhof beigesetzt werden? Kann die Totenasche nicht im Wohnzimmerschrank des Angehörigen stehen? Auch über die generelle Aufhebung des Friedhofszwangs wird laut nachgedacht.Das kann Pfarrer Schellenberger nicht nachvollziehen. „Der Tod ist nicht Beliebiges, und warum soll gerade da das Schutzrecht des Staates erlöschen?“, fragt er. Ein schützenswertes Kulturgut ist für ihn zudem die christliche Beerdigung, die heute in den Kommunen des Kreises zwischen 15 und 35 Prozent aller Bestattungen ausmachen. Sie ist, bei aller Trauer, auch ein Zeichen der Hoffnung von Christen, dass der Tod eines Menschen nicht sein Ende ist. „Das fehlt bei einer weltlichen Bestattung. Allein über das Leben des Verstorbenen zu reden, ist zu wenig“, sagt Pfarrer Staemmler-Michael. Wenn er vor der Beerdigung das übliche Gespräch mit den Angehörigen führt, wünscht er sich Offenheit, „damit weder Süßholz geraspelt, noch schmutzige Wäsche gewaschen wird“.Pfarrer Schellenberger ist das Trostspenden wichtig. Deshalb spricht er nach einigen Wochen, wenn der große Druck vorbei ist, noch einmal mit den Angehörigen. „Das bewirkt viel.“ Darüber hinaus ist auch der öffentliche Gottesdienst für die Trauernden ein unglaublicher Trost, weiß Lohmens Pfarrer. „Indem eine Trauergemeinde dem Toten die letzte Ehre erweist, rückt sie das Leben des Verstorbenen ins öffentliche Bewusstsein.“Alle drei Theologen sind sich darin einig: Der Tod sollte kein Tabuthema sein. Es gibt zwei Alternativen: Ihn verdrängen oder bereits zu Lebzeiten lernen, damit umzugehen. Schon Martin Luther sagte: „Wir sollten so arbeiten, als wollten wir ewig leben, und doch so gesinnt sein, als müssten wir diese Stunde sterben.“