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Am Ort der Unterdrückung

Sorbische Jugendliche besuchten anlässlich des 75. Todestages von Alojs Andritzki die KZ-Gedenkstätte in Dachau.

© Rafael Ledschbor

Von Rafael Leschbor

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Radibor. Sie habe an diesem Ort eine Atmosphäre der Unterdrückung gespürt, sagte die 17-jährige Laura Rehor aus Camina bei Radibor nach dem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Dachau. Sie war eine von mehr als 40 sorbischen Jugendlichen, die zum 75. Todestag des seligen Kaplans Alojs Andritzki an den Ort seines Todes gereist sind. Der sorbische Märtyrer war am 3. Februar 1943 im KZ Dachau umgebracht worden.

Die Jugendlichen waren vom Besuch der Gedenkstätte Dachau beeindruckt. Der Kaplan Alojs Andritzki war hier im Februar 1943 ermordet worden.
Die Jugendlichen waren vom Besuch der Gedenkstätte Dachau beeindruckt. Der Kaplan Alojs Andritzki war hier im Februar 1943 ermordet worden. © Rafael Ledschbor

Die Exkursion führte die Jugendlichen am vergangenen Sonnabend in die Gedenkstätte sowie in die Kirche des Ordens der Karmelitinnen nach Dachau, und am Sonntag schließlich nach München in den Liebfrauendom sowie in die Allianz Arena. Sie waren vom Cyrill-Methodius-Verein und von der Dekanatsstelle für Jugendseelsorge zur Reise eingeladen worden. Der Verein der katholischen Sorben hatte die Seligsprechung des aus Radibor stammenden Kaplans Alojs Andritzki beantragt, deren Prozess 1998 eröffnet worden war.

Mit Giftspritze getötet

Von denen rund 200 000 Gefangenen dieses Konzentrationslagers waren etwa 3 000 Priester, von denen ein Drittel ums Leben gekommen ist. Unter ihnen waren auch drei sorbische Geistliche, von denen der jüngste Alojs Andritzki war, der dort 28-jährig durch eine Giftspritze getötet wurde. Im Jahr 2011 wurde er in Dresden seliggesprochen.

Berührt hat die Jugendlichen nicht nur die ehemalige Gaskammer und das Krematorium, sondern auch der Appellplatz. Dort mussten die Gefangenen oftmals stundenlang bei jedem Wetter stehen und ausharren. „In der Gedenkstätte war es für mich schon unangenehm. Aber in die ehemalige Gaskammer konnte ich überhaupt nicht eintreten“, berichtete noch ganz mitgenommen die 17-jährige Rahel Selnack aus Kamenz. Erstaunt waren die Jugendlichen, als sie erfuhren, wie die Kapos, also die etwas besser gestellten Häftlinge mit Leitungsfunktionen mit anderen Mitgefangenen umgegangen sind. „Ich war geschockt und frage mich, warum Menschen anderen so etwas antun. So etwas darf sich niemals wiederholen! Eigentlich könnten doch alle glücklich zusammenleben“, stellte die 15-jährige Raphaela Domaschke aus Naußlitz fest. „Es ist schon etwas anderes, wenn man die Geschichte vor Ort wahrnehmen kann, als wenn man es nur im Unterricht oder im Fernsehen erfährt. Das müsste jeder sehen und erleben.“ Auch Peter Zieschwauck (17) aus Quoos war innerlich aufgewühlt: „Ich bin erstaunt, wozu ein Mensch fähig ist, wenn er von einer Ideologie beeinflusst wird. Heute droht genauso die Gefahr, wenn versucht wird mit einfachen Parolen Politik zu machen.“

Geborgenheit beim Gottesdienst

Mehrere Jugendliche sagten, dass sie den Gottesdienst nach der Führung durch das ehemalige KZ als angenehm erlebt haben, in dem sie sich geborgen fühlten. Sie nahmen an einer Heiligen Messe mit Mitgliedern der Kolpingsfamilie aus München teil, die der emeritierte Bischof Joachim Reinelt (81) aus Dresden in der Kirche der Karmelitinnen direkt neben der Gedenkstätte feierte. Er erinnerte daran: „Alojs Andritzki war ja von einem Nazigericht freigesprochen worden. Nachdem er in Dresden das Polizeigefängnis verlassen hatte, hatte die Gestapo ihn gleich wieder festgenommen und nach Dachau gebracht. Einen Freigesprochenen! Einen Unschuldigen!“

Auf dem Weg des Märtyrers

Der Bischof verwies auf die Briefe des jungen Kaplans (diese sind in einem Buch zusammengefasst), in denen er auch von seinen tiefen Momenten geschrieben hat. „Es kamen Tränen und es kam Freude. Das ist ja nicht zu erklären: Wie kann jemand, der unschuldig in Haft ist, Freude darüber empfinden dass er sozusagen auserwählt worden ist zum Weg des Märtyrers? Das ist ein geistliches Wunder.“ Den Jugendlichen sagte Bischof Reinelt ebenfalls, dass Gott auch in Dachau seine Hand nicht weggezogen hätte.

Nach dem Sonntagsgottesdienst im Münchener Liebfrauendom versammelten sich die sorbischen Jugendlichen an einem Seitenaltar, wo die Gebeine des heiligen Bischofs Benno von Meißen (um 1010–1106) ruhen. Diese wurden in den Wirren der Reformation aus Sachsen nach Bayern gebracht. Der heilige Benno, zu dessen Ehren die Jugendlichen am Altar ein Lied sangen, wird als Apostel der Sorben betrachtet. Er hat als Bischof die sorbische Sprache erlernt und so erfolgreich den christlichen Glauben in diesem slawischen Volk verbreitet. Wohl erstmals in der zwölfjährigen Geschichte der Allianz Arena, der Spielstätte der Fußballer von Bayern München, ist von den Rängen recht laut ein sorbisches Lied erklungen, was sich sogar einige Angestellte dort nicht entgehen lassen wollten. Aber auch in der Umkleidekabine der weltbekannten Fußballer stehen zu können, war für die jungen Leute aus der Lausitz ein tolles Erlebnis. „Es war cool, die Arena, die wir sonst nur aus dem Fernsehen kennen, selbst sehen zu können“, freute sich Laura Rehor.

Große Wertschätzung erfahren

Der sorbische Jugendseelsorger Pfarrer Gabriš Nawka (48) aus Wittichenau (Kulow) freut sich, „dass die Jugendlichen mit wichtigen Erfahrungen zurückgekehrt sind. Sie konnten sich selbst ein Bild von der Umwelt des seligen Alojs Andritzki in seiner letzten Lebensphase machen.“ Georg Spittank (71) aus Siebitz, Vorsitzender des Cyrill-Methodius-Vereins, war am Ende auf die sorbischen Jugendlichen ausgesprochen stolz: „Sie haben überall große Zustimmung und Wertschätzung erfahren.“ Auch deshalb ist er sicher, dass die 1 200 Euro, die der Verein der katholischen Sorben für diese Fahrt aus eigener Kasse beigesteuert hat, sehr gut angelegt sind. Dem stimmte Diana Paulick, Referentin der Dekanatsstelle für Kinder- und Jugendseelsorge, ausdrücklich zu: „Mich fasziniert, wie sehr sich die jungen Leute für Alojs Andritzki interessiert haben. Sie waren sehr offen und wissbegierig.“