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Am Rathaus tickt’s wieder richtig

Nach einem Blitzschlag war das Uhrwerk im Turm kaputt. Jetzt läuft alles wieder rund. Die Zeit drängt aber trotzdem.

Von Carina Brestrich

Der Turm des Löbauer Rathauses birgt einen seltenen Schatz. Auf den ersten Blick gar nicht sofort erkennbar, befindet sich die kugelförmige Kostbarkeit direkt über der Turmuhr auf der Altmarktseite. Geschützt von einem kleinen Dach dreht sich dort eine Mondphasenuhr. Je nachdem wie der Mond steht, zeigt sie mal mehr, mal weniger von ihrer goldenen oder schwarzen Hälfte. Schon seit 22 Jahren tut sie das ohne Unterbrechung und mit einer Genauigkeit, die weltweit wohl einzigartig ist. Bis vor Kurzem plötzlich die Zeit im Rathausturm stehen blieb. Denn sowohl die Mondphasenuhr als auch die Zeiger der anderen beiden Uhren an der Süd- und Ostseite des Rathauses standen mit einem Mal still.

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Am Rathausturm ist nicht nur die Uhrzeit erkennbar, sondern auch, dass der Mond dieser Tage zunimmt. Zu sehen ist das an der goldenen Sichel auf der Kugel über dem Zifferblatt. Dabei handelt es sich um die einzigartige Mondphasenuhr, die es seit 1992 wied
Am Rathausturm ist nicht nur die Uhrzeit erkennbar, sondern auch, dass der Mond dieser Tage zunimmt. Zu sehen ist das an der goldenen Sichel auf der Kugel über dem Zifferblatt. Dabei handelt es sich um die einzigartige Mondphasenuhr, die es seit 1992 wied

Verantwortlich dafür war Horst Büschel. Der Elektromaschinenbauer aus Sohland an der Spree ist für die Wartung der Uhren am Löbauer Rathaus zuständig. Und nicht nur das: Die Mondphasenuhr ist sein Lebenswerk. Nachdem die Stadt 1992 im Zuge der Rathaussanierung feststellte, dass es einst eine Mondphasenuhr am Rathaus gab, beauftragte sie Horst Büschel mit dem Bau einer solchen Uhr. Übrig war von der ursprünglichen allerdings nur eine Zeichnung aus dem Jahr 1860. „Man hätte mich genauso gut fragen können, ob ich ein Auto bauen kann. Aber dann war ziemlich schnell das Getriebe in meinem Kopf angesprungen“, erinnert sich Büschel.

Nach unzähligen Stunden Rechenarbeit und mehreren Anrufen in Sternwarten fand er schließlich eine Lösung. Auch für die Gesichtsmaske – den sogenannten Judutenkopf – auf dem Ziffernblatt der normalen Uhr. Dank Horst Büschels Arbeit öffnet der ebenfalls seit 22 Jahren wieder zu jedem Glockenschlag den Mund.

Und trotzdem muss Büschel wegen der Mondphasenuhr seit 1992 zweimal im Jahr auf den Rathausturm steigen. Denn weil die Mondphasen nie exakt gleich lang sind, muss der 81-Jährige das elektrische, funkgesteuerte Gerät, das die Kugel bewegt, nach dem jeweiligen Mondkalender programmieren. Einzeln und per Hand tippt er jedes Mal die mehr als 250 Programme in das Gerät ein, damit die Uhr möglichst exakt bleibt. Nur bei seiner jüngsten Turmbesteigung Anfang Mai war etwas anders: „Bereits eingegebene Programme waren plötzlich verschwunden“, erzählt Büschel, der auch Glockenläuteanlagen und andere Turmuhren in der Region betreut, etwa die der katholischen Kirche in Schirgiswalde.

Die Ursache, so vermutet die Löbauer Stadtverwaltung, ist ein Blitzeinschlag vor einigen Wochen. Der hatte auch an anderen Stellen in der Stadt kleinere Schäden angerichtet – und vermutlich auch das Steuergerät in Mitleidenschaft gezogen. Das treibt nicht nur die Mondkugel an, sondern auch die Zeiger, die Glocke und das Kinn des Judutenkopfes. „Es ließ sich nicht mehr reparieren, deshalb musste ein Neues her“, erklärt der Sohlander. Das ist auch der Grund, warum jetzt bei den Uhren am Rathaus Stillstand herrschte: Denn bis das neue Gerät geliefert wurde, vergingen 14 Tage. Diese Woche nun konnte Büschel es einbauen und die 37 Seiten umfassenden Mondphasenprogramme eintippen. „Jetzt sollte erstmal alles wieder richtig laufen.“

Damit das auch so bleibt, muss dringend etwas am Turm passieren. Denn der begehbare Rundgang außen am Turm ist schon seit Längerem undicht, hat Horst Büschel festgestellt. Nach jedem Regen dringe Nässe ins Turminnere. „Das Mauerwerk ist schon recht feucht“, berichtet Büschel. So seien bereits stellenweise Schimmelspuren erkennbar, hin und wieder bröckelt der Putz von der Wand. Damit die Feuchtigkeit nicht irgendwann schlimmeres anrichtet und etwa die Technik für die Uhren beschädigt, hatte Büschel die Stadtverwaltung schon vor einem Jahr auf die Mängel hingewiesen. „Ich kenne den Turm und die Uhren nun schon sehr lange. Es liegt mir am Herzen, dass da nichts passiert“, sagt der Turmuhrenexperte.

Die Stadt will deshalb nun reagieren. Wie Rathaussprecherin Eva Mentele erklärt, seien die Probleme bekannt. Derzeit arbeite man an einer Lösung. „Wir holen uns gerade Angebote von verschiedenen Baufirmen ein.“ Wann die Schäden am und im Turm letztlich beseitigt werden und was dies kostet, dazu kann sie derzeit noch nichts sagen.

Horst Büschel jedenfalls hofft, dass bis zum November, wenn er das nächste Mal zum Programmieren der Mondphasen nach Löbau kommt, der Turm wieder dicht ist. Außerdem hat er noch einen anderen Wunsch: „Ich würde mir wünschen, wenn die Stadt ihre Mondphasenuhr noch besser vermarktet und beispielsweise Touristen durch ein Schild oder Ähnliches aufmerksam gemacht werden.“ Immerhin ist die Uhr in ihrer Exaktheit wahrscheinlich einmalig. Allerdings sei sie auch nach 22 Jahren immer noch zu wenig bekannt. „Dabei kann sie doch gut mit der Einzigartigkeit des Gusseisernen Turms mithalten.“