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Am Runden Tisch ging es heiß her

Vor 25 Jahren etablierte sich der Runde Tisch als demokratisches Gremium. Er hatte viel zu sagen, aber eigentlich keine Macht.

Von Jens Hoyer

Vor 25 Jahren trat in Döbeln ein Gremium zusammen, das es in dieser Form noch nicht gab: Der Runde Tisch. Am 23. Januar trafen im Döbelner Rathaus 25 Frauen und Männer aus der Bürgerbewegung und neuen Parteien, aber auch aus den sogenannten Blockparteien, der SED/PDS, der Jugendorganisation FDJ, der Einheitsgewerkschaft FDGB und anderen Gruppierungen wie dem Kulturbund. Die Stadt wurde von Bürgermeister Götz Schröder repräsentiert. Bernhard Maluck war für die Aktion katholischer Christen im ersten demokratischen Gremium nach der Maueröffnung. „Ich saß dort mit klopfendem Herzen. Ich habe mir vom Runden Tisch keine Wunder erwartet, sondern den Beginn von Veränderungen.“

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Und der Runde Tisch stand für Veränderungen, wenn er eigentlich auch keine wirkliche Macht hatte. Er war nämlich nicht durch Wahlen legitimiert, sondern die verschiedenen Parteien und Organisationen hatten jeweils zwei Vertreter geschickt. Für die LDPD, die Liberaldemokratische Partei Deutschlands, saß Jörg Neumann am Runden Tisch. Er war damals Fachdirektor im Backwarenkombinat und einer der drei Ortsgruppenvorsitzenden. Neumann beschreibt die Stimmung am Runden Tisch als durchaus konstruktiv. „Es wurden Probleme mit dem Wohnraum und der Versorgung behandelt. Und auch Bauprobleme“, sagte er. Die Altstadt war damals großflächig für den Abriss vorgesehen. „Alles, was für Döbeln wichtig war, wurde am Runden Tisch besprochen“, so Neumann. Er beschreibt die Arbeit auch als misstrauisches Beäugen. Weil viele Vertreter SED-naher Organisationen mit am Tisch saßen. „Wir mussten erst mal sehen, wie die reagieren und ob sie nur als Stimmvieh der SED da waren.“ Viele Genossen habe er als vernünftig kennengelernt, andere aber auch als total uneinsichtig.

In der ersten Sitzung ging es um die Wahl am 6. Mai. Die sollte fair ablaufen. Die SDP forderte die Übergabe der Littfaßsäulen und Anschlagwände in den Besitz der Stadt. Der Vorschlag, einen Übergangsstadtrat in Döbeln zu etablieren, fand keine Zustimmung, alles sollte bis zur Wahl bleiben, wie es ist. Schon gleich am Anfang ging es beim Runden Tisch um die Partnerschaft mit Unna, die schon vor der Wende angeschoben wurde. Jetzt wurde sie zu einer wichtigen Hilfe in der Wendezeit. Das Land Nordrhein-Westfalen stellte dem Kreis 1,2 Millionen D-Mark zur Verfügung. Fürs Döbelner Krankenhaus wurden drei Ultraschallgeräte und andere medizinischen Gerätschaften besorgt. Unna wollte selbst bei der Beschaffung von Kabinen für die 33 Wahllokale der Stadt helfen.

Im Februar 1990 saß eine Delegation aus Unna mit am Runden Tisch. Es wurde besprochen, wie Kontakte zu Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden, zwischen Sport- und Kulturvereinen und Schulen angeschoben werden können. Die evangelische Kirchgemeinde bot Räume für ein einzurichtendes „Unna-Haus“ zum Aufbau der Beziehungen an.

Die Probleme in Döbeln waren auf allen Gebieten gewaltig. Mitte Februar 1990 hatten zehn Ärzte und fünf Zahnärzte die Stadt verlasse. Auch die Bürger fingen an, zu gehen. Die Lage bei Ordnung und Sicherheit war besorgniserregend. Schlägereien bei Veranstaltungen im Volkshaus waren an der Tagesordnung und es gab auch deutlich mehr Verkehrsunfälle als vor der Wende. Die Polizei und die Gerichte hatten dem wenig entgegenzusetzen. Wohnraum war knapp, in der Stadt gab es 1800 Wohnungssuchende.

Ein Flugblatt des Neuen Forums sorgt im Februar 1990 für Aufregung. Aus dem Archiv der Stadt und des Landkreises waren Hunderte Bücher für rund 150 000 D-Mark in den Westen verkauft worden. Die Stadt konnte sich nichts dagegen wehren, da es in der DDR kein städtisches Eigentum mehr gab.

Eine ganz neue Partei war damals die SDP, was für Sozialdemokratische Partei der DDR stand. Sie vereinige sich einige Monate später mit der SPD. Sven Weißflog saß für die SDP mit Frank Kehl am Runden Tisch. Er hatte sich damals schon für die Verkehrsprobleme in der Stadt interessiert. „Wir hatten Ideen, was man anders machen könnte.“ Manche Probleme seien bis heute nicht gelöst. Zum Beispiel das verwirrende Einbahnstraßensystem der Stadt. Der Plan einer Ortsumgehung ist gescheitert – wie Weißflog meint, an persönlichen Interessen maßgeblicher Leute. „Damals hat man versucht, uns einzubinden, ohne wirklich Macht abzugeben. Das ist heute nicht anders.“

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