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Der Superstar als Einsiedler

Seit dem Erfolg von „Amelie“ versteckt sich Yann Tiersen auf einer entlegenen Insel. Jetzt präsentiert er eine Werkschau, die nie fertig werden wird.

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Yann Tiersen, der durch die „Amelié“-Filmmusik ausgesorgt hat, macht nur noch, wozu er Lust hat.
Yann Tiersen, der durch die „Amelié“-Filmmusik ausgesorgt hat, macht nur noch, wozu er Lust hat. © dpa

Von Marcel Anders

Einige sind reif für die Insel – andere leben dort. Wie Yann Tiersen, der in den frühen 2000ern den Soundtrack zur französischen Erfolgskomödie „Die wunderbare Welt der Amelie“ komponierte – und dafür mehr Aufmerksamkeit erhielt, als er sich gewünscht hätte: „Ganz ehrlich? Es wäre mir lieber gewesen, wenn meine Musik nicht solchen Erfolg gehabt hätte“, konstatiert der 49-Jährige. „Denn der hat immer eine Kehrseite – wie Menschen, die sich nur wegen des Geldes für dich interessieren. Insofern bin ich zwar glücklich, dass mir ,Amelie‘ die Möglichkeit gegeben hat, um die Welt zu reisen und ein tolles Studio zu bauen, aber würde ich heute gefragt, ob ich mich noch einmal darauf einlasse, würde ich Nein sagen – denn ich hätte gerne eine ruhigere Karriere gehabt.“ Und auf Nachfragen des überraschten Interviewers fügt er hinzu: „Für mich hat ,Amelie‘ etwas von einem Fluch: Ich habe es jahrelang vermieden, die Stücke zu spielen und habe dafür regelrechte Anfeindungen erlebt. Es war ein Kampf.“

Mehr Schafe als Menschen

Merke: Tiersen ist ein Star wider Willen – und ein komischer Kauz. Ein kleines, ergrautes Männchen, das vorzugsweise Bretonisch spricht, eine Sprache, die an Walisisch erinnert – oder Englisch mit witzigem Akzent. Als Jugendlicher hat der Multiinstrumentalist aus Brest klassische Musik studiert, bevor er via Punkrock zu cineastischen Instrumental-Klängen der Marke Home-Recording gekommen ist und durch Filmmusiken wie für „Good Bye, Lenin“ oder den viel zitierten Blockbuster von Jean-Pierre Jeunet berühmt wurde.

Seit Anfang der 2000er residiert er mit seiner Familie auf einer Insel, die entlegener kaum sein könnte: Ouessant (bretonisch: Eusa) im Süd-Westen des englischen Kanals, 20 Kilometer vor der französischen Bretagne-Küste.

Hier leben 850 Menschen, doppelt so viele Schafe und noch mehr Möwen. Als Wahrzeichen gilt ein gigantischer Leuchtturm – einer der größten der Welt. Ein Ort, an dem sich Tiersen extrem wohlfühlt, wo er seine Ruhe hat und wo ihn die Natur und das Meer inspirieren. „Ouessant ist wunderbar“, setzt er an. „Auch, wenn es nur ein kleiner Felsen inmitten einer äußerst rauen See ist. Aber hier gibt es einen unglaublichen Zusammenhalt. Wenn du Probleme hast, kannst du dich darauf verlassen, dass man dir hilft. Und es ist alles sehr traditionell und simpel – das exakte Gegenteil zur modernen Welt, die so von der Technik bestimmt wird.“

In einer ehemaligen Diskothek hat Tiersen sein Eskal-Studio eingerichtet: Ein Museum für kuriose, seltene Keyboards sowie analoge Studiotechnik. Das Digitale ist dem Eigenbrötler zu perfekt, zu kalt und steril. Deshalb hat er nun, nach langem Hadern und Jahren der Unzufriedenheit mit seinem Frühwerk, 22 Stücke seines Backkatalogs neu aufgenommen: Minimalistischer, kantiger, mit Gastauftritten von John Grant, Stephen O’Malley von Sunn O))) sowie Blonde Redhead – und live eingespielt mit seiner angestammten Band. Darunter auch Material, das er erst Anfang 2019 auf dem Album „All“ veröffentlicht und auf Tour präsentiert hat – das also noch relativ frisch ist. „Als wir mit ,All‘ unterwegs waren, hatte ich das Gefühl, dass die Live-Versionen vielleicht nicht unbedingt besser, aber doch ganz anders klingen. Also haben wir sie noch einmal im Studio eingespielt – genauso, wie wir sie auf der Bühne bringen. Was soll ich sagen: Es klingt einfach wahnsinnig gut und verleiht den Songs ein völlig neues Leben.“ Exemplarisch: Das Stück „Kala“, das Tiersen komplett umarrangiert und mit einem neuen Gesang versehen hat – wodurch es kaum wiederzuerkennen ist. „,Kala‘ ist ein besonderer Song, den ich mit Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins aufgenommen habe, als sie 2004/2005 hier bei mir im Studio war. Sie hat eine Sprache verwendet, die sie selbst erfunden hat, und insofern war ihr Beitrag außergewöhnlich. Aber wenn wir touren, singt es Olavur aus meiner Band. Er bringt den Song jetzt schon so lange, dass es irgendwie auch seiner geworden ist.“

Absage an die Filmindustrie

Ein Update, das „Portrait“ zur Werkschau der etwas anderen Art macht – zu einem Album mit ambitionierter Klangkunst zwischen Klassik, Avantgarde und Chansons. Die dürfte in erster Linie eingefleischte Fans ansprechen, stellt für Tiersen aber auch einen Wendepunkt in seiner Karriere dar, die inzwischen ein Vierteljahrhundert und zehn Alben umfasst.

Er verabschiedet sich von aufwendigen Klangtüfteleien, die er früher auf über einhundert Tonspuren meist digital übereinander geschichtet hat. Er erteilt der Filmindustrie, die ihn nach wie vor mit lukrativen Anfragen bombardiert, eine deutliche Absage – und reduziert seine Konzert-Aktivitäten. Das erklärt er so: „Ich habe mehrere Projekte, die ich umsetzen möchte. Insofern würde ich gerne bis zum nächsten Sommer warten, ehe ich mit ,Portrait‘ toure. Denn würde ich jetzt auf die Bühne gehen – zur Veröffentlichung des Albums – würden die Songs ja genauso klingen wie auf Platte. Dabei finde ich es viel interessanter, einen Gig zu erleben, bei dem alles anders ist. Bei dem das Publikum mehr geboten kriegt. Deshalb werde ich warten und die neuen Songs noch ein bisschen bearbeiten.“

Dafür hat er auf Ouessant die nötige Ruhe. Und: Wie sich die neuen Versionen alter Songs letztlich verkaufen, ist Tiersen ohnehin egal. Seit „Amelié“, so gibt er unumwunden zu, habe er ausgesorgt. Alles, worum es ihm jetzt noch gehe, sei der Spaß an der Musik. Wohl dem, der das von sich behaupten kann.

Das Album: Yann Tiersen, Portrait. Everything’s Calm/Mute Artists Ltd.