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Pirna

Der oberste Richter vom Sonnenstein

In Zeiten alternativer Fakten muss die Justiz mit aller Kraft nach der Wahrheit suchen, sagt Alexander Klerch. Aber schafft sie das?

Sieht sich im Gerichtssaal als Macher: Alexander Klerch ist der neue Direktor des Pirnaer Amtsgerichts.
Sieht sich im Gerichtssaal als Macher: Alexander Klerch ist der neue Direktor des Pirnaer Amtsgerichts. © Daniel Schäfer

Stollen steht auf dem Tisch neben den Kaffeetassen. Ungewöhnlich für einen sonnigen Märztag. Trotzdem passt er irgendwie hierher. Es ist Stollen aus der Gefängnisbäckerei. Und der Tisch gehört zum Büro eines Richters. Er heißt Alexander Klerch und ist der neue Direktor des Pirnaer Amtsgerichts. Zu Weihnachten eine große Ladung JVA-Stollen zu ordern, ist hier Tradition, hat er gelernt. Er macht sie gern mit. Nach rastlosen Jahren im "Justizhamsterrad" von Dresden genießt Klerch das verbindliche Flair der Kleinstadt. "Im Moment bin ich mit mir völlig im Reinen", sagt er.

Alexander Klerch, 49 Jahre alt, ist ein drahtiger Mann mit blütenweißem Hemd, das trotz der frühen Jahreszeit schon kurze Ärmel hat. Er sieht aus wie einer, der gut im Training steht. Das stimmt auch. Vor sieben Jahren hat er seinen Lebenswandel umgekrempelt. Seither macht er täglich mindestens eine Stunde Sport, eher mehr. Er läuft viel, paddelt, radelt. Mit dem Rennrad fährt er jeden Tag zur Arbeit. Und wieder heim. Zwei Stunden Bewegung insgesamt. Im Sattel kann er bewusster Feierabend machen als auf der Couch, sagt er. So findet er sein inneres Gleichgewicht. "Die Work-Life-Balance ist mir sehr wichtig."

Wie ein Münchner an die Elbe kam

Von der inneren Balance, so glaubt Alexander Klerch, hängt es ab, wie leistungsfähig man im Beruf ist. Als Amtsgerichtsdirektor sieht er sich auf einem Höhepunkt seiner Laufbahn. Das mag verwundern, wenn man weiß, dass Klerch bereits am Verwaltungsgericht, am Landgericht und am Oberlandesgericht diente und in mehreren Ministerien. Aber immer, sagt er, hat er in der zweiten oder dritten Reihe gestanden. Jetzt steht er an der Spitze. Er kann die Dinge nach seinem Geschmack gestalten und trotzdem ganz normaler Richter sein. Er schaut auf seinen Stollenteller. Der Tellerrand in Pirna mag etwas kleiner sein als in Dresden, sagt er. Dafür ist er bunter.

In Pirna fühlt sich Klerch angekommen. Losgegangen ist er mal in München. Dort wuchs er auf. Man muss genau hinhören, um das seiner Sprache abzulauschen. Er hat die Brücken dorthin abgebrochen, fährt allenfalls mal daran vorbei, wenn er in seine geliebten Alpen will, zum Skifahren. Nach Sachsen kam er 1997, damals als frisch gebackener Volljurist. Sein Vater, ein bayrischer Verwaltungsbeamter, war schon kurz nach der Wende in Dresden heimisch geworden. Die Semesterferien verbrachte der Jurastudent Klerch deshalb nicht an der Isar, sondern an der Elbe.

Die Entdeckung des Lachens in Ost-Berlin

Der Osten interessierte Alexander Klerch seit seiner Jugend. Das hat familiäre Gründe. Der Zweig väterlicherseits entstammt Schlesien und lebte bis 1953 in der DDR. In der Schule ging es um die Deutsche Frage, um die Wiedervereinigung, "die keiner so ernst nahm, wie sie dann wurde". Viel zu negativ habe man über das andere Deutschland gedacht. "Ein Land, Grau in Grau, in dem die Menschen nicht lachen." Bei einer dieser Grenzlandfahrten guckte Klerch fasziniert vom Aussichtsturm über die Sperrwerke hinweg, hinein in den Thüringer Wald. "Das hat mich extrem neugierig gemacht."

1987, auf Klassenfahrt, kam der Junge aus München das erste Mal nach Ost-Berlin. Nur für einen Tag. Er ging das Stück Friedrichstraße jenseits des Tränenpalasts entlang, sah sich die Leute an, sah, wie sie in den Kneipen hockten, sich unterhielten, und dass sie doch lachen konnten. Kein Schickimicki wie in München, keine exklusive Szene, keine Türsteher. Ein vollkommen anderes Miteinander sei das gewesen, sagt er. Er will nichts schönreden. Aber er glaubt, dass die Menschen damals nicht nur in der DDR manipuliert wurden.

Immer sportlich unterwegs: Alexander Klerch genießt bei einer Skitour am Achensee den Sonnenaufgang über der Tiroler Bergwelt.
Immer sportlich unterwegs: Alexander Klerch genießt bei einer Skitour am Achensee den Sonnenaufgang über der Tiroler Bergwelt. © privat

Manipuliert wird auch heute noch. Alexander Klerch nimmt das Schlagwort von den alternativen Fakten auf. Er will nicht zu politisch werden. Aber er steht, sagt er, für ein weltoffenes Gericht. "Wir müssen mit allen Kräften bemüht sein, die Wahrheit herauszufinden." Allerdings weiß er auch, dass das Vertrauen in die Justiz längst kein Selbstläufer mehr ist. Von Kuscheljustiz sei die Rede, die ihren Auftrag nicht mehr erfülle, die zu lange brauche für ihre Urteile, die hoffnungslos überlastet sei - Erzählungen, die den Glauben an den Rechtsstaat bedrohten.

Deshalb wendet sich der Gerichtschef vehement gegen Schwarzmalerei. Die Justiz sei bei Weitem nicht so schlecht wie ihr Ruf. Das schlechte Image entstünde zum Gutteil durch gedankenloses Nachbeten aufgeschnappter Dinge. Gerade sein Haus, das Amtsgericht Pirna, sei mit elf Richtern überdurchschnittlich gut besetzt. Dass es mit den Laufzeiten der Verfahren manchmal Probleme gibt, räumt Klerch ein. Andererseits würden immer mehr einfache Delikte, etwa die Grenzverletzung, der Ladendiebstahl, schnellstens abgehakt: Morgens gefasst, nachmittags verurteilt. "Das kommt gut an."   

Alexander Klerch sieht sich als Macher. Er entscheidet lieber zügig und nimmt dafür in Kauf, auch mal falsch zu liegen. Dann kommt eben die nächste Instanz zum Zuge. Andererseits lohnt es sich oft, ein wenig länger zu verhandeln, wenn damit, wenn auch zähneknirschend, ein Kompromiss erreicht wird. Er kennt das aus seinem Spezialgebiet, dem Familienrecht. Streiten sich Geschiedene um die Sorge oder um den Unterhalt, wird der Richterspruch immer eine Seite unbefriedigt lassen, der Zwist weiter schwelen. Das nützt nicht den Erwachsenen, und auch nicht den Kindern. "Die Kinder hängen an beiden Eltern."

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