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An der Neiße geht die Angst um

Einbrüche nehmen in Weinhübel zu. Anwohner fühlen sich alleingelassen. Die Polizei ist überfordert.

Von Ralph Schermann

In Alt-Weinhübel ist es sehr schön. „Ja“, sagt Rudi Franke, „sehr schön unsicher!“ Der Mann von der Posottendorfer Straße weiß, wovon er spricht. Mehrmals haben Einbrecher sein Grundstück heimgesucht. „Die gehen mit brachialer Gewalt vor“, schimpft er. Auch wenn wenig gestohlen wird, ist der Schaden enorm. Franke zeigt auf einen Campingwagen, Baujahr 1987: „Hier haben sie ein Fenster eingeschlagen. Solche gibt es nicht mehr.“ Jetzt muss eine Spezialfirma eine passende Sonderanfertigung herstellen. Kosten: 800 Euro.

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Nachbar Hans-Jürgen Jüttner geht auf Nummer sicher, seit von Dieben wieder mehr die Rede ist. „Ich habe die Messingglocken ins Haus geräumt“, sagt er. Die waren eine Zierde seines Grundstückes. „Doch ich sähe sie ungern in den Händen von polnischen Buntmetalldieben.“

Wen man in Alt-Weinhübel auch fragt, zurzeit kann jeder über eigene oder Nachbars leidige Erfahrungen mit Einbrechern berichten. Auf der Seidenberger Straße stand Dieter Kalbaß um 5.45 Uhr einem Fremden im Grundstück gegenüber. Wer wie dieser erwischt wird, macht flinke Füße zur Neiße. Längst vermuten Betroffene zwei Gruppen. Rudi Franke: „Die eine kommt über die Neiße, die andere mit einem Auto von der anderen Seite.“ Vor allem um junge Täter soll es sich handeln. Auch wer nicht betroffen ist, wird derzeit nachts oft wach. Denn immer öfter wird die Polizei zur Suche und Verfolgung verdächtiger Personen alarmiert.

Nahe der Kirche erinnert sich ein Anwohner an frühere Zeiten: „In den 90er Jahren war bei mir Durchgangsverkehr“, sagt er. In Massen kamen Grenzgänger durchs Wasser, meist Rumänen. „Ich habe gar nicht mehr Rasen gemäht, damit die Grenzer die Trampelspuren sehen konnten.“ Nach der Grenzöffnung war der Spuk vorbei. „Es war lange Jahre Ruhe, aber nun ist es schlimmer. Denn jetzt wird kaputt gemacht und geklaut.“ 2010 nahmen Diebe Rasenmäher und Schlauchboot mit. Jetzt suchten sie ihn gleich zweimal heim, stahlen erneut Gartengeräte und ein fünf Meter langes Ruderboot. „Wir hatten in dem Boot eine Decke liegen, die fand sich dann direkt an der Neiße wieder, also ist auch der Kahn jetzt in Polen.“ Der Mann ärgert sich vor allem, weil er trotz offener Schlafzimmerfenster kein Geräusch der Diebe gehört hat. Ein drittes Mal aber will er nicht mehr erleben: Wie Rudi Franke investiert er in Alarm- und Sicherungstechnik.

Die Polizeistatistik bestätigt den Eindruck der Anwohner. Allein für die Seidenberger und die Posottendorfer Straße gab es von Mai bis Juli 23 Einbrüche. Gestohlen wurden Gartenmaschinen, Kupferkabel, Leitern, Fahrräder, Werkzeuge, aber auch Kleintransporter und besagtes Boot. Dreimal suchten die Diebe eine größere Firma heim und hinterließen fünfstellige Schadenssummen. Neben weiteren Straßen von Alt-Weinhübel waren auch die Gaststätte „Zur Landeskrone“, Garagen auf der Friedrich-Engels-Straße und das Fahrradgeschäft Zittauer Straße betroffen, stellte André Schäfer von der Polizeidirektion Görlitz eine Übersicht zusammen. Ein Aufatmen im August blieb allerdings nur von kurzer Dauer. Im September stehen schon wieder sieben Weinhübler Einbrüche zu Buche.

„Das ist kein Wunder“, sagt ein Hausbesitzer: „Neben dem Wehr wurde auf polnischer Seite eine kleine Anlegestelle gebaut, da ist ein Schlauchboot schnell im Wasser. Und ständig sitzen dort angebliche Angler. Die werden wohl eher im Trüben fischen, sprich die Grundstücke beobachten.“ Hans-Jürgen Jüttner fordert mehr Polizeikontrollen, Rudi Franke wird noch deutlicher: „Wir fühlen uns hier von Polizei und Kommunalpolitik einfach alleingelassen.“

Dabei hat der Leiter des Görlitzer Polizeireviers, Raik Schulze, längst die Kontrollen von uniformierten und zivilen Streifen in Weinhübel verstärkt. „Dennoch ist für die Diebe das Risiko freilich gering, erwischt zu werden, denn in dem überschaubaren Gelände ist es schwer, unauffällig zu kontrollieren“, gesteht er ein. Auch die polnische Polizei kennt das Problem. Deren Sprecher berichtet von ebenfalls stark angestiegenen Einbruchsfällen in Lauben und Baustellen östlich des Flusses. In polnischen Polizeikreisen vermutet man, dass derzeit beiderseits der Neiße Banden von außerhalb tätig sind. Zumindest beim ersten Erfolg der Görlitzer Polizei kann man das aber nicht feststellen: „Wir ermitteln gegen einen 19-jährigen Zgorzelecer wegen mehrerer Einbrüche im Stadtteil Weinhübel“, bestätigt der Revierleiter.

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