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An der Straßenbahn ist kein Vorbeikommen

Die SZ teste am Morgen im Berufsverkehr Überholmöglichkeiten auf der Meißner Straße und der Leipziger Straße.

Von Peter Redlich

Ab 1. Juli sollen die Planungspapiere zum Ausbau der Meißner Straße im Radebeuler Rathaus ausgelegt werden. Jeder kann sich dann ein Bild davon machen, wie der ab 2016 geplante Ausbau zwischen Eduard-Bilz-Straße und der Gleisschleife an der Schillerstraße in Radebeul-Ost aussehen soll. Offen ist nach wie vor: Soll die Straße zwei- oder vierspurig ausgebaut werden? Die SZ hat im morgendlichen Berufsverkehr den geplanten Bauabschnitt bis hinein und im Vergleich zur Leipziger Straße getestet, um zu sehen, was es dem Autofahrer bringt.

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Zwischen Hauptstraße und der Stadtgrenze zu Dresden

Es ist morgens 7.30 Uhr. Die Meißner Straße ist gut belebt. Mehr Fahrzeuge rollen Richtung Dresden als umgekehrt. Dort sind die Arbeitsplätze von vielen, die aus Meißen, Weinböhla, Coswig und Radebeul kommen. Ich reihe mich als Fünfter in die Autoschlange ein. In der Straßenbahn Richtung Dresden sitzen geschätzt 60 Fahrgäste. Neun weitere steigen an der Haltestelle Hauptstraße in Ost ein. Die Straßenbahn fährt zügig an. Mit 700 PS wird der Bahnzug angetrieben.

Der Fahrer im Mittelklassewagen an der ersten Stelle hinter der Bahn ist schon beim Abklingeln bis an die letzte Bahntür vorgefahren und will unbedingt vorbei. Bis zur Zinzendorfstraße sind es exakt 326 Meter. Auf dem Fahrradangebotsstreifen sind zwei Radler unterwegs. Sie zwingen den Autofahrer zum Abbremsen. Keine Chance zum Überholen. Einer vor mir biegt ab in die August-Bebel-Straße. Wir sind zu viert hinter der Bahn.

Zwischen Zinzendorfstraße und Haltestelle Forststraße sind 850 Meter Platz. Das ist die größte Chance zum Überholen in ganz Radebeul. Die Straßenbahn braucht vier Sekunden und ist auf Tempo 50. Kein Radfahrer bremst. Zwei Autos vor mir schaffen es, die Bahn zu überholen. Sie müssen dabei auf dem Radstreifen fahren.

Zwischen Stadtgrenze und den Haltestellen in Kaditz

Nochmals eine große Chance zum Überholen. 570 Meter lang ist der Abschnitt zwischen den Haltestellen Forststraße und Kleestraße, bereits auf Dresdner Gebiet.

Der Fahrer vor mir ist offenbar ein ordentlicher. Er hält strikt die vorgeschriebenen 50 km/h ein. Und kommt damit etwa an die Spitze der Straßenbahn und wäre auch fast vorbei, als ihm ein Auto bei der Ausfahrt aus der Tankstelle die Vorfahrt nimmt. Aus der Traum vom Überholen. Wir stellen uns wieder hinter der Bahn an. Die Warteschlange ist auf acht Fahrzeuge gewachsen. Kleestraße bis Geblerstraße 278 Meter, Geblerstraße bis Am Trachauer Bahnhof 290, Rankestraße bis Alttrachau 323 Meter, wieder sind Radfahrer unterwegs, die Fahrbahn ist nicht breit genug – keine Chance. Die zügig fahrende Bahn verhindert das Überholen.

Eine neue Möglichkeit gibt es zwischen Alttrachau und Mickten. 671 Meter ist hier der Abstand zwischen den Haltestellen. Mein Vorfahrer traut sich, trotz der Kurven auf der Leipziger Straße und schafft das Überholen der Bahn, aber nur, weil die auch in den Kurven abbremsen muss. Mir gelingt es nicht mehr.

In Mickten stehe ich. Aus der Lommatzscher rollen beim grünen Pfeil vier Rechtsabbieger vor mir ein. Wir sind wieder zu fünft hinter der Bahn. Doch die Leipziger Straße ist ab hier gut ausgebaut. Mal sehen, was noch geht.

Zwischen Straßenbahnhof Mickten und Am Alten Schlachthof vor der City

Vorerst gar nichts. Zuckelverkehr bis hinter Ballhaus Watzke. Aber dann: Ab hier wird die Leipziger vierspurig. Allerdings: Die Bahn hatte früher freie Fahrt als die Autos. Wir sind sowohl in Altpieschen als auch am Halt Oschatzer Straße weiter fünf Autos hinter der Bahn. Eine Haltestellenampel stoppt uns. Ab der Oschatzer Straße bis zum Alexander-Puschkin-Platz gibt es zweimal Strecken, die über 500 Meter lang sind. Zwei Autos aus der Schlange vor mir schaffen es, mit leicht überhöhter Geschwindigkeit an der Bahn vorbei zu kommen. Hinter dem Puschkin-Platz gelingt das auch meinem Vordermann und mir.

Fazit: Ich habe es auf den knapp sechs Kilometern zwischen der Hauptstraße in Radebeul-Ost und fast der Stadtmitte in Dresden geschafft, an der Straßenbahn vorbeizukommen. Der Zeitgewinn im Vergleich zum Hinterherfahren war gleich null. Berechnungen von Verkehrsexperten besagen, dass 400 Meter nötig sind, um eine Straßenbahn, die im Durchschnitt, mit Anfahren und abbremsen, 40 Km/h fährt zu überholen. Vorausgesetzt, man ist auf dem ersten Platz hinter der Bahn.