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Anders sein und voneinander lernen

Jacqueline Tabor aus Niesky engagiert sich im Verein Lebenshilfe. Dabei leitet sie selbst einen Kindergarten.

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© André Schulze

Von Katja Schlenker

Sofort kommt Lotti angerannt, als sie ihre Mutti erblickt. Da wird sich erst mal in den Arm gefallen. Lottis Bruder Moritz braucht ein wenig länger, ehe er mitbekommt, dass Mutti zum Abholen da ist, zu sehr ist der Dreijährige mit Spielen beschäftigt. Jacqueline Tabors Kinder besuchen den heilpädagogischen Kindergarten „Pusteblume“ in Niesky. Der wird vom Verein Lebenshilfe für Geschädigte Niesky getragen. Die 34-Jährige ist die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins.

Dabei leitet sie selbst den Kindergarten „Zur Eisenbahn“ in Hähnichen. Allein das erfordert eine Menge Zeit und Kraft. In ihrer Freizeit kommt dann noch der Nieskyer Kindergarten dazu. Der liegt ihr sehr am Herzen, sagt sie. Weil es wichtig ist, dass Menschen, die ein Handicap haben oder mehr Hilfe brauchen als andere, unterstützt werden und dadurch ihren Alltag so normal wie möglich gestalten können. Die Einrichtungen, in denen das möglich ist, sind noch immer rar.

Der erste Kontakt zum Kindergarten entsteht bald nach dem Studium. Jacqueline Tabor hat Sozialarbeit studiert, möchte nach der Theorie die Praxis bei der Arbeit in den Gruppen kennenlernen. Außerdem arbeitet sie an einem Projekt mit, das die alte Schule in Diehsa zu einer Radfahrerherberge umgestalten soll. Diese wiederum soll von Behinderten betrieben werden. Das Projekt scheitert damals, aber Jacqueline Tabor bleibt dem Lebenshilfe-Verein in Niesky weiter treu.

Auch noch, als sie in den Kindergarten „Zur Eisenbahn“ in Hähnichen wechselt. Dort wird die Stelle der Leiterin ausgeschrieben. Sie bewirbt sich und bekommt den Posten. „Mir war es nach dem Studium wichtig, die Gruppentätigkeit kennenzulernen und Praxis zu bekommen“, sagt sie. „Aber ich hatte schon das Ziel, einmal die Leitung eines Kindergartens zu übernehmen.“ Zum einen ist die Arbeit abwechslungsreich, weil neben der Arbeit mit den Kindern auch ein Teil an Verwaltungsaufgaben zu erledigen ist. Zum anderen kann Jacqueline Tabor das, was sie im Studium gelernt hat, so optimal nutzen.

Dass ihre eigenen Kinder nicht in den Hähnichener Kindergarten gehen, ist für die 34-Jährige völlig in Ordnung. „Es ist gut, wenn die Kinder zeitig merken, dass andere anders sein können“, sagt sie. „Das aber gar nicht schlimm ist und man dennoch voneinander lernen kann.“ Auf die Frage, ob sie sich weiter im Verein engagiert, wenn ihre Kinder hier nicht mehr in den Kindergarten gehen, antwortet sie, ohne zu zögern: „Na klar.“ Im dritten Jahr gehört sie zum Vorstand des Vereins. Dabei profitiert sie auch von ihrer Ausbildung. „Wer aus dem Bereich kommt, sieht Sachen schon anders, als jemand, der zum Beispiel Kaufmann ist“, sagt sie.

Der Verein Lebenshilfe ist eher ein kleiner, der Vorstand arbeitet ehrenamtlich. Einmal im Monat wird sich in der Regel getroffen. Da geht es um die Belange des Vereins, vor allem die des Kindergartens. Wenn zum Beispiel etwas umgebaut werden soll, wird das zuvor bei einer Sitzung besprochen. Fünf Mitglieder bilden den Vorstand. Seit drei Jahren engagiert sich Jacqueline Tabor in dem Gremium. Die Nieskyerin ist damals gefragt worden, ob sie nicht mitmachen möchte. Da musste sie nicht lange überlegen.

Denn Einrichtungen wie der heilpädagogische Kindergarten müssen immer wieder um ihre Berechtigung kämpfen. So werden zum Beispiel die Plätze für Kinder mit zusätzlichem Bedarf weniger im Landkreis Görlitz. „Aus unserer Sicht ist der Bedarf aber da“, sagt Jacqueline Tabor. „Andere sehen das eben anders.“ Solche Hürden machen es schwieriger, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Auch im 25. Jahr, in dem es den Kindergarten gibt.