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Angst und Elend

Einwohnerin Käthe Franke hat ein Tagebuch über das Kriegsende in Sebnitz geführt. Es wird erstmals veröffentlicht.

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Im April 1945 kamen viele Flüchtlinge durch und nach Sebnitz, und wir sahen sehr viel Elend. Wir räumten die Druckerei aus und nahmen Flüchtlinge auf. Erst welche aus Oberschlesien, dann eine Bautzener Familie. Am 5. Mai kam der Befehl: Packen zur Flucht, die Panzersperren wurden zugemacht, auch die unter uns auf der Böhmischen Straße bei Mitzscherlings. Wir hörten das Fallen der Baumstämme beim Öffnen und Schließen der Sperre und kamen nicht zur Ruhe.

Montag, der 7. Mai: 11 Uhr sollte unser ganzes Stadtviertel abgehen in die Sächsische Schweiz. Doch kein einziger Mensch war am Stellplatz. Wie alle Sebnitzer, hatten auch wir beschlossen, nicht all unsere Habe im Stich zu lassen. Und wie gut es war, dass wir nicht flüchteten. Denn die wenigen, die die Stadt verließen, wurden unterwegs geplündert, und als sie zurückkamen, fanden sie ihre Wohnungen durchwühlt, zerstört, von anderen Leuten besetzt vor.

Dienstag, der 8. Mai: Vormittags war ich in der Stadt, Vatis Pistole abliefern. Welch unbeschreibliches Flüchtlingselend auf dem Markt! Gegen Mittag setzte plötzlich ein Geknalle rings um die Stadt ein, wir befürchteten das Schlimmste. Da unser Bürgermeister Sebnitz zur offenen Stadt erklärt hatte, wurde Sebnitz nicht verteidigt. Das Geknalle kam von Geschützen, die beim Feldschlößchen und am Finkenberg in den Kampf eingegriffen hatten, aber nach Neustadt flohen. Gegen 19.30 Uhr stand ich mit meiner Tochter noch bei Buschmanns, als vom Hammer- nach dem Finkenberg mit Leuchtmunition geschossen wurde. Schnell zogen wir uns an und ab in den Keller. Auch unsere Koffer brachte ich dort hin. An der Blumenstraßenbrücke brannte es, sie sollte gesprengt werden! Wir hatten alle große Angst, doch dann stellte sich heraus, dass nur ein Motorrad brannte. Im alten Haus und im Keller wimmelte es nur so von Menschen und Gepäck. 31 Menschen, darunter 13 Kinder, waren bei uns. Auf Kisten und Koffern hatte ich meiner Tochter aus Decken und Bademänteln ein weiches Lager zurecht gemacht. Als nach fünf Uhr die ersten Russen zu sehen waren, wurde sie durch den Lärm munter. Ich hatte kein Auge zugetan. Es war auch empfindlich kalt. Im Morgengrauen sehe ich von Hesses herauskommend die ersten Russen. Durch Haustür und Fenster haben wir herausgespäht und sie beobachtet.

Nun hatten wir den 9. Mai 1945. Am Vormittag plötzlich eine Rauchsäule am Himmel: Die Keksfabrik Schulze brannte! Warum? Angeblich sollen Russen eine Hakenkreuzfahne und ein Führerbild gefunden haben! Übrigens waren die Ersten, die erschienen, keine Russen, sondern Polen.

Vier Tage haben wir nichts gegessen, es ging einfach nicht, nur getrunken. Vier Tage habe ich vollständig angezogen geschlafen. Wir waren nicht fähig, etwas zu tun oder zu arbeiten. Dann kamen die ersten Plünderer zu uns. Zwei Offiziere. Sie verlangten Schmuck, Uhren, Waffen, Fotos. Unsagbar meine Gedanken und Gefühle, als sie alles durchsuchten. Jeden Schrank, jedes Schubfach. Am folgenden Tag kamen gleich vier Mann, wieder ein Offizier dabei, und am dritten Tag kam der Offizier nochmals und holte das Koffergrammophon mit den Platten. Sehr viele Vergewaltigungen sind vorgekommen. Ich hatte mich entsprechend maskiert, sodass mich alle in Ruhe ließen. 14 Tage bin ich nicht vom Berge runter gekommen, aus Angst vor den Polen. Hab’ mir mein altes Dirndl angezogen und ein Tuch um meine blonden Haare gebunden. Eine erste Maßnahme war gleich: Radios abgeben. Ein Aufatmen ging durch die Stadt, als die Polen abzogen und die russische Besatzung kam. Es hörte das Plündern auf, doch die Bauern haben noch drunter zu leiden – fast alles Vieh und die Vorräte wurden ihnen geraubt.

14 Tage waren wir ohne Licht, drei Wochen ohne Gas und bis heute (17. Juni) haben wir weder Zeitung noch Radio – wir leben wie auf dem Monde. Am 10. Juni kam zum ersten Male wieder der Briefträger.

Lebensmittelzuteilung bekommen wir etwas. Die Woche 100g Fleisch und zwei Kilo Kartoffeln. Bis heute als einmalige Zuteilung etwas Seife, eineinhalb Pfund Zucker, ein Kilo Nährmittel, ein Viertel Pfund Butter, etwas Quark. Vier Wochen nach der Besetzung veranstalteten die Russen in „Stadt Dresden“ ein Varieté. Mit Zittern und Zagen bin ich mit Nachbarsfrauen hingegangen, war jedoch angenehm überrascht.

Bis jetzt haben wir nichts weiter auszustehen, und wir wollen zufrieden sein und Gott danken, wenn es so bleibt.

Das Tagebuch hat Käthe Franke für ihre damals fünf Jahre alte Tochter geschrieben. Zur Verfügung gestellt wurden die Auszüge von Ute Kaufer.