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Angst vor Altersarmut

Eine schwer kranke Großenhainerin hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Nun droht ihr der finanzielle Absturz.

Von Catharina Karlshaus

Monika Lehmann* hat nächste Woche Geburtstag. An einem Sonntag. Eine gute Gelegenheit also, um zu feiern. Allerdings: Der Noch-61-Jährigen ist in diesem Jahr nicht danach zumute. Wie ein Damoklesschwert schwebt der 1. Juli inzwischen über der Großenhainerin. Denn ab diesem Tag wird sie arbeitslos sein. Ab diesem Tag wird sich alles ändern und Monika Lehmann weiß noch nicht genau, wie sie diesen Veränderungen praktisch begegnen soll. „Ich habe mehr als 40 Jahre gearbeitet und werde dann als geschiedene Frau mit einem monatlichen Einkommen von 721 Euro dastehen“, sagt sie leise. Allein 448 Euro gingen dabei für die Miete weg, dazu noch Strom und Telefonkosten. Die 250 Euro, die noch übrig blieben, würden wohl kaum ausreichen, um über den Monat zu kommen. Das zuständige Amt – Monika Lehmann beantragte beim Sozialamt sogenannte Leistungen zur Grundsicherung – bescheinigte ihr zunächst bis Jahresende einen monatlichen Zuschuss von 124,01 Euro. Und gab letztlich den Hinweis, dass die jetzige Wohnung mit 66 Quadratmeter zu groß sei und sie doch bitte in eine 45 Quadratmeter große Wohnung ziehen möchte. „Das war alles. Mehr habe ich wohl nach all den vielen Arbeitsjahren und dem Aufziehen eines mittlerweile erwachsenen Sohnes nicht zu erwarten“, resümiert Monika Lehmann niedergeschlagen.

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50 Operationen in acht Jahren

Ein ohnmächtiges Gefühl, das sich erst recht in ihr breitmacht, nachdem das Leben schon so manchen Umweg, viele Kraftproben und qualvolle Schicksalsschläge bereitgehalten hat. Aufgewachsen in der Region, wurde Monika bereits mit einer angeborenen Nierenschwäche geboren. Allein vom zwölften bis zum 20. Lebensjahr musste die eigentlich lebenslustige Frau gut 50 Mal an den Schrumpfnieren operiert werden. Ihre Lehre als Bäckerin beendete sie zwar, aber in diesem Beruf arbeiten konnte sie nie. Zu groß waren die körperlichen Einschränkungen, zu häufig diktierte der geschundene Körper vor, doch besser etwas kürzer zu treten. Als sie deshalb auch ihre Tätigkeit im Stahlwerk Gröditz aufgeben musste, sei sie dankbar gewesen, dass sie 1974 zunächst in der Großenhainer Poliklinik und ab 1997 in der Bibliothek des hiesigen Krankenhauses anfangen durfte. Eine Arbeit, die sie wirklich gern gemacht habe. Die ihr inmitten der ständigen Sorgen – ihr erstes Kind starb drei Tage nach der Geburt – immer einen Halt gegeben habe. Selbst als Monika Lehmann schließlich dreimal in der Woche zur Dialyse gehen musste, habe sie dienstags und donnerstags den Patienten die Bücher ausgegeben. Dieses Stück Normalität, ein wenig verlässlicher Ablauf, genau das ließ sie vielleicht auch durchhalten. Bis zu jenem Abend im Dezember 2008. Kurz vor 23 Uhr klingelte das Telefon, eine Schwester der Uniklinik Dresden war am anderen Ende der Leitung. „Sie sagte mir, ich soll mich sofort anziehen und kommen. Endlich gab es für mich eine passende Spenderniere. Diesen Moment werde ich niemals vergessen“, erinnert sich Lehmann.

Gut möglich, dass die Großenhainerin an jenem 12. Dezember erleichtert gedacht hat, nun könne ihr nichts Schlimmes mehr passieren. Nach all den gesundheitlichen Problemen, den manchmal nicht ganz einfachen Jahren als alleinerziehende Mutter, geht es nun endlich aufwärts. Jetzt, mit dieser neuen Niere, weg von der Dialyse und den lästigen Nebenwirkungen all der Medikamente. „Nachdem ich mich erst mal von der Transplantation erholen musste, war das auch zunächst so. Zwar musste ich nach der Schließung des Großenhainer Krankenhauses drei Jahre ins Klinikum nach Riesa fahren. Es war anstrengend, aber störte mich nicht“, bekennt Monika Lehmann und schaut zu Boden.

Seit ihrer Invalidisierung im August 1971 habe sie ohnehin nicht mehr voll arbeiten können. Aber die 400 Euro für ihre 28-Stunden-Tätigkeit zur Rente garantierten ihr wenigstens ein monatliches Einkommen von 1 100 Euro. Bis jetzt, doch in wenigen Wochen soll das nun alles anders sein. Das Riesaer Klinikum strukturierte um und kündigte die beiden Mitarbeiterinnen aus der Bibliothek. Opulente materielle Sprünge habe Monika Lehmann ja nie machen können. Die modernisierte Wohnung in einem ruhigen Großenhainer Viertel ist neben der Transplantation die einzige greifbare Errungenschaft nach der politischen Wende. „Das wenige Geld, das ich zur Verfügung hatte, habe ich für die Ausbildung meines Sohnes verwendet und natürlich in Medikamente investiert. Ich habe Deutschland noch nie verlassen, kenne die Länder, welche andere Leute glücklicherweise bereisen konnten, nur aus Zeitschriften und dem Fernsehen.“

Allerdings: Monika Lehmann muss nicht erst wortreich versichern, dass es ihr mit dem Vorstoß in die Öffentlichkeit keineswegs darum geht, bald die Koffer zu packen. Vielmehr ist es die große Angst, plötzlich den Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu können. Nicht mehr für das finanziell aufkommen zu können, was jedem Menschen – erst recht einem, der ein Leben trotz schwerer Krankheit gearbeitet hat – doch zustehen sollte. Ein Dach über dem Kopf, Essen und Kleidung, dazu die notwendigen Medikamente. Inmitten von Großenhain drohe ihr – doch bereit, weiter zu arbeiten – das, was sie bisher in Zeitungen über Rentner in Frankfurt, München oder Hamburg gelesen hat: Der gnadenlose Absturz in die Altersarmut. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen, habe furchtbare Angst und hoffe auf ein Wunder.“ (*Name geändert)