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Angst vor der Abschiebung ins Heim

Der Bundestag entscheidet über ein Gesetz zur Intensivpflege. Beatmungspatienten sollen vorrangig stationär betreut werden. Angehörige kämpfen dagegen.

Ein letztes bisschen Teilhabe am sozialen Leben: Frank Schindhelm (52) kann dank der Pflege durch seine Frau Romy und Intensivfachpflegerin Katja Wirsig zu Hause in Zwickau wohnen. Ist das jetzt bald vorbei?
Ein letztes bisschen Teilhabe am sozialen Leben: Frank Schindhelm (52) kann dank der Pflege durch seine Frau Romy und Intensivfachpflegerin Katja Wirsig zu Hause in Zwickau wohnen. Ist das jetzt bald vorbei? © Ronald Bonß

Ob Frank Schindhelm aus Zwickau die Aufregung seiner Frau versteht, lässt sich schwer sagen. Der 52-Jährige kann nicht sprechen, nicht schlucken, nicht atmen und sich nicht mehr bewegen. Grund dafür ist eine fortschreitende Erkrankung der Muskeln und Nerven – die Amytrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Fünf Vollzeitpflegekräfte, alles ausgebildete Intensivfachpfleger, kümmern sich seit neun Jahren rund um die Uhr um ihn. Doch seine Frau Romy hat Angst, dass das bald vorbei sein könnte. Denn der Bundestag entscheidet am Donnerstag (2. Juli 2020) über einen Gesetzentwurf, der die Intensivpflege, vor allem aber die Betreuung von Menschen, die wie ihr Mann auf Beatmung angewiesen sind, neu regelt. Aufgrund des Widerstandes von Angehörigen und Behindertenorganisationen, aber auch von Ärzteverbänden ist der Entwurf in den vergangenen Monaten viel diskutiert worden.

Zur Entscheidung steht jetzt ein Gesetzesvorschlag, nachdem Intensivpflegepatienten ihren Anspruch auf häusliche Versorgung verlieren, wenn die Pflege dort nicht „tatsächlich und dauerhaft“ sichergestellt werden kann. Zu beurteilen hat das der Medizinische Dienst der Krankenkassen – und zwar jährlich aufs Neue. Der Dienst soll ebenfalls darüber befinden, ob es für den Patienten Alternativen zur Beatmung gibt. Zum Anreiz sollen Krankenhäuser eine zusätzliche Vergütung bekommen, wenn sie Maßnahmen zur Entwöhnung von der künstlichen Beatmung – Weaning genannt – anbieten. Tun sie dies nicht, drohen Abschläge. Auch die zuletzt meist höheren Zuzahlungen für eine stationäre Intensivpflege wurden im aktuellen Entwurf mit denen der ambulanten Pflege gleichgestellt.

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Angehörige wie Romy Schindhelm sehen aber durch die Besserstellung stationärer Intensivpflegeeinrichtungen und des sich immer stärker zuspitzenden Personalmangels in der Pflege die häusliche Versorgung gefährdet. „Denn wer kann schon so weit in die Zukunft schauen und sagen, ob der Pflegedienst wirklich dauerhaft die Betreuung eines Patienten übernehmen wird?“ Aus ihrer Sicht würden durch solche Regelungen die Versorgungsprobleme des Gesundheitswesens auf dem Rücken der schwerst Pflegebedürftigen ausgetragen.

Intensivpflege zu Hause teurer

Gerade in Coronazeiten hätten sich die negativen Seiten der stationären Pflege gezeigt. „Wochenlang konnten Pflegebedürftige ihre Angehörigen nicht sehen. Viele haben sehr darunter gelitten. Die Gefahr einer Ansteckung war dort auch viel höher als zu Hause“, sagt sie. Aufgabe des Gesundheitssystems müsste es deshalb sein, alle Möglichkeiten zu nutzen, um mehr Pflegepersonal zu gewinnen. Damit Patienten wie ihr Mann, die gut zu Hause gepflegt werden, nicht um ihre Versorgung bangen müssen. Unterstützung bekommen die Angehörigen von der Bundesvereinigung Lebenshilfe, einer Organisation, die sich für Behinderte und Pflegebedürftige stark macht.

Die Krankenkassen jedoch sehen in dem neuen Gesetz keine Nachteile in der Versorgung von beatmeten Patienten. Denn damit werde ihnen der Zugang zu besonders qualifizierten stationären Pflegeeinrichtungen deutlich erleichtert, sagt die Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen Ulrike Elsner. „Gleichzeitig bleibt aber die Möglichkeit erhalten, dem nachvollziehbaren Wunsch der Patienten und Angehörigen nach einer Versorgung zu Hause nachzukommen. Doch nur dann, wenn es medizinisch und pflegerisch zu vertreten ist.“

Denn Intensivpflege zu Hause ist teuer. Laut der Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin koste die Pflege eines Beatmungspatienten im Heim pro Monat rund 8.000 Euro, zu Hause 25.000 Euro. „Seit 2003 ist der Bedarf an ambulanter Intensivpflege regelrecht explodiert. Gab es damals deutschlandweit 500 solcher Patienten, sind es heute fast 20.000“, so der Sprecher der Gesellschaft Dr. Jens Geiseler.

Auch die AOK Plus spricht in Sachsen von einem starken Anstieg der Intensivpflege zwischen 2010 und 2017. „Seit 2018 stabilisiert sich aber der Bedarf“, sagt Sprecherin Hannelore Strobel. In Sachsen würden aktuell etwa 500 Versicherte pro Monat intensivpflegerisch versorgt, davon etwa 350 ambulant und 150 stationär. „Die Zahlen im ambulanten Bereich sind etwas rückläufig, dafür ist stationär ein Anstieg zu verzeichnen.“

Schwarze Schafe

Für Jens Geiseler ist die ambulante Intensivpflege zu einer Industrie geworden und zum Spekulationsobjekt. Finanzinvestoren schöpften hohe Renditen aus der Pflege. Deshalb wollten einige Pflegedienste diese attraktiven Patienten nicht unbedingt abgeben. So sei es auch zu erklären, dass viele Menschen unnötig an ihr Beatmungsgerät gebunden blieben, obwohl die Erfolgsaussichten einer Entwöhnung in Weaning-Zentren sehr gut seien. 46 solcher Zentren gebe es in Deutschland, zwei davon in Sachsen – in Coswig bei Dresden und in Leipzig. Der geplante finanzielle Anreiz für die Entwöhnungsbehandlung sei deshalb richtig. Doch das müsste kein Ende der Eins-zu-eins-Versorgung bedeuten, die vielen trotz der Schwere ihrer Erkrankung ein lebenswertes Leben ermöglicht.

Wie bei Frank Schindhelm. „Bei schönem Wetter sind wir im Garten, dort fühlt sich Frank besonders wohl. Auch sonst verbringen wir viel Zeit zusammen“, sagt seine Frau Romy. In einem Heim wäre das nicht möglich. Doch auch medizinisch hätte die stationäre Betreuung aus ihrer Sicht Nachteile. Lockere sich zum Beispiel der Beatmungsschlauch, müsse schnell reagiert werden. Auch wenn der Schleim abgesaugt werden müsse. Sonst drohe Erstickungsgefahr. „Muss sich aber eine Pflegekraft um mehrere Intensivpatienten gleichzeitig kümmern, geht das nicht.“

Deshalb hoffen Angehörige wie sie, dass die Patienten einen Anspruch auf Intensivpflege zu Hause haben. „Natürlich muss der Medizinische Dienst die Qualität der Pflege überprüfen. Es gibt ja auch schwarze Schafe.“ Doch wegen einiger weniger dürfte nicht ein bewährtes System in Frage gestellt werden.

Stimmt der Bundestag am Donnerstag dem Gesetzentwurf zu, bleibt Angehörigen nur noch die Hoffnung auf den Bundesrat. Der soll am 18. September das letzte Wort zum Intensivpflegegesetz sprechen.

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