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Dippoldiswalde

Angst vor neuer Dürre

Wochenlang gab es vielerorts kaum Niederschlag, bis jetzt der Regen kam. Noch ist aber das Jahr nicht abgeschrieben.

Stephan Claus, Chef der PLD, muss seine Kühe zusätzlich füttern. Auf der Weide in Röthenbach wächst bisher nicht genug.
Stephan Claus, Chef der PLD, muss seine Kühe zusätzlich füttern. Auf der Weide in Röthenbach wächst bisher nicht genug. © Karl-Ludwig Oberthür

Genüsslich kauen die Kühe und Kälber der Pretzschendorfer Landwirtschafts- und Dienstleistungsgesellschaft (PLD) die jungen Halme, die sie auf der Weide in Röthenbach finden.

Für die Tiere ist es nach dem Winter der erste Tag draußen. Obwohl die Wiese bisher kaum beansprucht ist, sind hier und da schon Lücken in der Grasdecke. PLD-Chef Stephan Claus wundert das nicht. Der Winter brachte zwar Niederschlag, sagt er, doch bis das Osterzgebirge auf Temperatur ist und die Frühlingssonne das Pflanzenwachstum anregt, dauert es für gewöhnlich etwas. „Jetzt, wo die Wärme da ist, fehlt das Wasser“, sagt Stephan Claus. Zwar hat der Regen der vergangenen Tage die Spitze erst einmal abgebrochen. Aber: „Die Böden haben nicht viel Wasser gespeichert.“ Den Grund dafür sieht er im Wasserdefizit aus dem Vorjahr, das noch nicht ausgeglichen ist.

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„Bisher ist kaum etwas gewachsen“, stellt Stephan Claus fest. Seine Tiere brauchen deshalb jetzt schon zusätzliches Futter, das auf der Wiese bereitsteht. Die Kühe knabbern das, was an Reserve übrig ist. Und viel ist das nicht mehr. Denn nach dem sogenannten ersten Schnitt – dabei wird Gras für Tierfutter zum ersten Mal im Jahr gemäht – sei 2018 kaum mehr etwas nachgewachsen. „Wir können fast von einem Totalausfall sprechen.“ Üblicherweise wird das Gras vier Mal im Jahr geschnitten und sichert damit das Futter für die Tiere über den Winter. „Wir hatten immer die Hoffnung, dass der Regen kommt, aber er kam nicht“, erinnert sich Stephan Claus noch deutlich an die Situation im Dürrejahr. Auch beim Silomais, der mitverfüttert wird, gab es erhebliche Ausfälle. Insgesamt sind etwa 50 Prozent dessen weggefallen, was sonst an Gras- und Maissilage eingefahren wird. Um den Tierbestand über den Winter zu bringen, sei ihnen keine andere Wahl geblieben, als sich von einigen Tieren zu trennen. 50 Kühe kamen entweder zum Schlachter oder wurden als Zuchtkühe verkauft. Für die restlichen 480 Tiere hat das Futter gereicht. „Wir hatten noch Reserven aus den Vorjahren und konnten davon zehren. Aber wenn jetzt noch mal so ein Jahr käme, wäre es richtig verheerend.“

Um die leeren Vorratsspeicher wieder aufzufüllen, wird 2019 auf insgesamt 110 Hektar Futter statt Getreide angebaut. Da der Betrieb neben Mutterkuhhaltung und Milchproduktion auch auf Getreideanbau fußt, wird sich die geringere Anbaufläche am Ende finanziell bemerkbar machen, ein Teil des Erlöses aus dem Getreideverkauf wird fehlen. „Wir hoffen, dass nächstes Jahr wieder besser wird“, sagt Stephan Claus und gibt sich zuversichtlich. Die Ernte dieses Jahr sei trotz des holprigen Auftakts noch nicht verloren – geerntet wird schließlich erst ab Juli. Bis dahin stehen Winterweizen, -gerste, Sommergerste und Raps auf den Feldern der PLD. Insgesamt bewirtschaftet der Betrieb etwa 1 400 Hektar, davon 850 Hektar Ackerland und 550 Hektar Dauergrünland. Wichtig für das Pflanzenwachstum wäre, dass bis zur Ernte weiterer Regen fällt und die Sonne ordentlich scheint, weiß Stephan Claus.

Das wünscht sich auch Sylvia Konrad, Geschäftsführerin des Regionalbauernverbands Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. „Der Regen jetzt war ein Anfang, es könnte aber noch gerne weiterregnen.“ Im Kreis seien in den vergangenen Tagen bis 20 Liter pro Quadratmeter gefallen. „Besonders für das Grünland war der Regen extrem wichtig.“ Denn um bis zum ersten Schnitt im Mai noch ordentlich Masse zuzulegen, müsse vor allem das Untergras noch deutlich wachsen.

Möglichst viele Gräser, Klee und Wildkräuter zu ernten, die den Ertrag auf dem Grünland ausmachen, sei besonders für Landwirte mit Tierhaltung äußerst wichtig, sagt Sylvia Konrad, denn die Silos sind leer. Wie auch die Pretzschendorfer bauen deshalb einige auf einem Teil ihrer Flächen Futter statt Getreide an. „Manche opfern auch ihr Getreide und mähen die Pflanzen als Grünmasse ab. Sie müssen schauen, wie sie ihre Silos wieder vollkriegen.“ Vor dem Regen sei die Anspannung bei vielen deutlich spürbar gewesen, bestätigt Sylvia Konrad. Kein Wunder, schließlich waren die Ernteeinbußen vergangenes Jahr für einige Landwirte und landwirtschaftliche Betriebe im Kreis erheblich. Im Durchschnitt wurden 20 Prozent Verluste eingefahren, einige hatten sogar ein Minus von mehr als 30 Prozent und konnten Dürrehilfe beantragen. „Viele haben Angst, dass es wieder so ein schlechtes Jahr wird für die Landwirtschaft“, sagt Sylvia Konrad.

Zwar Hoffnung, aber keinen Anlass zu Entwarnung sieht auch der Regionalbauernverband Bautzen-Kamenz. Denn das Defizit an Grundwasser, das das extrem trockene Vorjahr an 2019 vererbt hat, ist noch lange nicht wieder aufgefüllt. Das bestätigt auch der Deutsche Wetterdienst (DWD). Nach seinen Berechnungen waren die Böden im Frühjahr 2018, zu Beginn der Vegetationsperiode, viel feuchter als jetzt – dank üppiger Niederschläge in den Jahren zuvor. Vergangene Woche warnte Udo Busch, Leiter Agrarmeteorologie des DWD: „Sollte die trockene Witterung in den kommenden Monaten anhalten, könnte sich die Dürre des Jahres 2018 wiederholen oder sogar übertroffen werden.“ Dann müsste die Landwirtschaft in Deutschland auch 2019 mit Ertragseinbußen rechnen.

Ob ein neues Dürrejahr bevorsteht, kann derzeit noch niemand sagen. Feststellen lässt sich dagegen: Die Bauern in der Bundesrepublik sind nach wie vor viel schlechter gegen Dürre abgesichert als ihre Berufskollegen in anderen Ländern. Denn anders als in Österreich, Frankreich oder den USA gibt es in Deutschland keine staatlichen Zuschüsse für eine Dürreversicherung. Die Agrarminister der Bundesländer haben dem Bund das Thema vergangenen Herbst vorgelegt, konkrete Ergebnisse gibt es noch nicht. (mit Tilo Berger und dpa)