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Animal Hoarding: Wenn Tiere zur Sucht werden

Immer wieder werden Vierbeiner aus Haushalten von Tiermessis befreit. Für sächsische Tierheime ist das eine große Belastung.

Sauber, wohlgenährt, mit Hängebrücke: Den Chinchillas im Freitaler Tierheim ging es anfangs deutlich schlechter.
Sauber, wohlgenährt, mit Hängebrücke: Den Chinchillas im Freitaler Tierheim ging es anfangs deutlich schlechter. © Inga Kjer/dpa

Von Luise Anter

Die Gitterkäfige stapelten sich bis zur Decke. Darin hockten 55 Chinchillas, jedes ganz allein auf dem kargen Metallboden. „Da bin ich erst mal rückwärts wieder raus“, erinnert sich Anja Witzmann. Sie leitet das Tierheim Freital und war dabei, als die Chinchillas befreit wurden. Sie gehörten einem Animal Hoarder.

„Animal Hoarding“ ist eine Krankheit – die Sucht, Tiere zu sammeln. Die Betroffenen halten viel mehr Tiere, als artgerecht wäre, oft mehr als hundert. Den Tieren fehlt es an Nahrung und Wasser, sie sind schmutzig und krank. Erfährt das Veterinäramt von einem, beispielsweise, weil Anwohner Verdacht schöpfen, muss es handeln. Der Halter bekommt zunächst Auflagen. Erfüllt er die nicht, werden ihm die Tiere weggenommen. Sie kommen dann zu Privatleuten oder in Betriebe mit leeren Ställen. Nutztiere können auch geschlachtet werden. Die allermeisten Tiere aber kommen in Tierheime.

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Deutschlandweit gab es 2018 laut Deutschem Tierschutzbund 59 sogenannter Fortnahmen. Zehn waren in Sachsen, so das für Tierschutz zuständige sächsische Sozialministerium. Dabei wurden insgesamt 759 Tiere beschlagnahmt, darunter 122 Katzen und 257 Nager, aber auch Mufflons, Axolotls und Geflügel. Ein Tier musste notgetötet werden. 2019 gab es in Sachsen nur drei Fälle, bei denen 55 Chinchillas und ebenso viele Katzen befreit wurden.

Tierheime sind unterfinanziert

Das Tierheim Freital hat einige Wochen vorher von den Chinchillas erfahren. Für acht graue Nager haben sie Platz geschaffen. Andere Tierheimleiter berichten davon, dass sie teilweise nur wenige Tage vorher oder am gleichen Tag erfahren haben, dass sie Zuwachs bekommen. „Man kann sich kaum darauf vorbereiten“, sagt Ramona Laske vom Tierschutzverein Löbau-Zittau. Dessen Bischdorfer Tierheim hat eine Scheune geerbt, die als Notunterkunft dient. 

Aber die meisten Tierheime haben nur wenig kurzfristig verfügbaren Platz. Deshalb werden die Tiere auf mehrere Heime verteilt, teils sogar in andere Bundesländer. Ist ein Platz gefunden, müssen die geretteten Tiere auch versorgt werden. Oft sind sie krank und nicht geimpft. Eines der Chinchillas aus Freital konnte ein Bein nicht mehr bewegen, es hatte sich am Gitterkäfig verletzt. „Wir wussten nicht, ob er es schafft“, sagt Witzmann. Aber sie konnten das Tier aufpäppeln.

All das kostet. Deshalb bekommen die Tierheime Geld von den Veterinärämtern, die meist auch die Tierarztkosten übernehmen. Das Freitaler Tierheim zum Beispiel hat für die neun Chinchillas insgesamt 250 Euro bekommen – obwohl jeder Nager etwa acht Euro am Tag gekostet hat, wie die Vorsitzende Regina Barthel-Marr vorrechnet. Zum Glück wurden die Tiere schnell vermittelt, sodass die Kosten nicht allzu lang anfielen.

Das Geld von den Veterinärämtern reiche nicht, sagen alle sechs Tierheimchefs, mit denen die SZ geredet hat. Sie kritisieren aber weniger die Ämter, sondern die generelle Unterfinanzierung der Tierheime. Die 55 sächsischen Tierschutzvereine bekommen laut Sozialministerium insgesamt 400.000 Euro pro Jahr; weitere 350.000 Euro gehen an die Kommunen für Sachkosten der Tierheime. Allein das Freitaler Tierheim aber hat pro Jahr Kosten von etwa 100.000 Euro – ohne Personalkosten. „Das geht nur mit Herzblut“, sagt Barthel-Marr mit Blick auf Spenden und Ehrenamtliche.

Veterinärämter weisen Kritik von sich

Animal Hoarding ist für die Tierschutzvereine eine große Belastung. Zudem sind die Tiere oft verstört, weil sie lange Zeit in der Enge gelebt haben, oft ohne Auslauf und Kontakt zur Außenwelt. Nach ihrer Rettung müssen sie überhaupt erst an Menschen gewöhnt werden. Die Freitaler Chinchillas waren am Anfang regelrecht apathisch. „Immerhin haben sie den Badesand sofort angenommen“, erzählt Tierheimleiterin Witzmann. Als die Tiere dieses natürliche Verhalten zeigten, „war das schon ein schöner Moment“.

Was aber könnte man gegen Animal Hoarding tun? Von vielen Tierheimchefs hört man: Die Veterinärämter handeln nicht sofort, wenn sie einen Hinweis bekommen. Ein Tierheimleiter berichtet von einem Fall, bei dem das Amt zwei Jahre nicht eingriff – zwei Jahre, in denen sich die Tiere weiter vermehrt haben. „Hätte man gleich zugegriffen, wären weniger Tiere zu verteilen gewesen“, sagt er.

Die Veterinärämter weisen diese Kritik von sich. Man gehe jeder Tierschutzanzeige nach, heißt es etwa vom Veterinäramt Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Die Ämter verhängen aber erst mal Auflagen, etwa, dass Gehege vergrößert werden müssen oder jemand nur eine begrenzte Zahl Tiere halten darf. Die Einhaltung dieser Auflagen wird unangemeldet oder nach Ablauf der erteilten Frist kontrolliert.

Die Beschlagnahmung der Tiere ist das letzte Mittel, schließlich ist sie ein Eingriff in die Rechte des Halters und geht einher mit einem Haltungsverbot. Ohne Gutachten eines Amtstierarztes ist sie gar nicht möglich. Vor Ort ist die Situation dann oft schwierig, weil die Halter nicht verstehen, warum ihnen die Tiere weggenommen werden. Manchmal muss sogar die Polizei gerufen werden.

Tiere spenden Betroffenen oft Trost

Die Tierhorter merken nicht, dass sie ihre Vierbeiner quälen – im Gegenteil. Tierschützerin Ramona Laske erzählt von einer Frau, die immer wieder Welpen im Internet oder auf Schwarzmärkten kaufte, um sie zu „retten“. Viele Betroffene haben auch andere psychische Probleme, sind ängstlich oder depressiv. Die Tiere spenden ihnen Trost. Andere verlieren einfach die Kontrolle über ihre Tiere, wenn die sich immer weiter vermehren.

Die Bundestierärztekammer fordert deshalb unter anderem eine Beratungsstelle für Tierheime und Veterinärämter, wo Psychologen ihnen Tipps im Umgang mit den Tierhortern geben. Die Veterinärämter begrüßen die Vorschläge. Die Bautzener Behörde nimmt schon heute bei schwierigeren Fällen den sozialpsychologischen Dienst mit.

Dem Sozialministerium zufolge ist Sachsen zudem an einer Projektgruppe beteiligt, in der die Bundesländer ein Register über Haltungsverbote diskutieren. Das würde den Veterinärämtern einen besseren Überblick verschaffen und Kontrollen erleichtern. Viele Tierheimchefs meinen zudem, dass man einfach viel zu leicht an Vierbeiner kommt. Ramona Laske formuliert es so: „Solange man Tiere im Zoohandel und im Internet kaufen kann, wird es Animal Hoarding geben.“

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