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"Ich habe versucht, den Finger in die Wunde zu legen"

Annalena Schmidt wurde in Bautzen oft angefeindet, weil sie rechte Strukturen und die Verschwörungsszene ansprach. Jetzt geht sie - nicht im Zorn.

Annalena Schmidt hat in Bautzen immer wieder öffentliche Diskussionen gestartet oder sich in diese eingebracht, wie etwa im Februar 2019 in der Maria-Martha-Kirche. Jetzt verlässt sie die Stadt.
Annalena Schmidt hat in Bautzen immer wieder öffentliche Diskussionen gestartet oder sich in diese eingebracht, wie etwa im Februar 2019 in der Maria-Martha-Kirche. Jetzt verlässt sie die Stadt. © Steffen Unger

Bautzen. Vor einer Woche hatte Annalena Schmidt angekündigt, Bautzen zu verlassen und im Oktober nach Dresden zu ziehen. Nachdem sie vor rund fünf Jahren für einen Job am Sorbischen Institut in die Stadt gekommen war, hat sie immer wieder den Rechtsextremismus und die Verschwörungsszene thematisiert - und ist dafür oft angefeindet worden. Im Interview mit Sächsische.de blickt sie auf ihre Zeit in Bautzen zurück.

Frau Schmidt, im Februar 2019 fand die Diskussionsveranstaltung mit Ihnen, Jörg Drews und OB Alexander Ahrens in der Maria-Martha-Kirche statt. Eine Frau aus dem Publikum sagte damals, dass Sie bislang nichts für Bautzen geleistet hätten. Was würden Sie darauf heute erwidern?

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Ich habe immer wieder versucht, den Finger in die Wunde zu legen und Dinge öffentlich zu machen, Gespräche zu führen, um eine Sensibilität für die Themen zu schaffen, die in der Stadtgesellschaft eine Rolle spielen, nicht nur Rechtsextremismus. Und ich habe mich in den Stadtrat wählen lassen. Ich muss sagen, da habe ich nicht so viel geleistet, wie ich vorhatte. Das liegt aber auch daran, dass ich wegen meiner beruflichen Situation demnächst umziehe und daher nur ein Jahr Stadträtin war.

Wird es ruhiger in Bautzen, wenn Sie nicht mehr hier leben?

Ich denke nicht, weil die Problemlagen weiter existieren. Das sind das absolute Verharmlosen von rechtsextremen Strukturen, die große verschwörungsideologische Szene hier in der Region mit eigenen Medien sowie die Vernetzung zwischen beidem. Das Problem hier ist, dass man das kleinredet und am liebsten unter den Teppich kehrt, statt es anzusprechen. Ende 2016, nachdem Geflüchtete von Neonazis durch die Stadt gejagt wurden, gab es gute Ansätze in der Stadtgesellschaft, aber es wurde abgebrochen, genau wie die Dialogveranstaltungen der Stadt und der Landeszentrale für politische Bildung im vergangenen Jahr. Die Stadtverwaltung hat es in der Hand, zu solchen Sachen einzuladen und Menschen fraktionsübergreifend ins Gespräch zu bringen, und hier wäre erstmal geboten, über ganz banale Dinge wie Stadtgrün oder Ähnliches zu diskutieren.

Sie hatten im September 2015 angefangen, in Bautzen zu arbeiten, und sind Anfang 2016 hierher gezogen. Was hat sich seitdem geändert?

Die Problemlagen haben sich aus meiner Sicht verschärft. In meiner Anfangszeit und davor waren es vor allem die rechtsextremen Szenen. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Es fing Ende 2015 mit Gruppierungen wie „Wir sind Deutschland“ und ihren Veranstaltungen auf dem Kornmarkt an und hat sich hin zu dieser verschwörungsideologischen Szene mit eigenen Zeitschriften und Internetpublikationen entwickelt. Man konnte dabei zuschauen, wie diese Szene gewachsen ist.

Wie geht’s für Bautzen weiter?

Ich befürchte, dass immer mehr junge Menschen wegziehen werden, aus beruflichen Gründen oder weil sie es hier nicht mehr aushalten, und Bautzen wird vielleicht vergreisen. Die Stadtgesellschaft wird in Bezug auf die Diskussionskultur nicht zur Ruhe kommen, weil mit der Spreebrücke die nächste große Debatte ansteht, wo man sich zerfleischt.

Sie haben gesagt, dass Sie Probleme offen ansprechen wollten. Das haben Sie zuweilen sehr direkt und offensiv getan. War das immer zielführend und passend?

Die Art und Weise kann man sicher an vielen Stellen kritisieren. Wenn ich sauer bin, kann ich manchmal ziemlich überspitzen. Da muss ich mir in Zukunft immer genau überlegen, wie ich etwas ausdrücke, damit die Botschaft rüberkommt, sich aber nicht zu viele Menschen auf die Füße getreten fühlen.

Vor einer Woche haben Sie veröffentlicht, Bautzen im Oktober zu verlassen. Warum genau jetzt?

Meine Zeit in Bautzen war zunächst darauf angelegt, für meine befristete Stelle bis August 2018 hier zu sein. Es sind jetzt fast fünf Jahre, weil noch eine Vertragsverlängerung kam und ich Gefallen daran gefunden hatte, in Bautzen zu wohnen. Ende 2018 war ich eigentlich so weit, aus privaten Gründen zu gehen. Dann kam die Ankündigung für diese Diskussion in der Kirche, und ich dachte, wenn ich jetzt gehe, sieht es auch komisch aus. Dann habe ich für den Stadtrat kandidiert in der Annahme, nicht gewählt zu werden. Ende Juni lief mein Arbeitsvertrag in Bautzen aus. Das wäre ein guter Zeitpunkt gewesen wegzuziehen. Ich wurde aber gewählt, habe entschieden zu bleiben. Im Februar habe ich die Stelle für politische Bildung bei der Diakonie in Radebeul bekommen und sehr schnell gemerkt, dass vier Stunden für den täglichen Weg zur und von der Arbeit bedeuten, dass ich weder meiner Vollzeitstelle noch der Arbeit als Stadträtin gerecht werden kann. Und so ist der Entschluss gefallen, dass ich näher an meiner Arbeitsstelle wohnen muss.

Welche Reaktionen haben Sie auf die Abschiedsankündigung bekommen?

Ich habe mir ganz bewusst nicht die Kommentare auf Facebook durchgelesen. Ansonsten habe ich relativ viel positives Feedback bekommen, dass ich das überhaupt so lange ausgehalten hätte, wobei ich sagen muss, dass ich gern hier gelebt habe trotz aller Schwierigkeiten.

Sie haben gern hier gelebt. Fasst das Ihre Zeit in Bautzen gut zusammen?

Das zeigt ja allein schon, dass ich nur drei Jahre bleiben wollte und daraus dann fünf geworden sind. Wenn ich es richtig ätzend gefunden und nicht den Eindruck gehabt hätte, dass man hier was bewegen kann, wäre ich nicht so lange geblieben. Ich habe in der Zeit das gemacht, was mein ursprünglicher Plan war: Ich wollte nach meiner Doktorarbeit wieder eine Stelle als Wissenschaftlerin annehmen und mich beruflich orientieren. Nach zwei Jahren war mir klar, dass ich eher in die politische Bildung will, und da habe jetzt auch eine Stelle gefunden. Deshalb bin ich mit den fünf Jahren hier sehr zufrieden. 

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