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"Für mich ist Dresdens Kulturpalast perfekt"

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter will öfter in Dresden spielen. Und sie adelt das Moritzburg Festival. Ein Gespräch über Musik, Heidelbeer-Eis und 101 000 Euro.

Anne-Sophie Mutter – die Geigerin ist seit über 40 Jahren ein musikalisches Phänomen.
Anne-Sophie Mutter – die Geigerin ist seit über 40 Jahren ein musikalisches Phänomen. © dpa

Der Geigerin Anne-Sophie Mutter zu begegnen, ist stets ein Erlebnis. Beeindruckt sie im Konzert mit der Tiefe ihrer Interpretation und Freude daran, so reißt sie einen im Gespräch mit ihrem Enthusiasmus für ihre Projekte mit. Immer wieder schwärmt sie dabei auch von Dresden und Sachsen: von den Menschen, von den Konzertpodien, von den Kulturschätzen. 

Diese Verbundenheit nutzt Jan Vogler, Intendant der Dresdner Musikfestspiele und des Moritzburg Festivals, quasi aus. Er konnte die viel umworbene 55-Jährige überreden, Schirmherrin des diesjährigen Festes in Moritzburg vom 4. bis 18. August zu sein. SZ-Redakteur Bernd Klempnow sprach mit der Geigerin über die Chance frischer Gesichter, das neue Glück von „Star Wars“-Musik und wie es ist, 101.000 Euro auf einen Schlag zu bekommen.

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Frau Mutter, Sie übernehmen die Schirmherrschaft für das diesjährige Moritzburg Festival – was bringt’s?

Die Hinwendung zur Jugend ist etwas, was mich an Moritzburg und überhaupt an der Arbeit von Festival-Intendant Jan Vogler immer fasziniert hat. Er macht ja auch die wahnsinnigsten Repertoire-Sprünge, wenn er etwa mit Spartenfremden wie dem Hollywood-Star Bill Murray, Rocker Udo Lindenberg oder dem Gitarrenguru Eric Clapton musiziert. Und Moritzburg mit seinen vielen jungen Musikern, die auf dem Weg zu tollen Solisten sind, und der Festival Akademie mit Talenten aus aller Welt, ist doch eine tolle, sehr erfrischende Sache. Generell finde ich es schön, wenn man ein offenes Ohr bei Kollegen findet, um eine junge Generation vorzustellen. Damit der Stab wirklich weitergereicht wird. Das ist ja auch fürs Publikum eine enorme Bereicherung, wenn neue Gesichter auftauchen, die aber nicht nur unbekannt sind, sondern tatsächlich etwas zu sagen haben. Als Jan Vogler mich fragte, musste ich nicht allzu lange überlegen, um zuzusagen.

Wie oft übernehmen Sie solche Schirmherrschaften?

Ganz, ganz selten, denn ich möchte nicht, dass solches Ehrenamt einen inflationären Charakter bekommt. Aber unter Musikerfreunden ist die Motivation größer, eine reizvolle und wichtige Initiative zu unterstützen. So war ich unter anderem mal Schirmherrin beim Internationalen Sperger-Wettbewerb für junge Kontrabassisten in Ludwigslust. Ich tat das, weil es mir ein Anliegen war, dieses unterschätzte Instrument aus der Ecke des reinen sinfonischen Orchesterinstrumentes herauszuholen. Zumal wir ja den begnadeten Kontrabassisten Roman Patkoló jahrelang in meiner Stiftung gefördert hatten und ich seine Kunst als Konzertpartnerin schätzen lernte. Aber prinzipiell bin ich sehr vorsichtig bei der Annahme von solchen Anfragen.

Reizvoll in Moritzburg sind nicht nur Schloss und Umgebung. Das Festival kreiert ein eigenes Eis – diesmal ein Heidelbeer-Eis. Werden Sie anreisen?

Das klingt reizvoll, weil ich ja auch gerne nasche. Aber ich werde leider nicht zum Festival kommen können. Ich bin zu diesem Zeitpunkt mit dem West-Eastern Divan Orchestra unter Leitung von Daniel Barenboim in Argentinien und Europa auf Tournee. Wir spielen André Previns wunderbares Andante aus dem Violinkonzert „Anne-Sophie“ und das herrliche Sibelius-Violinkonzert. Aber ich bin gedanklich in Moritzburg, und Jan Vogler wird mich auf dem Laufenden halten.

Wann und wo machen Sie Urlaub?

In diesem Jahr fällt der Urlaub weitgehend flach. Ich war ja gerade in den USA, dann kommt die Tournee mit Barenboim, und im September startet mein Projekt mit John-Williams-Filmmusik. Allerdings habe ich immer wieder ein paar Tage frei und bin dann gern in Tirol. Dort habe ich ein Haus, gut versteckt im Grünen. Aber ich plane fest, dass ich 2021 für mindestens neun Monate nicht konzertiere. Bis dahin muss ich einige Sachen wie Lesen oder gar nichts zu tun, aufschieben.

Wie überstehen Sie diese lange Zeit ohne Pause?

Ich gebe viele motivierende Konzerte und brauche nicht endlos viele Tage, um mich zu regenerieren. Ein Spaziergang in der Natur ist schon ein Riesenplus. Oder ich gehe mit Freunden essen, lasse mich in Gespräche ein oder schalte einfach ab.

Anne-Sophie Mutter im Mai bei ihrem Auftritt im Kulturpalast anlässlich der Musikfestspiele. 
Anne-Sophie Mutter im Mai bei ihrem Auftritt im Kulturpalast anlässlich der Musikfestspiele.  © Archiv/Oliver Killig

Ihr Konzert mit Filmmusik von Hollywood-Komponist John Williams im September in München vor Tausenden Zuschauern ist Ihr erstes Open Air in Deutschland. Wie kam es?

Ich habe natürlich in Griechenland, im Amphitheater unterhalb der Akropolis, und in der Türkei Freiluftkonzerte gegeben. Aber so ein klassisches Open Air, noch dazu vor so vielen Zuhörern, hat es tatsächlich nie gegeben. Das Repertoire für Sologeige mit Orchester hat einfach nie gepasst. Bei John Williams hat sich das ganz wunderbar gefügt. Es ist Musik für den großen, sinfonischen Rahmen, für Breitwandkino mit Surround-Sound – eben das epische Kinoklang-Feeling. Damit ist es ideal für Open Air.

Haben Sie keine Angst, dass Kritiker Ihnen Populismus vorwerfen?

Ich finde es wichtig, dass man Brücken baut und verengte Sichtweisen aufbricht. So habe ich an großen Musikerpersönlichkeiten wie Leonard Bernstein und André Previn immer auch bewundert, in wie vielen Feldern dieses wunderbaren Musikgartens sie zu Hause waren. André wechselte spielerisch von Mozart zu Jazz, hat Opern geschrieben, hat Oscar-prämierte Filmmusik geschrieben. Diese Einteilung in U- und E-Musik, in edel und nicht edel, ist ein bisschen eine deutsche Angewohnheit. Im Angelsächsischen gibt es das weniger, was ich sehr erfrischend finde. Denn es kommt doch letztlich immer nur auf die Qualität der Musik an. Und die von John Williams spiele ich zudem mit dem Royal Philharmonic Orchestra.

Sie sind seit Jahren Fan von John Williams – warum?

So, wie es im Jazz oder der Klassik Genies gibt, finden wir diese auch in der Filmmusik, die für mich moderne klassische Musik ist. Und vergessen Sie nicht, John Williams komponiert ganz in der Tradition von Erich Korngold und nutzt das große sinfonische Orchester. Der Mann ist ja in klassischer Musik groß geworden, hat Sinfonie, Cello- und andere Konzerte geschrieben und tut dies weiterhin. 2017 habe ich in Tanglewood sein bezauberndes Violinwerk „Markings“ uraufgeführt. Dass er dafür nicht so bekannt ist, sondern hauptsächlich als Filmkomponist wahrgenommen wird, liegt nicht an mangelnder Begabung fürs andere Fach. „Star Wars“ ist nun mal ein Millionenseller. Und außerdem, Herr Klempnow: Nur weil etwas populär ist, muss es nicht zwangsläufig schlecht oder minderwertig sein.

Für die CD mit Williams-Musik „Across The Stars“ haben Sie das Thema von „Schindlers Liste“ eingespielt. Ist so eine ergreifende Weise open-air-tauglich?

Tatsächlich kann man Weisen wie „Prayer For Peace“ aus dem „München“-Attentats-Film und „Schindlers Liste“ nicht in so einem Programm unterbringen. Sie passen nicht in das Gefüge des musikalischen Flusses eines solchen Abends. Man kann sie maximal als Zugabe spielen. Deshalb ist beispielsweise „Schindlers Liste“ auch das Schlussstück auf der Platte. Es sind sozusagen die letzten Worte.

Warum lohnt die Platte, die am 30. August bei der Deutschen Grammophon erscheint, sonst?

Die unterschiedlichen Charaktere der Stücke machen die CD und das Programm so wahnsinnig abwechslungsreich. „Jurassic Park“, „Star Wars“, „E. T.“, „Harry Potter“, „Dracula“, „Cinderella“, „Superman“, „In einem fernen Land“ – das sind andere Welten. Es ist fast, als ob man unterschiedliche Komponisten spielt, wie in einem Recital, in dem man Bach, Beethoven, Brahms, Mozart zu einem Gesamtbild aneinanderfügt. Das Verblüffende ist doch auch, wie Williams in die verschiedenen Kulturkreise mit ihren jeweils typischen Musiksprachen eintaucht, etwa die japanische in „Die Geisha“ oder die der osteuropäischen Schtetl in „Schindlers Liste“.

Die Geigerin trat auch - wie hier - 2008 in der Frauenkirche auf: "Ein besonderer Ort für besondere Emotionen", sagt sie.
Die Geigerin trat auch - wie hier - 2008 in der Frauenkirche auf: "Ein besonderer Ort für besondere Emotionen", sagt sie. ©  Archiv/Robert Michael

Zurück zur Klassik, Frau Mutter. Sie haben gerade den Polar Music Prize, den Nobelpreis für Musik, entgegengenommen. Was machen Sie mit 101.000 Euro auf einen Schlag?

Ich werde, wie so oft Uraufführungen in Auftrag geben. Der großartige englische Komponist Thomas Adès, übrigens einst Composer vom Moritzburg Festival, soll für mich schreiben. Die Uraufführung ist für August 2022 vorgesehen. Sehr wahrscheinlich werde ich den einen oder anderen modernen Bogen bauen lassen. Das Preisgeld wird sofort reinvestiert. Es scheint ein Haufen Geld zu sein, aber Kunst kostet auch viel. Es gab eine schöne kleine Bergkristallfigur dazu, die nun bei mir im Büro steht.

Zu einem lokalpatriotischen Aspekt: Sie sind in den vergangenen Jahren oft in Dresden aufgetreten. Bleibt das so?

Aber natürlich. Jetzt, wo Sie diesen herrlichen, neuen Konzertsaal im Kulturpalast haben, wird man mich noch öfter in Dresden hören und sehen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu schwärmen. Zuletzt war ich ja mit den Philharmonikern aus Berlin und Wien während der Musikfestspiele dort. Wir waren hingerissen von diesem wunderbaren Instrument. Es ist der perfekte Saal. Ich wünschte, unser neuer Saal in München, so er irgendwann entsteht, hat diese Qualität der Akustik.

Werden Sie trotzdem in der akustisch heiklen Frauenkirche auftreten?

Ja, ich denke schon. Weil dieses Haus ein historisch wichtiger Wiederaufbau war und ein Mahnmal ist. Es gibt Räume, die Kraft ihrer geschichtlichen Bedeutung etwas ausstrahlen und wo es unwichtig ist, ob der Nachhall eine Sekunde zu lang ist. Da ist man gefangen in der Geschichte und den Emotionen des besonderen Ortes. Deshalb ist es richtig, dort zu musizieren, wie überhaupt in Kirchen.

Das Interview führte Bernd Klempnow.


Konzert-Tipp:  Anne-Sophie Mutter: „Across the stars – Open Air mit Filmmusik von John Williams“ mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter David Newman am 14. September ab 19.30 Uhr, Königsplatz München. Das ZDF zeichnet auf und sendet den Mitschnitt am 3. Oktober ab 23.40 Uhr.

CD-Tipp: Anne-Sophie Mutter, John Williams, The Recording Arts Orchestra of Los Angeles: „Across the stars“ (Deutsche Grammophon) ab 30. August


Moritzburg Festival

• Der 27. Jahrgang des Festivals findet vom 4. bis 18. August statt. Das Eröffnungskonzert im Schloss Moritzburg ab 20 Uhr wird bei guter Witterung auf die Schlossterrasse zum kostenlosen Public Viewing übertragen.

• Insgesamt sind 21 Veranstaltungen geplant: öffentliche Proben, Porträt-, Lese- und normale Konzerte sowie die Orchesterwerkstatt des Festival Orchesters. Es gibt das beliebte Picknick-Konzert im Schloss Proschwitz, eine Lange Nacht der Kammermusik und ein Dinner-Konzert in Proschwitz.

• „Moritzburg für alle!“ nennt sich das Gastspiel des Festival Orchesters mit Jan und Kai Vogler sowie Mira Wang am 10. August ab 20 Uhr im Kulturpalast. Die Karten kosten 15 und 20 Euro, Ermäßigungen sind möglich.

• Infos/Tickets unter 0351 16092615

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