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Was der "Schnudndeckl" mit uns macht

Der Mundschutz ist zum Symbol der Corona-Krise geworden. Ob es sich durchsetzen wird, ist ungewiss. Eine Betrachtung.

Der Mundschutz - Sinnbild der Corona-Krise.
Der Mundschutz - Sinnbild der Corona-Krise. © Shutterstock

Mundschutz ja oder nein, das ist hier die Frage. Die Maske ist zum Symbol der Corona-Krise geworden, ob sie einer mag oder nicht. Das Teil baumelt wie ein Halsband um Kinn und Ohren oder am Spiegel des Autos. Aber vor allem verhüllt es das Gesicht. Für eine Selfie-Gesellschaft der Super-Gau. Das Ding funktioniert nicht nur als Mittel zur gegenseitigen Rücksichtnahme, sondern zugleich als eine Art Glaubensfahne. Die meisten Menschen akzeptieren die Tragepflicht und damit die staatlich verordneten Regeln. Für andere ist es ein schwarzes Tuch, eine Art Bevormundung, die sie ablehnen.

Der Dialekt gilt als guter Maßstab, ob etwas im Alltag angenommen wird und welchen Wert es hat. Sächsinnen und Sachsen titulieren die Virenbinde mundartlich als „Schnudndeckl“ oder „Guschnhadr“. Übersetzt heißt das so viel wie: Das Tragen ist nicht gerade angenehm, einem bleibt die Luft weg, Sätze werden unaussprechlich, die Brille läuft an und die Ohren stehen ab, aber man muss das wohl oder übel hinnehmen. Nüdzd doch nischd. Die Anpassung an die neue Situation schmerzt, wird aber mit einem Augenzwinkern gebilligt, auch wenn man sich eingeschränkt oder behindert fühlt.

Charlotte Meentzen
Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint
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Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Während in Asien der Mundschutz selbstverständlich ist, bedeutet das Bedecken des Gesichtes in Mitteleuropa nicht nur einen Kommunikationsverlust, sondern Aggression, Gefahr, Täuschung.
Während in Asien der Mundschutz selbstverständlich ist, bedeutet das Bedecken des Gesichtes in Mitteleuropa nicht nur einen Kommunikationsverlust, sondern Aggression, Gefahr, Täuschung. © Lee Jin-Man/AP/dpa

In anderen Dialekten schwingt bei der Wortwahl ebenfalls Ironie mit. Die Norddeutschen nennen den Mundschutz zum Beispiel „Snutenpulli“, die Kölner „Schnüssjardinche“ und die Hessen „Babbellappe“. Es gibt in Bayern noch den „Söderlabbn“ und den „Goschnhalter“, im Saarland das „Schnissdouch“. Die Liste der Synonyme deutet auf einen fantasiereichen Umgang mit dem Waffelrollo, Hustenfilter oder Rotzfänger hin. Klare Kritik gegen die Maske üben jene, die sie gar nicht erst aufsetzen oder vorne draufsticken: Maulkorb.

Vom Symbol des Widerstandes zum Trendsetter

Gestalterinnen und Gestalter der Modebranche gehen längst kreativ mit dem Textil um und stellten sich schnell auf den Bedarf ein. In jedem Laden hängt inzwischen so ein Lippenlatz, von H&M bis Gucci. Vor einem Dreivierteljahr schickte Newcomer-Designerin Marine Serre in Paris für die Frühjahrs-Sommer-Saison 2020 ein Model mit gemusterter Gesichtsmaske über den Laufsteg. Da ging es noch darum, aufzufallen oder sich gegen Abgase zu schützen. Kaum jemand hätte damals gedacht, dass das Accessoire im Zuge einer Pandemie zu einem Massenphänomen und notwendig werden könnte. Besonders beliebt wurden Modelle von Off-White, die den Stil der Streetwear-Revolution aufnahmen.

Der Punk trägt Bandana, Cro sein Pandagesicht zur Verhinderung der Identitätsfeststellung. Michael Jackson trug Maske, um sich vor der ganzen Welt zu schützen. Auch Billie Eilish hatte bereits Prä-Corona Gesichtsmasken auf, als Teil ihrer Verweigerung, ihren jungen Körper als Pop-Produkt zu verkaufen. Der Maulkorb als Symbol des Widerstandes wird Mode und zum Trendsetter.

Inzwischen handeln sie Portale wie StockX für 150 bis 300 Euro. Eitelkeit sei die Höflichkeitsmaske des Stolzes, sagte einst Friedrich Nietzsche.

Während Luxus-Marken den Mundschutz zur Ikone erheben, ist er im März in Deutschland noch Mangelware und der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sich nicht sicher, ob das Tragen überhaupt gegen den Virus hilft. Trotzdem aktivieren in Wohnstuben vor allem Rentnerinnen ihre Nähmaschinen und beginnen in Heimarbeit aus liegengebliebenen Stoffen samt Schlüpfergummi Mundschutz im Akkord zu nähen. Sie helfen damit medizinischem Personal in Kliniken, Pflegerinnen sowie Pflegern in Altersheimen und sogar Wahlhelfern. In Radeburg hätte zum Beispiel ohne die Hilfe einer fleißigen Näherin aus Dresden die Bürgermeisterwahl gar nicht stattfinden können.

Ein Symbol für verlorene Unschuld?

Jena führt als erste deutsche Stadt das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ein. Als danach das Anlegen in Läden und im Nahverkehr deutschlandweit Pflicht wird, korrigiert derselbe Jens Spahn seine Auffassung. Plötzlich gilt die Maske als hilfreich gegen die Seuche, weil sie nach neuesten Erkenntnissen neben Abstandhalten das Einzige ist, was hilft. Die freiwillige Vorsichtsmaßnahme wird zum Gesetz und wer den Mundschutz nicht trägt, von der Polizei gemahnt. Das verwundert und verunsichert natürlich. Hinzu kommt ein bis dahin viel zu wenig diskutierter Traditionswandel. In Deutschland entfachten sich in den vergangenen Jahren an Körperbedeckungen emotional geführte Kulturkämpfe. Schon das Kopftuch von Musliminnen, erst recht der Schleier, waren Debattenstoff Nummer eins.

Kolumbien, Bogota: Der Mitglied einer Mariachi-Gruppe spielt mit hochgezogenem Mundschutz die Trompete während eines Ständchens inmitten der Corona-Pandemie.
Kolumbien, Bogota: Der Mitglied einer Mariachi-Gruppe spielt mit hochgezogenem Mundschutz die Trompete während eines Ständchens inmitten der Corona-Pandemie. © Braulio Jatar/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa

Während in Asien der Mundschutz selbstverständlich ist, bedeutet das Bedecken des Gesichtes in Mitteleuropa nicht nur einen Kommunikationsverlust, sondern Aggression, Gefahr, Täuschung. In der Bibel beginnt der Mensch mit der Vertreibung aus dem Paradies, sich schamhaft zu verhüllen und vor den Blicken Fremder zu verstecken. Verhüllung als Metapher für verlorene Unschuld? Masken tragen gemeinhin Bankräuber, Entführer, Tatortreiniger oder Ärzte im Dienst. Sich zu verhüllen bedeutet, unerkannt bleiben oder einer klinisch verordneten Hygiene zu folgen. Das Gesicht ist ein Sozialorgan, dessen Mimik Gefühle und Stimmungen signalisiert. Jetzt hängt ein Vorhang vor dem Spiel mit der Miene, die Takt, Diplomatie und Humor unterstützt. Mit dem Mundschutz fallen bis zu 70 Prozent der nonverbalen Kommunikationsmöglichkeiten weg, die Freiheit der Äußerung wird eingeschränkt. Gesichtslosigkeit bedeutet Ent-Individualisierung, schürt den Verdacht der Gleichschaltung und Unterdrückung.

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Das Aufsetzen einer Maske bedeutet zurzeit, sich solidarisch zu zeigen, andere zu schützen. Es heißt, sich an die Gefahrensituation anzupassen und zu signalisieren, dass man Verständnis hat. Individualisierung erfolgt durch das Tragen nicht irgendeines, sondern seines Mundschutzes. Und irgendwie fühlt es sich schon gar nicht mehr so schlimm an, wird zur Gewohnheit. Die Symbolik verkehrt sich ins Gegenteil, denn wer heute keinen Mundschutz trägt, will zeigen, dass ihm die Vorschriften nicht passen, dass er nicht anerkennt, was als Verhalten propagiert wird.

Der Mundschutz wird das Sinnbild der Krise bleiben. Ob er im Alltag bleibt, ist ungewiss. Und langfristig auch nicht wünschenswert.

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