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Anschlag auf die Finger in der Fränkischen Schweiz

Seit 25 Jahren ist die Action Directe eine der schwersten Kletterrouten der Welt. Zwei Sachsen haben sie geknackt.

© Frank Kretschmann

Von Sylvia Miskowiec

Dicht steht der Wald links und rechts des Weges. Hin und wieder lassen sich zwischen den Fichten, Kiefern und Buchen bemooste Felsen erahnen. „Hier, hier müsste es sein… Oder?“ Alexander Adler schaut prüfend nach links, ein kleiner Pfad schlängelt sich in die grüne Hölle hinein. „Es ist schon einige Jahre her, dass ich hier war“, sagt er beinahe entschuldigend, als er wenig später vor einem der berühmtesten Felsen der Frankenjura oder Fränkischen Schweiz steht: dem Waldkopf.

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Hier hat die Karriere des früheren Profi-Kletterers einen ihrer Höhepunkte erreicht. Denn auf den zwölf Meter hohen Brocken führt die Action Directe hinauf, eine nur 15 Meter lange Kletterroute, deren Schwierigkeit allerdings mit einer Elf bewertet ist. Die Skala reicht momentan bis zwölf, zu Zeiten der Erstbegehung der Action vor 25 Jahren war eine Elf jedoch eine Sensation und bis dato unerreicht.

Auch heute noch gilt die Route als eine der schwersten der Welt, und ihr beinahe 45 Grad steiler Überhang, in den hineingesprungen werden muss, und in dem lediglich kleinste Fingerlöcher und Leisten Halt geben, als harte Kraftprobe. Nicht umsonst trägt sie den Namen einer französischen Terrorgruppe, und Kletterer bezeichnen sie als „Anschlag auf die Finger“.

1991 wurde die Action Directe von Wolfgang Güllich erstbegangen – und erst vier Jahre später nach monatelangem, hartem Training wiederholt: vom Dresdner Alexander Adler. „Dabei muss man sagen, der Alex hat tatsächlich fast genau dieselbe Tour wie Wolfgang geklettert, nach ihm hat man eine Variante gefunden, die das Ganze etwas entschärft hat“, sagt Markus Bock. Dem Franken gelang 2005 als achtem Kletterer die Begehung.

Im vergangenen Mai gab es die Action Directe ein Vierteljahrhundert. 19 Klettersportler meisterten die Route, zwei davon sind Sachsen. Denn zwanzig Jahre nach Alexander Adler hat der Pirnaer und Wahl-Dresdner Felix Neumärker im vergangenen Jahr die Action mit Erfolg geklettert. Der heute 27-Jährige gehört wie seinerzeit Alexander Adler zu Deutschlands besten Sportlern in der Vertikalen.

Ein Jahr an der Route basteln

Dennoch bleibt er bescheiden: „Auch ich habe über ein Jahr lang gebastelt, um die Route zu knacken, mich in den Monaten davor intensiv vorbereitet.“ Dazu gehörte auch, seinen Kletter-Kumpel und Ausnahmetalent Alex Megos bei dessen Durchstiegsversuchen zu sichern.

Dass dieser dann gleich mehrmals die Action bewältigte, hat Felix Neumärker eher motiviert denn eingeschüchtert, wenngleich er sagt: „Ich weiß auch, dass meine Leistung wenig an Wolfgang Güllichs Original heranreicht. Es gibt mittlerweile nicht nur mehr mögliche Griffe, sondern auch die Ausrüstung ist viel besser, vor allem die heutigen Schuhe.“

Felix Neumärker hat sogar schwerere Projekte als die Action geklettert, etwa 2013 die mit einem halben Grad höher bewertete „La Rambla“ im spanischen Siurana. Zum Klettern kam der Pirnaer bereits früh: Der Vater nahm ihn und seine Schwester Luisa immer mit in den sächsischen Sandstein.

Dort trifft man ihn immer noch ab und an, vor allem in den mehr aufs Sportklettern ausgelegten tschechischen Sektoren, beispielsweise in Labak. In diesem Gebiet räumte Felix Neumärker übrigens 2015 mit „To tu jeste nebylo“ einmal mehr eine Route im elften Grad ab – nur wenige Tage, bevor er die Action Directe erfolgreich klettern konnte.