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Anschlag auf Zittauer Linken-Politikerin

In der Nacht fliegt ein Sprengsatz gegen Ramona Gehrings Wohnzimmerfenster. Auf der Couch daneben schläft ihr Enkel. Das Landeskriminalamt ermittelt.

Ramona Gehring am zerstörten Fenster ihrer Wohnung.
Ramona Gehring am zerstörten Fenster ihrer Wohnung. © Lausitznews/Toni Lehder

Ein gewaltiger Knall reißt die Zittauer am späten Dienstagabend aus dem Schlaf. Es ist genau 23.11 Uhr, als in einem Wohnzimmerfenster eines Mehrfamilienhauses an der Zittauer Heinrich-Mann-Straße die Scheiben bersten und das Rahmenholz splittert. "Es hat sich angehört wie eine Bombe im Krieg", schildert am nächsten Morgen eine Anwohnerin aus Hörnitz, mehr als vier Kilometer entfernt.

Am Mittwochvormittag machen sich Mitarbeiter des Landeskriminalamts mit voller Ausrüstung in die Wohnung an die Arbeit. Die Soko Rex ermittelt wegen des Verdachts eines Sprengstoffanschlags. Ramona Gehring, die hier schon viele Jahre wohnt, ist fassungslos. Dabei ist die kleine, resolute Frau normalerweise nicht auf den Mund gefallen. Die 55-Jährige ist eine engagierte Linkenpolitikerin. In der letzten Wahlperiode hat sie im Zittauer Stadtrat gesessen, sie sagt laut ihre Meinung, setzt sich aktiv für Flüchtlinge ein. Galt ihr deswegen ein derartiger Anschlag?

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"Ich hab mich ja schon mit vielen Leuten angelegt", sagt sie. "Aber so etwas? Das ist doch überhaupt nicht zu begreifen." Sie hat schon die gröbsten Scherben zusammengekehrt, als die LKA-Beamten eintreffen. Schon in der Nacht haben Mitarbeiter der Kriminalpolizei Spuren gesichert. Sie deuten darauf hin, dass es hier eine Sprengstoff-Explosion gegeben hat.


Am Fenster sind die Spuren des Anschlags deutlich zu sehen.
Am Fenster sind die Spuren des Anschlags deutlich zu sehen. © LausitzNews.de/Toni Lehder

Ramona Gehring hat mit einer Freundin in der Küche gesessen, als es plötzlich krachte und sie einen hellen, gelb-orangenen Blitz wahrnahm. "Ich dachte zuerst, da ist etwas auf der Dresdener Straße passiert", erzählt sie. "Ich bin gleich ins Wohnzimmer gegangen, da war hier alles voller Scherben und Splitter. Und da war doch auch der Kleine."

Der Kleine ist Luca, sieben Jahre alt. Er ist Ramona Gehrings Enkel und hat in dieser Nacht bei ihr geschlafen. Im Wohnzimmer hatte sie ihm das Bett gerichtet - unmittelbar neben den geborstenen Fensterscheiben. Ein großer Ficcus-Baum hat die Glassplitter fast alle aufgefangen und den Jungen so wohl vor Schlimmerem bewahrt. "Meine Kinder haben immer gesagt, ich soll dieses Riesending endlich rausschmeißen", sagt Ramona Gehring. "Wie gut, dass ich das nicht gemacht habe."

Sie streicht ihrem Enkel immer wieder übers Haar. Der kleine Junge sitzt verstört auf der Couch und kann gar nicht begreifen, was hier los ist. Ihm ist zum Glück nichts passiert, er ist von dem Knall nicht mal wach geworden. "Ich kann nicht fassen, was hier hätte passieren können", sagt Ramona Gehring immer wieder. Ihr Sohn, der gekommen ist, um zu helfen, spricht deutlich aus, was hier hätte passieren können: "In meinem Augen ist das versuchter Mord", sagt der 29-Jährige.

Die Wohnung von Ramona Gehring ist im Erdgeschoss eines Altbaus.
Die Wohnung von Ramona Gehring ist im Erdgeschoss eines Altbaus. © LausitzNews.de/Toni Lehder

Er habe so etwas Ähnliches schon einmal erlebt, erzählt er. Das sei mehr als zehn Jahre her: "Da hat hier jemand einen Stein durchs Küchenfenster geschmissen und durchs Kinderzimmerfenster so einen Eisengitter-Fußabtreter."

Inzwischen hat sich Jens Hentschel-Thöricht, der Fraktionsvorsitzende der Linken im Zittauer Stadtrat, mit einer Presseerklärung zu Wort gemeldet: Wenn sich der Verdacht bestätigt, dass es sich um einen Anschlag gehandelt hat, sei das auf das Schärfste zu verurteilen, so Hentschel-Thöricht. "Bei allen politischen Unterschieden ist Gewalt kein Mittel", erklärt er. Es zeige aber auch das politische Klima in diesem Land, das durch Hetze und Hass immer weiter verschärft werde.

Am Mittwochmittag wendet sich das Landeskriminalamt mit einem Zeugenaufruf an die Medien. Die Beamten der Soko Rex ermitteln gemeinsam mit Kollegen des Staatsschutzdezernats der Polizeidirektion Görlitz, weil eine politische Motivation der Tat derzeit nicht ausgeschlossen werden könne. Zur Aufklärung werden nun Hinweise und Beobachtungen zu Personen erbeten, die sich am späten Dienstagabend in der Umgebung der Heinrich-Mann-Straße aufgehalten haben.

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