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Entschädigung für DDR-Flüchtling

Er sei reizbar und habe Albträume: Das führt ein 56-Jähriger auf seine DDR-Flucht zurück. Das Bundesverwaltungsgericht fällte ein Grundsatzurteil.

Rechtsanwalt Thomas Lerche hat für seinen 56-jährigen Mandanten eine Entschädigung erwirkt.
Rechtsanwalt Thomas Lerche hat für seinen 56-jährigen Mandanten eine Entschädigung erwirkt. © Sebastian Willnow/dpa

Leipzig. In einer kalten, nebligen Dezembernacht 1988 fliehen zwei Brüder nach West-Berlin. Sie überwinden die stark gesicherte DDR-Grenze bei Teltow-Sigridshorst am südwestlichen Stadtrand. Die dramatische Erfahrung habe einen der Männer traumatisiert, sagt Anwalt Thomas Lerche. 

Er beantragte für den heute 56-Jährigen beim brandenburgischen Innenministerium eine Entschädigung. Die Behörde lehnte ab. Am Mittwoch entschied nun das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass DDR-Flüchtlinge grundsätzlich für gesundheitliche Schäden durch den Grenzübertritt entschädigt werden können. Die Richter argumentierten, dass DDR-Grenzsicherungsanlagen rechtsstaatswidrig gewesen seien. Der Senat stellte zudem fest, dass sich die Grenze der DDR gegen Einzelpersonen richtete - etwa wenn Minen explodierten, sich die Flüchtenden am Stacheldraht verletzten oder von Grenzposten verfolgt wurden.

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Zur psychischen Beeinträchtigung lagen den Richtern ärztliche Atteste vor. Mit der Entscheidung des Bundesgerichts kann der Mann nun Anträge bei Versorgungsämtern stellen, in der Folge könnten etwa Behandlungskosten übernommen werden.

Das Verwaltungsgericht Potsdam hatte in der Vorinstanz die Forderung mit der Begründung abgelehnt, die Grenzsicherung der DDR habe sich nicht individuell gegen den Flüchtenden gerichtet sondern gegen die gesamte DDR-Bevölkerung. Das Bundesverwaltungsgericht teilte diese Auffassung nicht. 

"Die Brüder haben mehrere Stunden in geduckter Haltung im Schlamm im Sperrgebiet gewartet", sagt der Rechtsanwalt, der den DDR-Flüchtling vor Gericht vertrat. In den frühen Morgenstunden hätten sie Metallgitterzäune mit Hilfe von Bolzenschneidern überwunden. Mit Leitern seien beide dann über weitere Zäune geklettert. Zum Schutz vor dem Stacheldraht hatten sie sich demnach mehrere Lagen Kleidung übergezogen. Sie hätten auch Alarm ausgelöst, doch wegen des Nebels seien sie zunächst nicht entdeckt worden.

Das Bundesverwaltungsgericht wird am Mittwoch entscheiden, ob eine psychische Erkrankung aufgrund einer DDR-Flucht entschädigt werden kann.
Das Bundesverwaltungsgericht wird am Mittwoch entscheiden, ob eine psychische Erkrankung aufgrund einer DDR-Flucht entschädigt werden kann. © dpa/Jan Woitas

Der damals 26-Jährige blieb aber mit seiner Kleidung im letzten Zaun der Grenzanlage hängen. Zwei Wachen hätten ihn mit Maschinengewehren bedroht, jedoch nicht geschossen. "Er litt Todesangst", so der Anwalt. Der gelernte Rohrverleger konnte sich befreien, rannte in die sogenannten "Andrews Barracks", eine nahe Kaserne des US-Militärs. Körperlich unverletzt kam der Flüchtling in das Notaufnahmelager Marienfelde.

Zwölf Stunden dauerte die Flucht. Die seelischen Beeinträchtigungen forderten seinen Mandanten bis heute heraus, so sein Anwalt: Er sei misstrauisch, reizbar, ihn überkämen plötzlich Wutanfälle, er habe Alpträume. Darum forderte er für den früheren Flüchtling eine Rehabilitierung und Grundrente, auch wegen der psychischen Erkrankung. (dpa)

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