merken
PLUS Sport

Harting poltert: „Es könnte mir nicht egaler sein“

Nach der Pleite bei den Finals in Berlin sagt der Diskuswurf-Olympiasieger, was ihm wirklich wichtig ist - und er kündigt an: „Das ist mein letztes Interview.“

Der Blick ist kritischer als die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit: Christoph Harting bei der deutschen Leichtathletik-Meisterschaft in Berlin.
Der Blick ist kritischer als die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit: Christoph Harting bei der deutschen Leichtathletik-Meisterschaft in Berlin. © dpa/Michael Kappeler

Von Kristof Stühm und Christoph Leuchtenberg, sid

Nach seiner Heimpleite hatte Christoph Harting ganz zum Schluss noch etwas loszuwerden. „Zur Kenntnis“, sagte das Enfant terrible der deutschen Leichtathletik also, dies sei für knapp ein Jahr sein „letztes“ Gespräch mit der Presse. Ab jetzt „beginnt eine interviewlose Zeit“, sagte der Diskusstar mit der Dauerkrise. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio wolle er sich „ausschließlich“ auf „wesentliche Dinge konzentrieren“.

Anzeige
Der Palais Sommer 2020 kann stattfinden!
Der Palais Sommer 2020 kann stattfinden!

Jetzt die Zukunft des Festivals mit Spenden sichern.

Und wer Harting bei seiner Nullnummer im Olympiastadion beobachtete, wurde den Gedanken nicht los: Vielleicht ist das sogar eine ganz gute Idee. Schließlich schaffte der Rio-Olympiasieger bei den nationalen Titelkämpfen keinen gültigen Versuch. Doch die Pleite kümmerte den 29-Jährigen, der seit seinem Goldcoup vom Zuckerhut vor drei Jahren seine Form sucht, überhaupt nicht. „Es könnte mir nicht egaler sein“, so Harting: „Es ist nur eine deutsche Meisterschaft – halb so wild.“

Ein Harting denkt in ganz anderen Sphären. „Der Weltrekord ist das große Ziel“, sagt er. Die Weltbestmarke von Jürgen Schult liegt seit 33 Jahren bei 74,08 Metern. Harting schaffte in Rio 68,37 Meter, träumt aber weiter von 80 Metern: „Visionen, man muss an etwas glauben.“ Und Harting glaubt auch weiter an einen zweiten Gold-Triumph in Tokio im nächsten Jahr. Dafür ist er auch bereit, trotz erfüllter Norm auf die anstehende WM in Doha zu verzichten. Der späte Zeitpunkt der Wüsten-WM Ende September/Anfang Oktober liege für die Vorbereitung auf Tokio „katastrophal“.

„Es hat nicht sollen sein“

Seine Rio-Goldmedaille liege auf dem „Dachboden“, sagt Harting. Er schaut sie sich „nicht jeden Tag an und denkt: ‚Gott bist du toll‘“, aber es soll „definitiv“ noch eine zweite hinzukommen. Die Wiederholung seines Olympiasieges würde ihm „alles“ bedeuten. Das Problem ist nur: Anspruch und Wirklichkeit passen bei Harting schon seit längerer Zeit nicht zusammen. Für die WM 2017 konnte sich der Hüne nicht qualifizieren. Bei der Heim-EM im Vorjahr leistete er sich in der Qualifikation auch drei ungültige Versuche. Nun schon wieder eine Nullnummer.

„Woran es gelegen hat? Verschiedene Umstände“, sagt Harting, dessen Körper zuletzt immer wieder streikte. Der Rücken zwickt. Magen-Darm-Virus. Erkältung. „Mal das, mal das, mal das“, so Harting, der in dieser Saison deshalb keine „richtige Physis aufbauen“ konnte: „Es hat nicht sollen sein.“ Und so hieß der deutsche Meister zum ersten Mal seit 2007 nicht Harting, sondern Martin Wierig (65,39). Zehnmal hatte zuvor Robert Harting, Olympiasieger von London 2012, und zweimal sein Bruder Christoph den Titel gewonnen.

Dass Harting nicht unbedingt topmotiviert an den Start gegangen war, ließ er schon vor seinem Wettkampf durchblicken. Deutsche Meisterschaften seien „die letzte Erpressungsmöglichkeit der deutschen Leichtathletik“, hatte er der Berliner Zeitung gesagt und damit den Qualifikationsmodus des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) für Tokio kritisiert. Ohnehin gebe es „wenig Unbedeutenderes als einen deutschen Meistertitel“.

DLV-Präsident Jürgen Kessing reagierte gelassen und verwies darauf, dass man bei Harting „schon manches Mal durchaus bemerkenswerte Verhaltensweisen erlebt“ habe. Generaldirektor Idriss Gonschinska kündigte ein klärendes Gespräch an. Harting selber zieht sich nun zurück, um an seiner Tokio-Mission zu arbeiten. Seine Motivation für das Training? „Ich möchte besser sein, als ich gestern war“, sagt er.

Derzeit nur die Nummer 15 der Welt

Denn nur so kann es doch noch etwas mit dem Weltrekord werden. Und den will Harting. Vor dem Debakel am Wochenende hatte er FAZ gesagt: „Ich habe dieses Gefühl, dass ich der Beste sein kann, und ich möchte die beste Version von mir werden. Wenn ich eines Tages hinter den Buchstaben WR meinen Namen lese, kann ich sagen: Es reicht.“ Nicht nur nach der Nullnummer von Berlin klingt das vermessen, Harting ist in der laufenden Saison nur die Nummer 15 der Welt. Aber Christoph Harting wäre nicht Christoph Harting, hätte er nicht seine eigene Sicht auf die Dinge. Auf einem guten Weg sei er, sagt der 29-Jährige: „Sonst hätte ich 2017 nicht wieder mit dem Sport angefangen. 2017 war ich von der Leistung her stärker als 2016 und 2018 stärker als 2017. 2018 war mein stärkstes Jahr, und 2019 wird stärker werden. Und 2020 wird wieder stärker.“

Auch sein Trainer Torsten Lönnfors macht sich keine Sorgen. Harting habe bisher zwar „eine schwierige Saison“ erwischt, sagt Lönnfors, aber dies sei angesichts der immer wieder auftretenden Rückenprobleme kein Wunder. Zuletzt hat das Duo viel an der komplizierten Technik gewerkelt, doch Harting fehlt derzeit immer noch ein „Beschleunigungsweg von 15 bis 20 Zentimetern“. Und das verhindert eben große Weiten. Aber an genau die denkt Harting. „Die 80 Meter bleiben das große Ziel“, sagte er. Zwölf Meter weiter als seine Bestleistung. 80 Meter, wirklich?

Weiterführende Artikel

Denkzettel für Harting

Denkzettel für Harting

Der Diskus-Olympiasieger von Rio fehlt vorerst im Kader für die Leichtathletik-WM in Doha. Auch ein Sachse hat es nicht auf die Liste geschafft.

„Na ja, auf alle Fälle über 74,08“, schränkte Harting in Bezug auf die Schult-Marke ein: „Dieser maximalen Weitenentwicklung ordne ich alles unter. Dafür verzichte ich auch auf kurz- und mittelfristige Erfolge. Ich muss nicht Europameister werden, ich muss nicht Weltmeister werden. Im Zyklus meiner Leistungsentwicklung ist es wichtiger, weit zu werfen, als Etappenziele mitzunehmen.“ (sid)

Mehr zum Thema Sport