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Mehr scharfe Waffen in Privatbesitz

Die Zahl der Genehmigungen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge steigt. Dabei gibt es keinen Grund zur Panik. Denn die Kriminalitätsrate ist stark gesunken.

Im Landkreis befinden sich momentan 4.950 erlaubnispflichtige Waffen in privater Hand.
Im Landkreis befinden sich momentan 4.950 erlaubnispflichtige Waffen in privater Hand. © Norbert Millauer

Waffen sind in Deutschland, wie eigentlich fast alles, eine ziemlich bürokratische Angelegenheit. Doch sie sind eines der wenigen Dinge, bei denen kaum jemand diese Bürokratie abschaffen möchte. Ganz im Gegenteil. Erst im Dezember hatte der Bundestag ein neues nationales Waffenregister geschaffen - und schärfere Meldepflichten für die Händler. 

Der sächsische Innenminister Roland Wöller (CDU) zeigte sich damals erleichtert. Dass unter anderem sogenannte "Reichsbürger und Selbstverwalter" sich legal Waffen besorgen, könne in Zukunft verhindert werden, sagte er nach der Entscheidung. 

Doch die Menschen im Freistaat zeigen sich von endlosen Formularen, ständigen Amtsterminen und Dutzenden Eignungsnachweisen unbeeindruckt. 2019 ist die Zahl erteilter Kleiner Waffenscheine erneut um 1.336 gestiegen. Rund 20.000 Sachsen dürfen inzwischen ganz legal Schreckschuss-, Signal- und Reizstoffwaffen in der Öffentlichkeit mit sich tragen - dreimal so viele wie 2013. 

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Zahl der Kleinen Waffenscheine hat sich fast verfünffacht

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge klingt der Knall noch ein wenig lauter: Besaßen vor sieben Jahren 300 Menschen den Kleinen Waffenschein, zählte das Amt für Sicherheit und Ordnung mit Sitz in Pirna zum Stichtag 31. Dezember 2019 schon 1.423 Personen mit dieser Erlaubnis. 

Dabei ist davon auszugehen, dass die Zahl der Menschen, die zwischen Freital und Sebnitz etwa mit Luftgewehren auf ihrem Privatgrundstück hantieren, deutlich höher ist. Etwa 298.000 Ergebnisse liefert Google für den Begriff "Schreckschusswaffe", ganz oben eine Gaspistole, Typ "Magnum". Kostenpunkt: 139,99 Euro. Per Expresslieferung bringt sie der Postbote auf Wunsch schon am nächsten Morgen vorbei. 

Diese Waffen sind nicht genehmigungspflichtig, jeder Erwachsene darf sie ohne Registrierung besitzen. Erst, wer sie auch auf der Straße bei sich tragen möchte, muss einen Antrag beim Amt stellen.

Und dieses Bedürfnis hatten in den letzten Jahren immer mehr Personen in der Region. Alleine 2019 stellte das Landratsamt Pirna 179 neue Kleine Waffenscheine aus, eine Steigerung um 14 Prozent in nur zwölf Monaten.

Diese Form der Selbstbewaffnung kann äußerst gefährlich werden, auch wenn die Regeln deutlich lockerer sind, als etwa bei der Beschaffung einer Handfeuerpistole. Selbst die, die an dem Verkauf verdienen, warnen. 

„Bei einer Schreckschusswaffe entweicht hoher Druck, sodass massive Verletzungen entstehen, wenn sie etwa direkt am Körper aufgesetzt und abgefeuert wird", sagt Ulrich Eichstädt vom Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler. 

Ein weiteres Problem: Die Modelle unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht von "scharfen" Waffen. „Jemand, der eine Schreckschusswaffe dabei hat und eine Gefahr falsch einschätzt, kann selbst zum Straftäter werden“, sagt Oliver Malchow von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Das kann auch dazu führen, dass Polizisten im Einsatz die Situation falsch bewerten. Man bringt sich selbst in Gefahr."

4.950 Schusswaffen lagern zu Hause

Doch der Trend, den die Experten als besorgniserregend empfinden, macht auch vor jenen Waffen nicht Halt, die speziell zum präzisen Töten entwickelt wurden. "Im Landkreis befinden sich momentan 4.950 erlaubnispflichtige Waffen in Privatbesitz", so Steffen Klemt vom zuständigen Amt für Sicherheit und Ordnung. 

Dazu kommen insgesamt 14.300 Waffenteile, also Zubehör wie Magazinlader, Abzüge, Schalldämpfer aber auch die entsprechende Munition. 

Auch hier sind die Zahlen für die Region enorm gestiegen. Alleine im letzten Jahr hat das Amt 522 neue Waffen und Waffenteile in die notwendigen Waffenbesitzkarten eingetragen. Um eine dieser Karten zu bekommen, muss man eine ganze Reihe an Anforderungen erfüllen. 

Dazu zählt, dass man zum Beispiel nicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, dass man nie fahrlässig mit Waffen, Munition oder Böllern umgegangen ist oder in den letzten zehn Jahren nicht Mitglied eines verbotenen Vereins, wie bestimmten Rockerbanden, rechten Kameradschaften oder islamistischen Gruppen war. 

Auch, wer den Behörden als alkoholkrank oder drogensüchtig bekannt ist, bekommt keine Flinte in die Hände. Zudem muss, wer eine Handfeuerwaffe besitzen möchte, einen Lehrgang, etwa beim örtlichen Schützenverein absolvieren.

Das Wichtigste aber ist ein nachgewiesenes "Bedürfnis". Nur wer jagt, Sportschießen betreibt oder ausgewiesener Sammler ist, darf an den Abzug. Eine Sonderregel gilt für Menschen, die glaubhaft "wesentlich mehr als die Allgemeinheit durch Angriffe auf Leib oder Leben gefährdet" sind, und bei denen "der Erwerb der Schusswaffe und der Munition geeignet und erforderlich ist, diese Gefährdung zu mindern". 

Diese Hürde ist jedoch sehr hoch. Wer sich lediglich abstrakt unsicher fühlt, hat keine Chance auf einen großen Waffenschein. "Einfacher 'Selbstschutz' ist kein anerkanntes Bedürfnis", sagt Klemt. Im gesamten Landkreis liege auch kein einziger derartiger Fall vor.  

Gefühlt unsicher, statistisch sicher wie nie

Und doch: Dass die Anzahl der beantragten Waffenscheine seit 2015 rasant zugenommen hat, ist kein Zufall, sagen Experten. Eine Ursache dafür sei das Gefühl vieler Menschen, der Staat könne sie nicht mehr ausreichend schützen, vermutet Malchow. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht 2015 auf der Kölner Domplatte wurden Kleine Waffenscheine zum Beispiel besonders stark nachgefragt.

Gefühle und Fakten: Sie scheinen immer weiter auseinanderzudriften. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge wurden 2018 insgesamt 11.635 Straftaten erfasst. Das sind 1.371 Fälle weniger als 2017; eine Abnahme um 10,5 Prozent.

Dass Selbstbewaffnung das allgemeine Unsicherheitsgefühl des Umfelds noch verstärken kann, scheint vielen Menschen in der Region nicht bewusst zu sein. Auch bieten Schreckschusswaffen und Co. bei Großveranstaltungen wie Weihnachtsmärkten und in der Bahn keinen Schutz: Dort dürfen sie nämlich gar nicht getragen werden - auch mit Waffenschein nicht. (mit dpa)

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