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Apotheker in der Abmahnfalle

Tausende Apotheker sollten hohe Zahlungen leisten. Darunter auch einige aus dem Südkreis. Sie wehrten sich.

Von Anja Beutler

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Diese sechs Seiten haben Apotheker Wieland Schäfer erst einmal einen kleinen Schrecken eingejagt. Vor Weihnachten trudelte mit der Post in seiner Apotheke ein Brief von einem Rechtsanwalt aus Leipzig ein. In dem Schreiben der in Leipzig, Dresden und Hamburg tätigen Kanzlei warf der Anwalt Schäfer vor, gegen wichtige berufsrechtliche Standards verstoßen zu haben: Zum einen wäre das Impressum auf seiner Internetseite fehlerhaft. Zum anderen könne man bei ihm über das Internet einfach so mehrere Präparate bestellen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fielen. „Wir haben sofort unseren Internetauftritt auf diese Dinge hin überprüft“, sagt der Löbauer, der mit seiner Tochter die Alte Apotheke führt.

Immerhin sei das Schreiben des Anwaltes, der einen Mandanten in Schwäbisch Hall vor unlauterem Wettbewerb im Internet schützen wollte, durchaus professionell gemacht gewesen. Professionell war es aber auch auf andere Weise – es war ein Massenprodukt, um möglichst viel Geld zu erhalten: Denn außer Schäfer erhielten etwa 3 000 Apotheker in ganz Deutschland wortgleiche Briefe, nur Adresse und Apotheken wurden angepasst. Bemerkenswert ist im Landkreis zudem, dass vor allem Apotheken in den Städten Löbau und Zittau betroffen waren – in kleineren Gemeinden wie Großschönau, Herrnhut oder auch im Oberland und Ostritz hingegen nicht oder nicht so häufig. Alle Angeschriebenen sollten reichlich 2 600 Euro pro Apotheke zahlen – bei besonders schneller Reaktion und zusätzlicher Unterlassungserklärung sollte ein Erlass von 500 Euro gewährt werden. Ein entsprechendes Formular war dem Abmahn-Brief gleich mit angefügt.

Dass die Beschuldigungen in dem Schreiben vom Dezember pauschal waren und gar nicht auf konkreten Vergehen beruhten, merkte nicht nur Schäfer nach seiner Überprüfung schnell, sondern auch seine betroffenen Kollegen in Zittau. Auch die Marien-Apotheke hat einen solchen Brief bekommen. „Wir haben das gleich an den Deutschen Apothekerverband weitergegeben – und an unseren Rechtsanwalt“, bestätigt Lars Marschner, kaufmännischer Angestellter in der Marien-Apotheke. Das Ganze sei sehr ärgerlich, denn als Gemahnter habe man sich juristisch wehren müssen – was Kosten verursachte. Und das, obwohl die Marien-Apotheke noch nicht einmal einen Onlineshop oder Ähnliches betreibt. In der ebenfalls in Zittau ansässigen Stadt-Apotheke am Markt, lacht Inhaber Stefan Gänsler erst einmal, als er nach der Abmahnpost gefragt wird: „Welchen Fall meinen Sie denn?“, sagt er. Er habe nämlich nicht nur den Brief des Leipziger Anwalts bekommen, sondern noch weitere Post von einem Versand-Apotheker, der behauptete, er habe nicht dafür gesorgt, dass bei einer bestimmten Sorte Bonbons, die er vertreibe, die Inhaltsstoffe ausreichend ausgewiesen seien. „Ich habe mich mit meinem Anwalt beraten und dann beschlossen, über beide Fälle zu lachen und sie zu ignorieren“, sagt Gänsler, der es erschreckend findet, dass Apotheker so gegen Kollegen schießen.

Eine Versandhandelslizenz und auch eine Internetseite haben sowohl Apotheker Gänsler als auch Schäfer seit einigen Jahren. „Aber ein Rezept online eingelöst hat seitdem noch niemand“, betont der Löbauer. Und das hat in seinen Augen Gründe: Denn, selbst wenn jemand über das Internet ein verschreibungspflichtiges Medikament bei ihm anfordert, muss er das Rezept dennoch in die Apotheke schicken. „Es muss direkt vorliegen“, sagt Schäfer. Anschließend sei es in jedem Fall erforderlich mit dem Kunden zu telefonieren: „Wir sind verpflichtet, wegen möglicher Wechselwirkungen mit anderen Mitteln nachzufragen“, erklärt der Apotheker. Erst danach könne das per Rezept bestellte Medikament mit einem Zustelldienst zum Kunden gebracht werden. Wieland Schäfer geht davon aus, dass dieses Vorgehen vielen Kunden zu umständlich ist – und die meisten ohnehin auch wegen der direkten Beratung und der sozialen Kontakte den Weg in die Apotheken finden. Wer nicht mehr so mobil sei, für den gebe es in einigen Gemeinden nach wie vor den Service der Rezeptsammelstellen, wo Kunden Rezepte in einen speziellen Briefkasten einwerfen und dann die beauftragten Apotheken die Medikamente nach Hause liefern.

Der Apotheker, der mit seinem Anwalt offenbar das große Geld machen wollte, ist nach Angaben der Apothekerzeitung übrigens pleite. Er habe seine Großhandelsrechnungen nicht mehr zahlen können und musste schließen. Gegen ihn laufen Ermittlungen wegen versuchten gewerbsmäßigen Betruges und Gebührenüberhebung.

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