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"Wir werden weiter unsere Meinung kundtun"

Klaus Arauner ist als Görlitzer Theater-Intendant für politische Stellungnahme. Bei der "Karawane der Vernunft" wäre er dennoch nicht mitgefahren.

Klaus Arauner ist Generalintendant und künstlerischer Geschäftsführer des GHT Görlitz/Zittau. Seit 1986 arbeitet er am Görlitzer Theater.
Klaus Arauner ist Generalintendant und künstlerischer Geschäftsführer des GHT Görlitz/Zittau. Seit 1986 arbeitet er am Görlitzer Theater. © André Schulze

Mitte Juni hatte das Gerhart-Hauptmann-Theater an der "Karawane der Vernunft" teilgenommen. Eine Gegendemo zu den Corona-Protesten an der B 96 in Form eines Autokorsos. Für das Theater hat das ein Nachspiel: Es soll einen Verhaltenskodex erstellen. Was das für das Theater bedeutet, was drinstehen wird und warum die "Karawane der Vernunft" für ihn nicht die beste Wahl war, sagt Intendant Klaus Arauner. 

Herr Arauner, hätten Sie bei der „Karawane der Vernunft“ mitfahren wollen? 

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Geld sicher und gut anlegen? Das ist in Zeiten der Nullzinspolitik nicht einfach. Deshalb sollte man sich gerade jetzt gut beraten lassen.

Nein, ich hätte es nicht gemacht. 

Mitte Juni zog die "Karawane der Vernunft" über die B96, ein Gegenprotest zu den Coronademonstranten. Weil der bisherige GHT-Geschäftsführer Caspar Sawade die Teilnahme des GHT erlaubte, wollte die AfD eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn. Scheiterte
Mitte Juni zog die "Karawane der Vernunft" über die B96, ein Gegenprotest zu den Coronademonstranten. Weil der bisherige GHT-Geschäftsführer Caspar Sawade die Teilnahme des GHT erlaubte, wollte die AfD eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn. Scheiterte © Carmen Schumann

Warum nicht? 

Zum einen, weil mir nicht ganz klar ist, um was es eigentlich auf beiden Seiten geht. An der B 96 treffen sich jeden Sonntag Menschen mit offenbar sehr unterschiedlichen Motivationen. Aber welche Botschaft soll dabei eigentlich wen erreichen? Und welche Antwort will man geben? Ich glaube, in einer solchen Situation ist mit Konfrontation nicht viel erreicht. Andererseits wirkt Kunst durch die Wahl der richtigen Mittel. Am Theater berufen wir uns zu Recht immer wieder darauf, dass wir über besonders effektive Instrumente  verfügen, Menschen zu einer Reflexion ihrer Lebenswirklichkeit zu animieren und ihnen damit neue Perspektiven aufzuzeigen. Das ist der Anspruch an unsere Arbeit.  Aber ich weiß nicht, ob die "Karawane der Vernunft" diesem Anspruch in der aktuellen Situation genügt. 

Wie erleben Sie die aktuelle Situation?

In vielen Ländern - nicht nur bei uns, sondern weltweit - sinkt die Dialogfähigkeit oder wird aus politischem Kalkül regelrecht unterdrückt. Dabei stauen sich Wut und Hilflosigkeit an, die irgendwann ausbrechen. Positionen werden nur noch ausgerufen, ein gemeinsames Aushandeln weiterer Entwicklungen wird immer unmöglicher. Wir sehen nur noch Symptome, die eigentlich relevanten Ursachen verschwimmen immer stärker. Darauf muss eine Gesellschaft reagieren, denn das kann ihre Grundfesten in Frage stellen. Und natürlich sollte dies auch und gerade mit den Mitteln der Künste erfolgen. Es gibt sicher Fälle, in denen ein Autokorso als künstlerisches Mittel Berechtigung haben kann. In dieser konkreten Situation, denke ich, war dieses vergleichsweise plakative Instrument nicht die richtige Wahl. 

Was wäre aus Ihrer Sicht besser gewesen? 

Eine viel stärkere Wirkung kann künstlerische Aktivierung erreichen. Wir sollten die Menschen an der B 96 einladen, ihren Gedanken und Sorgen im künstlerischen, szenischen Spiel Ausdruck zu verleihen und dabei neue Dialogformen zu entwickeln. Der Schutzraum der Bühne wäre ein guter Ort, um über Ursachen, Symptome und Perspektiven zukunftsorientiert zu verhandeln. 

Ziehen Sie sich damit nicht selbst sehr in diesen Schutzraum des Theaters zurück? Und andersrum: Glauben Sie, dass die Menschen an der B 96 Ihrer Einladung folgen würden? 

Bühne ist hier sinnbildlich gemeint. Das kann man auch im öffentlichen Raum machen. Ich erinnere mich an eine Situation, als der heutige Bürgermeister Michael Wieler noch Intendant war und wir den Opernball gemacht haben. Damals haben Görlitzer Einwohner vor dem Theater demonstriert. Es waren zum großen Teil Bürger aus nicht so wohlhabenden Verhältnissen, die es nicht richtig fanden, dass die Besserverdienenden in den Opernball gingen, um sich dort im Walzer zu drehen. Dr. Wieler ist dieser Konfrontation ganz bewusst entgegengegangen und hat die Menschen eingeladen, Theater zu spielen, zu Themen, die sie selbst betreffen. Ein Theaterpädagoge hat sie dabei lange begleitet und es ist eine großartige Theatergruppe daraus geworden. Alle haben etwas mitgenommen. Es gibt keine Garantie, dass man alle Menschen erreicht. Aber es ist ein Angebot, das über ein Diskussionsforum hinausgeht - was man auch machen könnte, um Meinungen auszutauschen. Ein weitergehender Schritt wäre ein Bürgerbühne. Man wird damit sicher nicht diejenigen erreichen, die nur Konfrontation suchen, aber vielleicht diejenigen, die an der Straße stehen, weil es ihnen ein inhaltliches Anliegen ist, sich zu äußern. 

 Werden Sie der Bitte des Landkreises nach einem Verhaltenskodex nachkommen? 

Im Aufsichtsrat der Theatergesellschaft gab es nach der „Karawane der Vernunft“ Diskussionsbedarf über die Teilnahme eines unserer Fahrzeuge. Dabei entstand die Idee eines Kodex. Wir haben dem Aufsichtsrat einen Entwurf vorgelegt.

Der Deutsche Bühnenverein hat auch einen Verhaltenskodex - dabei geht es aber um Vorbeugung gegen sexuelle Übergriffe. Einen "Verhaltenskodex für öffentliche Auftritte des Theaters als Institution bei politischen Veranstaltungen" sieht der bisherige GHT-Geschäftsführer Caspar Sawade dagegen als Dammbruch. Wie sehen Sie das? 

Ähnlich sehe ich den hohen Stellenwert für die Freiheit der Kunst. Das Theater ist auf Basis des Grundgesetzes in der Wahl und Ausübung seiner Konzeption und Mittel frei. Das ist als oberstes Prinzip nicht verhandelbar und wir nehmen diese Freiheit für unsere Arbeit selbstverständlich umfassend in Anspruch. Illegitim wäre ein derartiger Kodex, würde er diese Kunstfreiheit beschneiden. Auf der anderen Seite kann er aus meiner Sicht durchaus hilfreich sein, wenn er zur notwendigen Transparenz der Kommunikation zwischen dem Theater und seinen Gesellschaftern beiträgt. 

Was steht in dem Entwurf des Kodex? 

Um Transparenz herzustellen, könnte geregelt werden, dass das Theater gegenüber seinen Gesellschaftern kommuniziert, wenn es sich im Rahmen seiner künstlerischen Arbeit an politischen Demonstrationen oder Kundgebungen zu beteiligen gedenkt.

Das Ostritzer Friedensfest oder andere Aktionen werden also künftig nicht auf das GHT verzichten müssen? 

Das ist gar keine Frage. Wir werden uns selbstverständlich immer wieder gern am Friedensfest beteiligen. Es hat eine klare politische Zielstellung. Ich finde es nach wie vor richtig, dass ein Theater in einer ganz konkreten Situation seine klare Meinung kundtut. 

Nach der "Karawane der Vernunft" hat die AfD eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Caspar Sawade beantragt. Deutschlandweit gab es immer wieder Versuche der AfD, Kultur zu ihrer politischen Spielwiese zu machen. Welchen Eindruck haben Sie?  

In meiner persönlichen, künstlerischen Entscheidung habe ich den Versuch einer Einflussnahme der AfD bislang noch nicht erlebt. Wie haben durchaus schon AfD-kritische Inszenierungen gespielt. Bislang ist mir als Intendanten gegenüber aber nie ein Kommentar gekommen, das wäre nicht tolerierbar oder rechtswidrig oder ähnliches. Ich weiß aber sehr wohl, dass es an anderen Theatern anders ist. In den Programmen der AfD auf Landes- und Bundesebene sind Tendenzen zur Aushöhlung der Kunstfreiheit an vielen Stellen dokumentiert. Das muss man sehr aufmerksam beobachten. Denn hier geht es um eine ideologisch gesteuerte Verengung der schöpferischen Freiheit, die Kunst und Gesellschaft dringend benötigen, um nicht in Schweigen und Stillstand zu verfallen – und sich damit letztlich selbst in Gefahr zu bringen. 

Tun Sie das nicht selbst mit einem solchen Verhaltenskodex? Besteht nicht zumindest die Sorge, auf das eine könnte das nächste folgen?

Absolut nicht. Wie gesagt, die Freiheit der Kunst ist unantastbar. Alle Mittel, die das Theater bei seinen Vorstellungen verwendet, bedürfen keinerlei Nachfrage bei einem Verhaltenskodex. Selbst wenn das Theater in den öffentlichen Raum geht mit seinen künstlerischen Mitteln und mit einer klaren politischen Aussage, darf das auch nicht unter den Kodex fallen. Alle Mittel, alle politischen Aussagen sind offen, sofern sie im Einklang mit der Verfassung stehen. Bei der "Karawane der Vernunft" ging es um die Beteiligung an einer von Dritten organisierten politischen Veranstaltung, bei der für mich vor allem die Frage im Raum steht, ob sie etwas mit unseren künstlerischen Mitteln zu tun hat. 

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