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Arbeiter bestimmen jetzt bei Borbet mit

Das ist nicht die einzige Neuigkeit aus dem Kodersdorfer Unternehmen. Auch mehr Nachwuchs soll ausgebildet werden.

Elf Männer vertreten ihre Kolleginnen und Kollegen im Kodersdorfer Borbet-Werk. Zum Vorsitzenden wählten sie Sandro Kliemann (5. v.l.) und zu seinem Stellvertreter Piotr Filip (4. v.r.). Seit einer Woche ist der Betriebsrat als letztes gegründetes Gremium
Elf Männer vertreten ihre Kolleginnen und Kollegen im Kodersdorfer Borbet-Werk. Zum Vorsitzenden wählten sie Sandro Kliemann (5. v.l.) und zu seinem Stellvertreter Piotr Filip (4. v.r.). Seit einer Woche ist der Betriebsrat als letztes gegründetes Gremium ©  André Schulze

Der Felgenhersteller Borbet hat seit einer Woche einen Betriebsrat. Das bringt Veränderungen mit sich, besonders für zwei Kollegen. Sandro Kliemann ist der Vorsitzende und Piotr Filip sein Stellvertreter. Beide Mitarbeiter sind nun ganz für die Betriebsratsarbeit da, und damit freigestellt.

„Das ist schon eine Umstellung, nicht mehr im Schichtbetrieb zu sein, sondern eine geregelte Arbeitszeit von früh bis Nachmittag zu haben“, sagt Sandro Kliemann. Bisher war der 31-jährige Nieskyer in der Gießerei beschäftigt.

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Umgewöhnen muss sich auch sein polnischer Kollege Piotr Filip. Der 44-Jährige aus Zgorzelec war zuvor in der Lackiererei tätig und hat dort in fünf Schichten gearbeitet. Überhaupt, so berichtet Piotr Filip, war er einer der ersten Arbeitskräfte hier im Werk. „Als Maler habe ich das Bürogebäude hergerichtet. Da war an die Produktion von Felgen noch nicht zu denken“, erzählt der Familienvater im guten Deutsch. Dass er in Kodersdorf bleiben konnte und eine Festeinstellung seitdem hat, das freut ihn noch heute.

Piotr Filip fühlt sich vor allem für seine polnischen Kollegen zuständig. Rund 180 Polen sind im Kodersdorfer Werk beschäftigt. Bei einer Belegschaftsgröße von 530 Mitarbeitern macht der Anteil polnischer Arbeitnehmer ein Drittel aus. „Ich bekomme viele Fragen zum Betriebsrat von meinen Kollegen“, berichtet Filip. Denn so eine Art von Arbeitnehmervertretung kennt man in polnischen Betrieben nicht. Dort regeln alles die Gewerkschaften.

Beide Betriebsräte haben ein zentral gelegenes Büro bekommen, in dem seit einer Woche ihre Arbeitsplätze sind. Für sie, aber auch die weiteren sieben Betriebsratsmitglieder, beginnt jetzt die Zeit des Lernens, um sich in den Betriebsverfassungsgesetzen sattelfest zu machen.

Reiner Dürkop als Geschäftsleiter der Borbet Sachsen GmbH begrüßt die Gründung eines Betriebsrates in seinem Werk. „Das ist für uns ein völlig normaler Vorgang“, verweist er mit Blick auf die anderen Borbet-Standorte. Dort haben sich über die Jahre Betriebsratsgremien gebildet, nur in Kodersdorf fehlte noch eine Vertretung. Personalchefin Mareille Knöschke wollte schon lange einen Betriebsrat als Ansprechpartner und Bindeglied zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft haben. „Weil es daran bisher gescheitert ist, haben wir im vergangenen Jahr eine Belegschaftsvertretung initiiert“, sagt die Personalchefin. Diese Vertretung hatte mehr beratende als bestimmende Funktion, aber der Anfang war gemacht. Inzwischen haben die Kollegen selbst gesagt: Wir gründen einen Betriebsrat! Unterstützung holten sie sich von der Industriegewerkschaft Metall Ostsachsen. Den Auftakt dazu machte die Gründung eines Wahlvorstandes im Februar. Am vergangenen Mittwoch konstituierte sich der neue Betriebsrat mit elf Mitgliedern, wovon fünf polnische Bürger sind.

Zwei Ziele hat sich das Gremium bereits gestellt, sagt Vorsitzender Kliemann: Dass sich die Löhne im Sinn der Arbeitnehmer weiterentwickeln und dass das verschachtelte Schichtsystem der einzelnen Abteilungen angepasst wird. In Bezug auf soziale Belange ist das Kodersdorfer Werk gut aufgestellt. Eine, wenn auch extern betriebene, Kantine stellt die Pausenversorgung sicher. Zeitliche Reserven sind aber noch in der Abendversorgung, heißt es.

Als Familienbetrieb und Traditionsunternehmen zählen sich die Kodersdorfer als eines der inzwischen acht Werke plus einem Vertriebszentrum mit zusammen rund 4 800 Mitarbeitern. Peter Wilhelm Borbet führt in dritter Generation das Unternehmen fort, das 1881 im westfälischen Altena mit einer Messinggießerei gegründet wurde. Auch in Kodersdorf hat der 83-Jährige sein eigenes Büro. Kommt er in das Werk, so gilt eine seiner ersten Fragen dem Wohl der Beschäftigten.

Damit auch weiterhin mindestens 10 000 Autofelgen am Tag das Werk verlassen können, setzt die Geschäftsleitung auf die verstärkte Ausbildung des eigenen Nachwuchses. Wie Personalerin Knöschke sagt, ist es schwierig geworden, Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu finden. Daraus erklärt sich auch der hohe Anteil an polnischen Mitarbeitern. Mit einer eigenen Lehrlingsausbildung wollen die Kodersdorfer selbst für ausreichende Fachkräfte in den nächsten Jahren sorgen. Aus der Handvoll Lehrlingen sollen perspektivisch bis zu 50 in drei Lehrjahren werden, so die Personalchefin. Die Ausbildungsbreite reicht vom Betriebselektriker über den Maschinen- und Anlagenführer, Lackierer, Gießer, Instandhaltungsmechaniker bis hin zum Industriekaufmann. Frauen sollen sich dabei ebenso angesprochen fühlen.

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