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Arbeiterviertel ohne Mietskasernen

Zwischen 1866 und 1900 entstanden die Straßenzüge im Westen von Görlitz. Kluge Planer sorgten für stattliche Häuser statt Baracken.

Von Susanne Sodan

Architekt Karl Eduard Küstner und Baurat Hermann Otto Wilhelm Martins sollen sehr vorausschauende Köpfe gewesen sein. Sie waren in Görlitz maßgeblich beteiligt an der Planung der heutigen Innenstadt West. „Die ersten Planungen begannen 1866“, erzählt der Görlitzer Ratsarchivar Siegfried Hoche. 1847 war der Bahnhof von Görlitz eröffnet worden, die erste Phase der Industrialisierung rollte. „Mit dem entstehenden Schienennetz waren Betriebe nicht mehr auf die Flüsse angewiesen“, erklärt Hoche. Unternehmen wie der Waggonbau, die Hefefabrik und andere siedelten sich in der Jahrhundertmitte folglich stärker in Bahnhofsnähe an. Am Waggonbau ist diese Bewegung gut nachzuvollziehen: Gründer Christoph Lüders war mit seiner Sattler- und Lackiererwerkstatt zunächst am Obermarkt, zog als Wagenbauer an die Langenstraße und Mitte des 19. Jahrhundert – inzwischen produzierte er Eisenbahnwagen – zog er an die Brunnenstraße, wo das Werk I wuchs. Kurz vor 1900 kam das Werk II dazu, das ebenfalls vergrößert wurde und schließlich bis an die Gleise der Linie Berlin-Görlitz heranreichte.

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Vorbilder: Paris, Wien, Berlin

Mit den Unternehmen kamen die Arbeiter. Wohnraum wurde gebraucht. Zunächst, erzählt Hoche, wurde in der heutigen Südstadt gebaut. Wenige Jahre später ging es nördlich der Schienen weiter. „Ausgangspunkt war die Lutherkirche“, erzählt Hoche. Geplant war eine Bebauung als Ringboulevard, also ein zentraler Punkt, von dem die Straßen abzweigten. Vorbild waren Berlin, Wien, Paris. „Es dauerte aber noch eine ganze Weile, bis die Pläne umgesetzt wurden“, erzählt Siegried Hoche. 1885 entstand zum Beispiel die Landeskronstraße, erst 1900 galt der Bau des neuen Viertels als abgeschlossen.

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Es gab einen großen Unterschied zu Berlin, Wien und Paris. „Die Planer dachten in Görlitz groß. Sie hatten auch die Möglichkeit dazu, denn seit Demianis Zeiten betrieb die Stadt beim Städtebau eine starke Eigenwirtschaft.“ Die Stadt hatte also große eigene Flächen, auf denen sie eben gleich ein ganzes Viertel planen konnte. Durch diese Planung im großen Stil, so erklärt Siegfried Hoche, konnte vermieden werden, dass später Nachverdichtungen nötig waren. Der Zeichner Heinrich Zille hätte in Görlitz nicht so viele Motive für seine sozialkritischen „Milljöh“-Studien gefunden wie in Berlin. Einfach, weil es in Görlitz viel weniger Mietskasernen in den Hinterhöfen gab als zu dieser Zeit in anderen Städten, wie zum Beispiel auch Breslau. „In Görlitz wurde auf die Hinterhofbebauung fast vollständig verzichtet.“ Stattdessen entstanden Gebäude im damals modernen Stil – und mit damals moderner Wasserversorgung. „Görlitz begann zu der Zeit auch zum Pensionopolis zu werden“, erklärt Hoche. Diese Bezeichnung stammt daher: Preußische Beamte, die in Pension gingen, wählten sich nicht selten Görlitz als Wohnsitz. War nah dran an Berlin, aber noch deutlich ruhiger und weniger von steigenden Umweltbelastungen betroffenen als die Großstadt. „Sie suchten sich ihre Wohnung aber eher im neuen Zentrum, Postplatz, Wilhelmsplatz, Augustastraße“, so Hoche. Die Innenstadt West, die war von Beginn an gedacht für Arbeiter und Angestellte.