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Radebeul

Desinfektionsmittel made in Radebeul 

Das Radebeuler Pharmaunternehmen Arevipharma reagiert auf einen aktuellen Hilferuf - und nimmt auch ansonsten eine gute wirtschaftliche Entwicklung.

Die Qualität des neuen Desinfektionsmittels wird täglich im werkseigenen Labor von Arevipharma überprüft.
Die Qualität des neuen Desinfektionsmittels wird täglich im werkseigenen Labor von Arevipharma überprüft. © Arevipharma

Radebeul. Bei Arevipharma Radebeul gibt es ab sofort ein neues Produkt. In dem Werk an der Meißner Straße, dicht an der Stadtgrenze zu Dresden, werden Desinfektionsmittel hergestellt. Die beiden Geschäftsführer Daniel Hoffmann (kaufmännisch) und Dirk Jung (Qualität) haben damit auf einen Hilferuf reagiert, das derzeit vielfach fehlende Mittel zur Händedesinfektion herzustellen.

Auf der Internetseite von Arevipharma heißt es: Als Produzent von chemischen Erzeugnissen für die Pharmaindustrie haben wir alle technischen Voraussetzungen, in Situationen wie dieser zusätzlich zu unserem normalen Geschäftsbetrieb auch Mittel zur hygienischen Händedesinfektion bereitzustellen. Wir möchten damit hauptsächlich umliegende Krankenhäuser, Kliniken, Apotheken und Fachpraxen unterstützen. Nach ersten Meldungen und Schätzungen scheint sich die bereits entstandene Versorgungslücke auf einen Bedarf von mindestens 500.000 Litern ausgeweitet zu haben.

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© Norbert Millauer

Seit letztem Freitag läuft in Radebeul die Produktion von "Desinfektol". Den Namen, der jetzt auf den Aufklebern der Behälter zu lesen ist, mussten sich die Radebeuler Pharmaproduzenten selbst einfallen lassen. Daniel Hoffmann: "Die Genehmigung zum Herstellen haben wir über eine Allgemeinverfügung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erhalten." Dies sei in Zeiten von Corona unkompliziert und schnell vonstattengegangen. Die Zulassung gilt zunächst bis zum 31. August 2020. Die Radebeuler würden allerdings gern danach weiter Desinfektionsmittel produzieren und dafür auch im hiesigen Werk in die Produktionsanlagen investieren, sagt Hoffmann.

Bisher 40.000 Liter abgefüllt

Hergestellt wird das Händedesinfektionsmittel für Universitätskliniken, wie etwa die in Dresden, für Apotheken und Krankenhäuser sowie für Firmen. Allein in das Land Thüringen werden 20.000 Liter geliefert. Bisher haben die Radebeuler rund 40.000 Liter "Desinfektol" abgefüllt. Transportiert wird das Mittel in Fünf-Liter-Kanistern wie auch in Behältern, die bis 1.000 Liter fassen können.

Der Bedarf für die Mittel ist groß. Bestellungen liegen viele vor, sagen die beiden Geschäftsführer. Allerdings wird die Herstellung abhängig von der Lieferung der Grundstoffe sein. Der wesentliche ist Propanol. Diesen beziehen die Radebeuler von einer Chemiefabrik aus Deutschland. Außerdem, so Dirk Jung, werden bei der Herstellung dem Propanol Reinstwasser sowie genau dosierte Mengen von Wasserstoffperoxid und Glyzerin zugesetzt. Die Qualitätskontrolle des Desinfektionsmittels erfolge täglich im werkseigenen Labor von Arevipharma, so Jung.  

Das Werk an der Meißner Straße hat allein seit 1990 eine wechselvolle Geschichte. Vom Arzneimittelwerk Dresden (AWD) über die Treuhand zum Degussa-Konzern gelangt. Als dieser das Werk schließen wollte, kauften es die die Brüder Strüngmann. Die Zwillinge Andreas und Thomas Strüngmann (16. Februar 1950) sind die Gründer des Pharmaunternehmens Hexal aus Holzkirchen in Oberbayern. Andreas Strüngmann ist Arzt, Thomas Strüngmann ist Betriebswirt und Marketing-Fachmann. Fortan firmierte das Radebeuler Werk unter Hexal.

Seit 1986 hatten die Strüngmann-Brüder das Unternehmen Hexal aufgebaut, das zum zweitgrößten Generika-Hersteller Deutschlands aufstieg. Im Februar 2005 verkauften die Brüder das Unternehmen mitsamt ihrem Anteil von 68 Prozent an Eon Labs für 7,5 Milliarden US-Dollar an Novartis. Das Radebeuler Werk jedoch behielten sie und gliederten es in eine Holding weiterer kleinerer Unternehmen zur Wirkstoffherstellung ein.

Seitdem werden in Radebeul vor allem Wirkstoffe zum Herstellen von Schmerzmitteln sowie für Herz-Kreislauf-Medikamente produziert und in alle Welt geliefert, auch in kleinen, flexibel herstellbaren Chargen. Die wirtschaftliche Entwicklung verlief in den letzten fast 20 Jahren in Wellen. Von einst 260 Mitarbeitern musste die Belegschaft zeitweise auf bis zu 120 reduziert werden. Daniel Hoffmann: "Inzwischen geht es wieder richtig aufwärts. Wir haben derzeit 175 Mitarbeiter." Der Umsatz im Jahr 2019 betrug rund 30 Millionen Euro.

Aus Lieferengpässen gelernt

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Gelernt aus Lieferengpässen haben die Radebeuler Arevipharmer auch. So machen sie sich nicht mehr wie früher von einzelnen Lieferanten - etwa aus China - abhängig. Seit einem halben Jahr beziehen sie ihre Rohstoffe von sechs verschiedenen Chemiefabriken. Die Geschäftsführer: Es gab mal eine Zeit, da galt Deutschland als die Apotheke der Welt. Fast alle namhaften Pharmafirmen bezogen ihre Wirkstoffe von hier. In diese Richtung wolle man mit den Möglichkeiten in Radebeul wieder ein kleines Stück gehen.  

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