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Armutszeugnis für unsere Stadt

über die Umbenennung der Kurt-Fischer-Straße

Jens Ostrowski

Gestandene Männer im Rentenalter, die nach langjähriger Haft in den Westen freigekauft wurden, brechen noch Jahrzehnte danach in Tränen aus, wenn sie berichten, was ihnen die DDR angetan hat. Das erfährt unsere Redaktion bei der Aufarbeitung der Stasi-Kreisdienststelle Riesa in diesen Tagen regelmäßig. Wer ins Visier des Staatsapparats geriet, musste mit psychischer Folter bis aufs Äußerste rechnen. Manche wurden darüber hinaus in Dresden, Bautzen, Berlin auch körperlich misshandelt. Nicht alle Opfer, die wir anfragen, wollen auch von ihren Erlebnissen berichten. Weil sie es noch immer nicht verarbeitet haben und es vermutlich auch nie können werden. Es zeigt, wie tief der Schmerz sitzt. Die lokalen Fälle gleichen sich fast immer. In die Mühlen der Staatsmacht sind die Menschen geraten, weil sie die Freiheit suchten. Weil ihre Fluchtpläne entdeckt wurden – oder aber, weil sie beim Rat des Kreises hartnäckig auf ihre Ausreise in die Bundesrepublik bestanden. Eben wie bei Jürgen Gräf. Dass noch heute Straßen nach Menschen benannt sind, die für die Gründung und Aufrechterhaltung dieses Systems verantwortlich waren – und die Stadt Riesa innerhalb von zwei Jahren es nicht schafft, solche Namen von der Bildfläche zu tilgen, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der Opfer.

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