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„Ich würde alles wieder so machen“

Martina Angermann war bis Dezember Bürgermeisterin von Arnsdorf. Im Interview blickt sie auf bewegte Jahre zurück.

18 Jahre lang war Martina Angermann Bürgermeisterin von Arnsdorf, ehe sie im Februar nach Anfeindungen und Bedrohungen krank wurde und ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Seit Dezember ist sie im vorzeitigen Ruhestand.
18 Jahre lang war Martina Angermann Bürgermeisterin von Arnsdorf, ehe sie im Februar nach Anfeindungen und Bedrohungen krank wurde und ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Seit Dezember ist sie im vorzeitigen Ruhestand. © Steffen Unger

Hinter der ehemaligen Bürgermeisterin von Arnsdorf, Martina Angermann (SPD), liegen harte Monate: Anfeindungen im Netz, Rücktrittsforderungen, Dienstaufsichtsbeschwerden, Beschimpfungen. Sie hat Angst, kämpft, hält lange durch, erleidet einen Burn-out und wird krankgeschrieben. Sie kann nicht mehr und gibt auf. Seit 1. Dezember ist sie wegen Arbeitsunfähigkeit im Vorruhestand. „Ich muss jetzt wieder Kraft schöpfen“, sagt die 61-Jährige.

Frau Angermann, war es ein Fehler, Bürgermeisterin zu werden?

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Nein. Ich hatte sehr gute Jahre, in denen wir vieles bewegen konnten. Schon in der Zeit als Bürgermeisterin in Schönfeld kurz nach der Wende. Das war eine Aufbruchstimmung. Damals gab es noch nicht so viele Vorschriften, wir konnten mehr gestalten. Das traf auch auf die Jahre als Amtsleiterin in Ullersdorf und Mitarbeiterin im Bauamt Radeberg zu. Natürlich möchte ich auch die 18 Jahre in Arnsdorf nicht missen. Ich war froh und bin es noch heute, dass ich die Zeit nach der Wende mitgestalten durfte.

Sie haben Arnsdorf in einer schwierigen Zeit übernommen.

Das ist richtig. Die Gemeinde befand sich in der Haushaltskonsolidierung. Wir konnten nur über kleine Summen verfügen. Dennoch ist einiges geworden. Wir kauften die ehemalige LIDL-Halle und sanierten sie. Jetzt sind dort der Bauhof und die Feuerwehr untergebracht. Wir sanierten die Grundschule und die Trauerhalle, förderten private Vorhaben im Sanierungsgebiet und sanierten Straßen. Wir ersetzten alte Feuerwehrautos durch weniger alte. Wir förderten Maßnahmen der Flurneuordnung und sanierten schrittweise mit Firmen und Vereinen das Kulturhaus Fischbach.

Diese Erfolge schlugen sich bei der Wahl 2015 nieder. Sie erhielten 75 Prozent der Stimmen. Warum kippte die Stimmung in Arnsdorf?

Die große Politik spiegelt sich natürlich auch in einer Gemeinde wie Arnsdorf wider. 2015 kamen viele Geflüchtete ins Land. In Arnsdorf sollte ein Asylbewerberheim entstehen. Einige Einwohner protestierten dagegen. In den Gemeinderatssitzungen herrschte plötzlich ein anderer Ton. Dann wurde ich im Internet angegriffen. Es war ein schleichender Prozess, der die Stimmung verändert hat.

Gab es einen konkreten Knackpunkt?

Eine Zäsur war der Vorfall an der Kasse des Netto-Marktes, bei dem ein psychisch kranker Iraker von mehreren Männern mit Gewalt nach draußen befördert und an einen Baum gebunden wurde. Ich habe das damals als Selbstjustiz und nicht als Zivilcourage bezeichnet.

Es gab einen Gerichtsprozess, der wegen Geringfügigkeit eingestellt wurde. Würden Sie heute immer noch von Selbstjustiz sprechen?

Ja, dazu stehe ich. Der Mann hatte nichts gestohlen, und es war keine Bedrohung durch ihn zu erkennen.

Die Anfeindungen gegen Sie verschärften sich. Es wurde im Internet gedroht, eine Demonstration vor Ihrem Privathaus zu machen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich erinnere mich an ein Ereignis. Das war nach der Ausstrahlung eines Beitrages im MDR über den Vorfall im Netto-Markt. Ich hatte ihn mir bei Bekannten in Arnsdorf angesehen und bin dann abends wieder zurück ins Gemeindeamt. In der Nähe standen mehrere Männer. Im Büro habe ich mir nicht getraut, das Licht anzumachen. Hinzu kam, dass zu der Zeit auffallend viele Waffenscheine von Arnsdorfern beantragt wurden. Wir erhielten dazu vom Landratsamt eine Stellungnahme. Eine gewisse Angst war damals schon vorhanden. Und Angst ist ein schlechter Berater.

2020 wird ein neuer Bürgermeister in die Gemeindeverwaltung einziehen.
2020 wird ein neuer Bürgermeister in die Gemeindeverwaltung einziehen. © Matthias Schumann

Wann merkten Sie, dass es nicht mehr geht?

An diesen Tag erinnere ich mich ebenfalls genau. Wir hatten im Februar eine Besprechung in der Verwaltung. Dabei ging es um die Farbgebung der Turnhalle. Nach dem Gespräch kam meine Mitarbeiterin auf mich zu und ermahnte mich, zum Arzt zu gehen. Sie machte sich Sorgen um mich. Mir selber war mein Zustand gar nicht so bewusst. Der Arzt schrieb mich dann sofort krank.

Hätten Sie sich mehr Unterstützung von der „großen“ Politik erhofft?

Ja, ich fühlte mich alleingelassen. Deswegen wünsche ich meinen Kollegen, dass man jetzt sensibler auf Hetze im Netz reagiert. Beleidigungen von Politikern sind nicht hinnehmbar. Der Respekt zwischen Menschen hat nachgelassen, unsere Sprache verroht, und den Worten folgen ganz schnell Taten.

Bereuen Sie den Schritt, mit Ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit gegangen zu sein?

Nein, ich würde alles wieder so machen. Viele Arnsdorfer wollten wissen, wie es mir geht. Ich wollte warnen und die schweigende Mitte ermutigen, etwas zu sagen. So geht man nicht mit Menschen um.

Anfang Dezember wurden Sie in den Vorruhestand versetzt. Fällt ihnen mittlerweile die Decke auf den Kopf?

Nein. Ich bringe mich weiter im Kleinbauernmuseum Reitzendorf ein und bin ehrenamtlich im Ortschaftsrat Schönfeld-Weißig tätig. Nach den Beiträgen im Fernsehen und in der Presse habe ich mehr als 50 positive Zuschriften bekommen. Die beantworte ich alle, jetzt kommen gerade die letzten dran. Darüber hinaus habe ich mittlerweile vier Enkel, die wollen auch beschäftigt sein. Ich merke aber, dass ich noch nicht so belastbar bin, wie vor meiner Erkrankung.

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Wichtig ist für den Ort, dass die Oberschule kommt. Dafür haben wir lange gekämpft. Jetzt muss unsere Forderung umgesetzt werden. Auch die neuen Eigenheimstandorte sollten zügig entwickelt werden. Ich bin mir sicher, dass sie sich schnell mit Leben füllen. Dann wird die Gemeinde sicher wieder über die 5.000-Einwohner-Marke klettern. Gelingt das, bekommt Arnsdorf auch mehr Fördermittel. Ich wünsche dem Ort, dass seine Geschicke in gute sachkundige Hände gelegt werden. Dies zu bestimmen, ist Aufgabe und Verantwortung eines jeden Wählers.

Interview: Thomas Drendel und Timotheus Eimert

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