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Arnsdorfer Firma gibt Brüssel Halt

Bei der Firma Varialux werden nicht nur Leuchten hergestellt. Durch Zufall wurde ihre Produktion erweitert.

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Von Sylvia Gebauer

Brüssel, Europaparlament. Die Straßenbahn hält. Kein Sitzplatz ist mehr frei. Macht nichts, es sind nur wenige Stationen. Plötzlich muss das Gefährt bremsen. Um nicht förmlich durch den Wagen geschleudert zu werden, gibt‘s die Haltestangen. Was vielleicht kaum ein Brüsseler weiß, sie kommen aus dem 830 Kilometer entfernten Arnsdorf. Produziert von der Firma Varialux. Dabei kamen die Arnsdorfer eher durch Zufall zu dieser Produktion.

Mitarbeiter Uwe Heimann schweißt die einzelnen Stangen zusammen.
Mitarbeiter Uwe Heimann schweißt die einzelnen Stangen zusammen.
In die einstige Lagerhalle im hinteren Teil des Firmengeländes hat die Arnsdorfer Firma investiert. Seit 2011 ist hier ein Produktionszweig aufgelagert. Steven Jirschik biegt eine der Haltestangen, die in der Brüsseler Straßenbahn zum Einsatz kommen. Foto
In die einstige Lagerhalle im hinteren Teil des Firmengeländes hat die Arnsdorfer Firma investiert. Seit 2011 ist hier ein Produktionszweig aufgelagert. Steven Jirschik biegt eine der Haltestangen, die in der Brüsseler Straßenbahn zum Einsatz kommen. Foto
In Handarbeit werden Gewinde gebohrt, sie werden für die Haltestangen verwendet.
In Handarbeit werden Gewinde gebohrt, sie werden für die Haltestangen verwendet.

Ortswechsel: Steven Jirschik holt sich weitere fünf Stangen. „Wie viele wir heute fertigen, hängt vom Auftrag ab“, sagt der Mitarbeiter der Arnsdorfer Firma Varialux. An diesem Tag werden es 80 solcher Stangen sein. Und Steven Jirschik spannt sie einzeln in die Maschine. Drückt den Kopf. Die Rollen bewegen sich, schieben die Stangen Stück für Stück nach vorn. Wenn sie durchgelaufen sind, sind sie gekrümmt. Typisch für solch eine Haltestange. Dabei ist das Biegen der Stangen, neben dem Schneiden und Schweißen, nur einer von mehreren Arbeitsschritten.

Von Arnsdorf in die Welt. So kann man die Auftragsbücher des mittelständischen Unternehmens beschreiben. Und die Firma ist dabei ein durchaus traditionsreicher Betrieb. „Lämpelbau“ nennen viele ältere Arnsdorfer die Firma fast schon ein bisschen liebevoll.

Varialux entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten zum Global Player. Zu einer Firma, die international durch Technik, Qualität und Innovation punktet. Von Sachsen nach Berlin, über Westeuropa und Asien nach Australien – die Entwicklung lässt sich so zusammenfassen. Darauf ist Geschäftsführer Christian Kummerfeldt besonders stolz. Wenn er Gäste durch die „heiligen Hallen“ seiner Firma führt, steuert er Bilder an. Im Foyer des Empfangsbereichs. Ein Bild zeigt den Bahnhof in Bern. Die Berner Welle, wie ihn die Einheimischen nennen. Ausgeleuchtet haben ihn die Arnsdorfer. Dass das traditionsreiche Unternehmen Leuchten produziert, ist nicht verwunderlich. Interessanter ist da schon das nächste Bild. Gezeigt ist hier die Brüsseler Straßenbahn. Und hier kommen nun die Haltestangen ins Spiel. Dabei fing die ganze Geschichte bereits im Jahr 2005 an. Damals fertigten die Arnsdorfer Designerleuchten für Straßenbahnen. Sie arbeiteten mit dem weltbekannten Schienenfahrzeugbauer Bombardier zusammen. Licht brachten sie unter anderem in die Bahnen von Berlin, Rotterdam und Dortmund. Auch die Sache mit den Brüsseler Verkehrsbetrieben begann mit den Designerleuchten. „Diese Straßenbahnen sind der Rolls-Royce der Schienenfahrzeuge“, umreißt es Firmenchef Kummerfeldt. Mit Echtledersitzen und Holzvertäfelungen sind sie unter anderem ausgestattet. Ein Pilotprojekt, bei dem die Arnsdorfer mitwirken konnten. 60 Züge wurden testweise hergestellt. Hintergrund war, es sollten mehr Brüsseler für die Straßenbahn begeistert werden. Ein Erfolg auf ganzer Linie. Vier Jahre wurden die neuen Fahrzeuge getestet, das Ganze funktionierte.

Licht ist das eine, doch während der Zusammenarbeit wurde Bombardier unzufriedener. Aus Arnsdorf wurde Qualität geliefert, daran lag es nicht, doch so eine Straßenbahn besteht aus mehreren Teilen. Zahlreiche Betriebe sitzen mit im Boot. Und die Zulieferer für die Haltestangen lieferten schlecht. Das Frustpotenzial bei Bombardier steig, so kamen die Arnsdorfer auch hier ins Spiel. „Sie fragten uns, ob wir uns die Produktion der Haltestangen vorstellen könnten, zumal wir die Technik besitzen“, blickt Christian Kummerfeldt zurück. Mit Argus-Augen wurde das fertige Produkt begutachtet. Die Arnsdorfer überzeugten. Seitdem produzieren sie die Stangen für die Brüsseler Straßenbahn. Vor drei Jahren haben sie auf dem Firmengelände investiert. Die einstige Lagerhalle im hinteren Bereich wurde zur Produktionsstätte für die Haltestangen. Hier werden die Stangen nun geschnitten, gebogen und zusammengeschweißt.

„Ende des Jahres arbeiten wir bereits zehn Jahre mit Bombardier zusammen“, sagt der Firmenchef. In dieser Zeit hat die Firma 197 Fahrzeuge der Brüsseler Straßenbahn mit Leuchten und Haltestangen ausgestattet. Ende des Jahres werden es noch einmal weitere 30 Fahrzeuge sein. Nach und nach werden alle Straßenbahnen in den Rolls-Royce verwandelt. Und die Arnsdorfer geben Halt.