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Das Land der unruhigen Bürger

Von der CDU-Bastion zur AfD-Hochburg: Warum Sachsen solche Probleme mit seiner inneren Balance hat.

Pegida in Dresden, rechte Demos in Chemnitz: der Dresdner Politikwissenschaftler Prof. Hans Vorländer über konservative Einstellungen, Lokalpatriotismus und Sachsens Tradition der Auseinandersetzung.

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Hans Vorländer, 64, hat seit 1993 den Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden inne.
Hans Vorländer, 64, hat seit 1993 den Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden inne.

Professor Vorländer, sind die Sachsen toleranter gegenüber Rechtsextremismus als andere?

Nein, generell kann man das nicht sagen. Unsere Umfragen und Langzeitstudien zeigen, dass die Sachsen nicht empfänglicher für rechtsextreme Ideen sind als andere Ostdeutsche. Sie haben aber einen Hang zum Autoritarismus. Viel entscheidender ist, dass sich diejenigen, die sich auf die Straße bewegen, nicht im Klaren darüber sind, dass sie sich auf eine gemeinsame Aktion mit Rechtsextremisten und Gewaltbereiten einlassen. Ich denke, dass das damit zu tun hat, dass sie glauben, diese Plattform des Protestes nutzen zu müssen, weil sie keine andere haben. Das hat man schon bei Pegida gesehen.

Inwiefern?

Wenn man die Teilnehmer fragte, warum sie zusammen mit Leuten auf die Straße gehen, die hasserfüllt sind oder die fremdenfeindliche und volksverhetzende Dinge sagen, dann haben die „normalen Bürger“ geantwortet: Wir haben keine andere Möglichkeit zu protestieren, und wir nutzen das jetzt. Sie nahmen sich so die Gelegenheit, ihre Vorbehalte gegen die Flüchtlingspolitik, gegen Merkel, gegen Gauck, gegen die Medien, gegen die westdeutsch geprägte Politik zu artikulieren. Sie haben nicht darauf geachtet, dass sie sich auch in die Gesellschaft von rechtsextremistischen, gewaltbereiten Leuten begeben. Aber sie sind nicht fremdenfeindlicher oder islamophober als andere Ostdeutsche, wenngleich sie deutlich über den Werten der Westdeutschen liegen.

Ist denn der Hang zum Autoritarismus typisch sächsisch?

Die Sachsen sind in Teilen chauvinistisch. Das heißt, sie sind sehr auf die eigene Region und Landsmannschaft fixiert. Ich habe das immer Ethnozentrismus genannt: Das „Sächsische“ wird als etwas Besonderes empfunden, es sorgt für ein Sonderbewusstsein und manchmal auch für Selbstüberschätzung und Abwertung anderer. Es ist auch ein Hintergrund, der sich politisch mobilisieren lässt. „Sachsen zeigt, wie es geht“ ist schon früh nach der Wende das Motto gewesen. Dann tauchte es bei Pegida wieder auf. Das Gefühl, dass man die Avantgarde ist, dass Sachsen der Bundesrepublik zeigen muss, dass es so oder eben so nicht weitergeht.

Welche Rolle spielt dieser besondere Lokalpatriotismus für die jetzige Situation in Sachsen?

Es gibt in Sachsen einen spezifischen historischen Hintergrund: ein eigenstaatliches, kollektives Bewusstsein von ehemaliger Größe. Sachsen war schon immer eine Region, die stolz auf sich war: auf den Erfindergeist der Ingenieure und die Errungenschaften von Kunst, Kultur, Musik und Wissenschaft. Das ist ein Kontinuum der Selbstbeschreibung. Das war sicher auch zu DDR-Zeiten vorhanden. Es wurde überliefert, auch aufbewahrt im Nischenbürgertum, wie es von Uwe Tellkamp so schön im „Turm“ beschrieben wird. Das hatte auch eine sehr hilfreiche Funktion, um sich von der DDR und dem System zu distanzieren. Nach 1989/90 konnte hier nahtlos angeknüpft werden. Die Farben Sachsens waren sehr früh wieder sichtbar, beispielsweise, als Helmut Kohl vor den Trümmern der Frauenkirche sprach. Dann ging es auch schnell um die Wiederbegründung eines eigenen sächsischen Staates. Deshalb auch der Stolz auf den Charakter als „Freistaat“. Das ist ein Kontinuum, welches sich im Sachsenstolz wiederfindet, getragen von starker Heimatliebe, einem landsmannschaftlichen Patriotismus.

Ist Sachsen besonders konservativ?

Die Tatsache, dass die CDU lange Zeit die beherrschende Partei war und auch immer noch ist, lässt zwar diesen Schluss zu: Man setzt auf Kontinuität, hebt die eigene kulturelle Identität hervor und ist politischen Experimenten abgeneigt. Deshalb haben auch die anderen demokratischen Parteien über die letzten Jahrzehnte nicht wirklich von den Stimmenverlusten der CDU profitieren können. Hingegen haben sich enttäuschte Erwartungen auf dem rechten Rand breitgemacht und teilweise auch verfestigen können. Und schließlich ist nicht zu übersehen, dass Sachsen ein Land der unruhigen Bürger geworden ist. Der Protest hat sich auf Straßen und Plätze verlagert. Dabei spielen die unterschiedlichsten Motive und Vorstellungen eine Rolle, von genereller Unzufriedenheit mit Politik und Medien über die Verteidigung des eigenen sozialen Biotops bis zu Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass.

Gibt es denn echte konservative

Einstellungen?

Konservativ bedeutet, dass man das, was man hat und für gut befindet, bewahren will. In diesem Sinne sind sicher viele Sachsen und Sächsinnen konservativ. Es gibt aber auch gewiss Milieus, die darüber hinaus traditionelle Familienwerte, christliche Vorstellungen und starke regionale und patriotische Einstellungen zeigen, im Vogtland und im Erzgebirge etwa, auch in anderen ländlichen und in den katholischen Regionen, in der Lausitz. Zugleich finden wir ganz andere Milieus und Lebensstile in den Städten: international, jung, viele Menschen, die in den letzten beiden Jahrzehnten zugezogen sind und im Bereich von Wissenschaft, Kultur und Hightech arbeiten. Da prallen sehr unterschiedliche Lebensweisen und Wertvorstellungen aufeinander. Dieser Konflikt um kulturelle Identitäten – weltoffen, kosmopolitisch versus sachsenverbunden und heimatliebend – kommt dann manchmal auch in den Auseinandersetzungen um Kunst, Musik oder Städtebau zum Ausdruck, wie wir es in Dresden immer wieder erleben. Sachsen ist hier zu einem Labor der Polarisierung dieser unterschiedlichen Befindlichkeiten geworden. Hier kann man wie unter einem Brennglas Konflikte sehen, die im Augenblick in ganz Europa zu beobachten sind.

Warum trifft das für Dresden und Sachsen zu, aber nicht etwa für Erfurt?

Sachsen scheinen bisweilen zu starken Reaktionen zu neigen. Das kann man auch in der Geschichte sehen. Sachsen war immer von solchen Spannungen gekennzeichnet, schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Einerseits eine starke, sozialistische Arbeiterbewegung, auf der anderen Seite – durch das Wahlrecht bedingt – sehr starke konservative Parteien. Die Geschichte Sachsens kann man als eine Geschichte von sehr rau ausgetragenen Konflikten erzählen. Das gilt auch für die Zeit der Weimarer Republik: ein Machtkampf zwischen Arbeiterbewegung und Bürgertum; erst die Vorherrschaft linker Koalitionen, dann in Teilen des Landes frühe Hochburgen der Nationalsozialisten. Man hat das Gefühl, dass Sachsen oft, historisch wie auch derzeit, eine innere Balance fehlt. Offensichtlich tut sich Sachsen schwer, Kompromisse zwischen unterschiedlichen Positionen und Akteuren zu schließen. Das aber ist für eine Demokratie lebensnotwendig.

Die Auseinandersetzung hat also

eine lange Tradition?

Sachsen war immer ein unruhiges Land – eines, das die Konflikte oft auf der Straße ausgetragen hat. Vielleicht hat sich das aus dem Königreich und aus der Weimarer Republik fortgepflanzt, die DDR-Zeit untertunnelt und ist nun wieder aufgebrochen. Von 1990 bis 2014 schien es zunächst so, dass die Vordringlichkeit des ökonomischen Wiederaufbaus die sozialen, politischen und kulturellen Befindlichkeiten in den Hintergrund treten lassen konnte. Durch Pegida sind sie eruptiv nach oben gespült geworden und haben sich auf der Straße als nachholende Revolte gegen vieles, was in den letzten 28 Jahren passiert ist, breitgemacht. Das hat auch mit den Wendeerfahrungen und Demütigungen zu tun, aber es hat auch mit einer unbewältigten DDR-Vergangenheit zu tun.

Gibt es Möglichkeiten, die innere Balance in Sachsen herzustellen?

Es gibt keine andere Lösung als das fortwährende Gespräch. Die Dialogforen, die fast überall stattfinden, sind ein Mittel der Wiederannäherung. Aber ob das politisch ausreicht, ist eine ganz andere Frage. Es sind Konstellationen denkbar, in denen dieses Land unregierbar werden könnte: wenn Protest, Wut, Zorn und Hass in einem Wahlsieg der AfD bei der Landtagswahl münden würden. Wir sollten alle daran arbeiten, dass das nicht eintritt. Wir müssen die demokratischen Kräfte und die Kräfte des Dialoges unterstützen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, was mit Sachsen passiert. Das ist für das Land wichtig, aber auch für Stellung und Ansehen von Sachsen in Deutschland, Europa und der Welt. Wir müssen uns anstrengen, damit Sachsen demokratisch und weltoffen bleibt – wobei wir gleichzeitig durchaus die sächsische Heimat lieben dürfen.

Das Gespräch führte Andrea Schawe.