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Heimatgefühle im Tal der Vergessenen

Wie die ältesten Damen von Hagenwerder mit einem jungen Theatermacher ihren Lebensmittelpunkt neu entdecken.

© Felix Kriegsheim

Von Frank Seibel

Leben und Genuss

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Görlitz. Fünf Damen, 448 Lebensjahre und ein leises Singen: Oberlausitz, Du mein Heimatland... Die Trompetenklänge dazu kommen aus einem kleinen Computer, der aufgeklappt auf Tisch steht. Es ist nur ein kleiner Bildschirm, aber für die fünf Damen entrollt sich dort ein großer Teil ihres Lebens. Obwohl dort eigentlich nur ein Mann mit gemütlichem Bauch, mit Bart und frech-kurzen blonden Haaren auf einer schwarzen Bühne steht, neben ihm auf einer großen Platte eine Handvoll Häuser aus Pappe und Papier, jedes von der Größe einer Puppenstube.

Fokus auf Hagenwerder: Theatermacher Georg Genoux auf der Zittauer Bühne.Fotos: (2)
Fokus auf Hagenwerder: Theatermacher Georg Genoux auf der Zittauer Bühne.Fotos: (2) © Felix Kriegsheim
Knall auf Fall weg: Mit der Sprengung des Maschinenhauses vor knapp drei Jahren verschwand der letzte Teil des einstigen Kraftwerkes Hagenwerder.
Knall auf Fall weg: Mit der Sprengung des Maschinenhauses vor knapp drei Jahren verschwand der letzte Teil des einstigen Kraftwerkes Hagenwerder. © Pawel Sosnowski

In diesen Häusern, sagt der Mann auf dem Monitor, haben sich unendlich viele Geschichten abgespielt in den vergangenen Jahrzehnten. Dramen und Jubelszenen, Streit, Liebe, Freude und Verzweiflung – oder schlicht die ganz normale Langeweile des Alltags. Es ist ihr Leben, von dem der Mann auf der Bühne „hinter dem Vorhang“ im Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater erzählt. Und dass die fünf Damen am Tag der Deutschen Einheit nicht selbst nach Zittau fahren konnten, um live dabei zu sein, wie ihre Heimat auf der Bühne präsentiert wird, passt zur Grundmelodie des gesamten Projekts. Der letzte brauchbare Zug von Zittau in Richtung Görlitz und somit nach Hagenwerder fährt abends um 21 Uhr – da kommt man nach einer Theatervorstellung nicht mehr nach Hause. „Tal der Vergessenen“ nennen die Leute ihren Ort. So erzählt es Georg Genoux, der Theatermann, auf dem Computerbildschirm.

An diesem Nachmittag sitzt der Mann mit den fünf Damen am Tisch. Will ihnen zeigen, was er „angestellt“ hat, nachdem er monatelang regelmäßig durch ihr Städtchen gestöbert ist, mit vielen Leuten gesprochen hat, auch mit der Gruppe der Rentnerinnen, die sich regelmäßig in der ASB-Begegnungsstätte treffen. Dass er ein Theaterstück über Hagenwerder erarbeiten will, hatte Georg Genoux allen gesagt. Aber was würden die Menschen hier sagen, wenn von ihnen vor einem größeren Publikum erzählt wird? Wird der Theatermann den richtigen Ton treffen, den Ort und seine Menschen treffend charakterisieren, ohne jemanden zu verletzen? Immerhin waren etwa 70 Menschen zur Aufführung nach Zittau gekommen, mehr passen gar nicht auf die Hinterbühne.

Es war nur ein Teil der Aufführung, die die fünf alten Damen auf diesem Weg sehen konnten. Aber mit jeder Minute veränderte sich die Stimmung im nüchtern eingerichteten Raum der ASB-Stätte. Da es viel um Heimat geht in dem Stück, spielten auch Lieder der Heimat eine Rolle. Das Landeskronen-Lied aus Görlitz, das Oberlausitzlied. Bei beiden stimmten sie mit ein. Und dann erzählten sie einige Geschichten aus ihrem Leben in Hagenwerder; Geschichten, die hinter den Fassaden der Häuser spielten, die Georg Genoux als Modelle auf der Theaterbühne aufgestellt hatte. Wie Rosemarie Hiltscher, jetzt 91 Jahre alt, einst genau mit dem Umzug nach Hagenwerder schwanger wurde – nach 13 Jahren ungewollt kinderloser Ehe. „Das hat die dreckige Luft gemacht“, sagt sie und lacht. Denn dreckig war die Luft direkt gegenüber von Kraftwerk und Kohlegrube bis in die 1990er Jahre hinein allemal. Aber damals war einiges los in Hagenwerder. 3 000 Menschen lebten hier – jetzt gerade mal 700. Die alten Damen erzählen von ihrer Arbeit im Kraftwerk oder in der HO-Gaststätte am Ort. Alles lange, lange her. Damals, hat Georg Genoux von den Leuten in Hagenwerder erfahren, war die Arbeit nicht nur Broterwerb – sondern für die Menschen der Sinn des Lebens. „Früher haben die Menschen hier fürs Ganze gearbeitet“, sagt der Autor, Regisseur und Darsteller, der aus Hamburg stammt und zwanzig Jahre lang in Osteuropa gelebt und gearbeitet hat. Übers Dreiländer-Theaterprojekt „J-O-S“ hatte er vor einigen Jahren Zittau kennengelernt. So ist er in diese östlichste Region Deutschlands gekommen, um ein Stück Deutschland kennenzulernen, das ihm noch gänzlich unbekannt war und das seit Monaten immer wieder negativ in den Medien behandelt wird: Sachsen.

„Das Land, das ich nicht kenne“ ist eine Art ethnologischer Reportage geworden, dargeboten als szenischer Monolog, dazwischen ein paar Dialoge mit drei von den Männern, die Georg Genoux immer in der kleinen Kneipe des Ortes angetroffen hat. Im Theater wie auch später im ASB-Haus haben die Hagenwerderer vergnügt auf das Bekenntnis reagiert, dass der Theatermann nach dem ersten Besuch nie wieder nach Hagenwerder kommen wollte. Und dann zitiert er einen Aufkleber auf einem Auto: „Lächle – du kannst nicht alle töten!“

Am Ende des Stückes sagt Georg Genoux dann: „Ich habe einen Ort entdeckt, der mir sehr sehr lieb geworden ist.“ Mitsamt den Menschen hier, die auch über ihren Besucher sehr nett sprechen. „Sie haben sich auf uns eingelassen“, sagt eine der alten Damen; das „Sie“ gibt’s übrigens nur hier, bei rund 50 Jahren Unterschied zwischen den Damen und dem Theatermann. Ansonsten ist der Georg mit fast allen per Du – auch mit Simone und Frank, die in der kleinen Kneipe den leckeren Hackbraten machen und für die Leute am Ort seit elf Jahren gute Gastgeber sind. Und mit Udo, der ihm selbstlos Zigaretten besorgt hat; mit Frank, dem Schäfer, der viele Jahre lang die Fußballjugend trainiert hat; mit dem witzigen Maik und dem sensiblen Sebastian, den es aus dem Schwabenland wieder in sein Hagenwerder gezogen hat. Und mit Kalle, der AfD wählt und so ganz anders tickt als Georg, der bekennende Grüne. Das Bühnenstück endet mit einer filmischen Montage, die die fünf Damen im ASB-Raum besonders berührt. Der Berzdorfer See ist da zu sehen – darüber, am anderen Ufer tauchen schemenhaft die Kühltürme und Schornsteine des einstigen Kraftwerkes auf. Schön war es damals – und schön ist es wieder geworden mit dem See, sagen die Damen. „Vielleicht werden wir dadurch jetzt doch ein bisschen bekannter.“ Und durch Georgs Theaterprojekt.

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