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Schlusspfiff in Hagenwerder

Lange angekündigt, doch keiner hielt’s für möglich: Den ISG-Sportlern wird ab sofort tatsächlich die Nutzung ihres Rasenplatzes verboten.

Von Daniela Pfeiffer

Er liegt da in schönstem Grün – ein Fußballplatz, von dem viele nur träumen. Und doch hat ihm seine ganze Perfektion am Ende nichts genützt: Der Rasenplatz in Hagenwerder darf ab sofort nicht mehr genutzt werden. Die Gründe dafür sind für Außenstehende schwer nachvollziehbar – für die Betroffenen der ISG Hagenwerder schon gar nicht. Nach dem ersten Schock, als Oberbürgermeister Siegfried Deinege ihnen vor einigen Tagen die Nachricht in einem persönlichen Gespräch überbrachte, steht für sie inzwischen fest: Das lassen wir uns nicht gefallen, wir werden um unseren Platz kämpfen.

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Strahlender Sonnenschein, der Rasen top in Schuss und doch können Stefanie Lessig, Thomas Zimmermann, Michel Koch und Jürgen Heidrich (v.l.) von der ISG Hagenwerder nicht lachen. Denn sie dürfen den Platz nicht mehr nutzen.Foto: Pawel Sosnowski
Strahlender Sonnenschein, der Rasen top in Schuss und doch können Stefanie Lessig, Thomas Zimmermann, Michel Koch und Jürgen Heidrich (v.l.) von der ISG Hagenwerder nicht lachen. Denn sie dürfen den Platz nicht mehr nutzen.Foto: Pawel Sosnowski © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Was jetzt passiert ist, ist eine Spätfolge des August-Hochwassers von 2010. Damals wurde Hagenwerder nach dem Bruch des Witka-Staudamms im nahen Polen binnen weniger Minuten überflutet. Nach zwei Stunden war das Wasser größtenteils wieder weg – aber die Folgen kamen erst. Neben vielen Privaten, die alles neu machen mussten, traf es auch die Sportgemeinschaft Hagenwerder. Sie büßten durch die Flut zunächst ihre Halle ein. Wegen angeblicher Hochwassergefahr sei sie nicht sanierungsfähig, hieß es damals. Dabei wirkt die Halle auch heute noch wenig sanierungsbedürftig. Lediglich der Fußboden müsste grunderneuert werden, glauben die Sportler. „Aber nein, damals ging alles ganz schnell. Sogar die Bänke, die Matten, alles wurde ganz schnell abgeholt“, sagt ISG-Vorsitzender Thomas Zimmermann.

Ebenso schnell stand fest: Görlitz soll für die durchs Hochwasser nicht mehr nutzbaren Hallen in Hagenwerder und die Hirschwinkelhalle in Görlitz einen Hallenneubau bekommen. Der entsteht gerade – und kostet fast acht Millionen Euro. Als Hochwasserersatz bereits fertig ist das Stadion der Freundschaft, das vor einem Jahr schick saniert übergeben wurde. Es ist der Knackpunkt im ganzen ISG-Drama. Doch welche Gefahr für sie mit der Stadionsanierung verbunden ist, bekamen die Sportler nur langsam mit. Weil die Stadt darüber nie Tacheles mit ihnen geredet hatte. Das ist einer der Punkte, die am Dienstag im Ortschaftsrat zur Sprache kamen. Hier entluden sich die Emotionen und die geballte Wut auf die Stadt – sowohl seitens des Ortschaftsrates als auch der ISG-Abordnung, die durch den stellvertretenden Vorsitzenden Jürgen Heidrich sowie Stefanie Lessig und Michel Koch von der Abteilung Fußball vertreten waren – außerdem durch Thomas Zimmermann, der zugleich zum Ortschaftsrat gehört.

Als 2015 Görlitz und Hagenwerder im Schwarzbuch der Steuerzahler auftauchte und Steuermittelverschwendung angeprangert wurde, hätte der Kurs geändert werden müssen. Damals wurde kritisiert, dass Ersatzneubauten entstünden, obwohl doch die Ursprungsbauten und -anlagen weiter genutzt würden. Hinzu kam, dass die Stadt für das Sportzentrum Hagenwerder zunächst einen Schaden von 1,9 Millionen Euro angegeben hatte, sich dann aber auf ganze 5 Millionen Euro nach oben korrigierte. Auch das wurde angeprangert. Die Begründung der Stadt: Man sei zu der Erkenntnis gekommen, dass die Sanierung des ISG-Sportkomplexes wegen weiterer Hochwassergefährdung nicht durchgeführt werden könne. Schon damals – im Oktober 2015 – sagte das sächsische Innenministerium klar und deutlich: Im Gegenzug zur Sanierung des Stadions der Freundschaft ist der Sportplatz in Hagenwerder stillzulegen. Das berichtete die SZ damals genau so.

Im Rathaus wurde seinerzeit abgewunken. „Die Fördermittelgeber gehen natürlich davon aus, dass für Hochwasserersatzbauten Altes abgerissen wird, aber individuelle Dinge sprechen eben dagegen“, sagte Bürgermeister Michael Wieler damals gegenüber der SZ. Auch der OB betonte den Sportlern gegenüber immer wieder, dass sie nichts zu befürchten hätten. Selbst in den letzten Tagen und Wochen habe der OB immer noch so getan, als würde er das noch abwenden können, als gäbe es noch diese oder jene Lösungsvariante. Stattdessen nun das Gespräch mit dem ISG-Vorstand in seinem Büro, dass die ISG-ler abbrachen als klar war, was der OB ihnen da sagt. Schriftlich haben sie bislang nichts, stattdessen schickte die Stadt ein Schreiben an den Fußballverband Oberlausitz. Inhalt: Eine weitere Nutzung des Platzes sei aus förderrechtlichen Gründen ab sofort nicht mehr möglich. Ansonsten müsste die Stadt die erhaltenen Fördermittel zurückzahlen.

Eine doppelte Backpfeife für Hagenwerders Fußballer ist, dass sie nicht mal mehr zu Hause trainieren dürfen – obwohl bei allen Ankündigungen bisher immer „nur“ vom Spielbetrieb die Rede gewesen war. Die von der Stadt angebotene Alternative, ins Stadion der Freundschaft zu wechseln, lehnen sie aus Prinzip ab. Stattdessen nutzen sie die ohnehin schon bestehende Spielgemeinschaft mit Rauschwalde und wollen dort spielen und trainieren. Betroffen sind die Männer und die E-Jugend. Scheinbar nicht viele, aber Fußball ist die Sportart schlechthin und wenn das wegbricht, verliere die ISG eine wichtige Stütze. Das tut nicht nur den 70 Fußballern selbst weh, sondern allen 330 ISG-Sportlern. „Wir werden immer weiter zerstört“, sagt Thomas Zimmermann. Erst der Hartplatz, der dem neuen Zollabfertigungsplatz weichen musste und wo die ISG von der versprochenen Entschädigung nichts gesehen hat, dann die Halle, jetzt der Rasenplatz.

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Doch hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, hoffen die Sportler, die alle Hebel in Bewegung setzen wollen, damit die Entscheidung rückgängig gemacht wird. Zunächst will man sich nun an Medien und Politiker wenden, vielleicht eine Petition einreichen, in Hagenwerder einen großen Aufsteller platzieren, auf dem steht: „Wir kämpfen um unseren Sportplatz.“ Der Ortschaftsrat will alle Aktionen 100-prozentig unterstützen. Ortsvorsteher Andreas Zimmermann ist stocksauer auf Deinege und Wieler. „Wir sind komplett verarscht worden, alle, auch der Technische Ausschuss und die Stadträte. Es wäre die Pflicht der Stadt gewesen, uns nach dem betreffenden Fördermittelbescheid in Kenntnis zu setzen und die Lage neu zu diskutieren“, sagt er. „Herr Wieler hätte auf uns zukommen und sagen müssen: Wir können unsere Zusagen an Hagenwerder nicht halten.“ So aber stehe am Ende die bittere Erkenntnis, dass man niemandem mehr etwas glauben könne. Das Rathaus selbst reagierte bis gestern Abend nicht aufeine SZ-Anfrage.