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Ein Arzt mitten in Corona

Dr. Christian Schmidt ist Arzt an der Sächsische-Schweiz-Klinik in Sebnitz. Er spricht über Ängste, Respekt und neue Notwendigkeiten in Zeiten von Corona.

Dr. Christian Schmidt ist Arzt an der Asklepios Sächsische-Schweiz-Klinik in Sebnitz.
Dr. Christian Schmidt ist Arzt an der Asklepios Sächsische-Schweiz-Klinik in Sebnitz. © Daniel Schäfer

Erst seit wenigen Wochen ist Dr. Christian Schmidt, Spezialist in der Unfall- und Notfallchirurgie an der Asklepios Sächsische Schweiz Klinik in Sebnitz. Tagtäglich steht er im Dienst der Patienten, selbst dem Risiko der Ansteckung ausgesetzt. Eine Kontaktsperre kann er als Arzt nicht halten. Stellvertretend sprach Sächsische .de mit diesem Alltagsheld.

Herr Dr. Schmidt, wie fühlt man sich in dieser Situation als Arzt, anderen helfen zu wollen, aber immer in der Gefahr zu sein, sich selbst anzustecken?

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Diese Angst, oder besser Respekt vor ansteckenden Erkrankungen ist in medizinischen Berufen nichts Neues. Insbesondere in der Notfallversorgung besteht das Risiko immer, denn niemand kennt die Situation des Notfallpatienten. Neu ist jedoch, dass im Gegensatz zu Grippewellen kein Schutz durch vorherige Impfung möglich ist. Sorge bereitet vor allem die Unsicherheit, da wir noch sehr wenig über Covid-19 wissen. Diesen geringen Kenntnisstand empfinde ich als bedrückend.

Gibt es ein Angstgefühl?

Es gibt kein lähmendes Angstgefühl, aber große Sorge und Respekt. Natürlich befürchtet jeder die eigene Infektion, und gerade die Unsicherheit bezüglich der Prognose verfolgt jeden Menschen. Viele bisherige Selbstverständlichkeiten gehen in dieser Sorge unter. Diese Unsicherheit verfolgt uns in alle Bereiche des Alltags. Man merkt, dass sehr viele Bereiche des Lebens ihre unbelastete Selbstverständlichkeit verloren haben. Angst ist vielleicht nicht der richtige Begriff. Ich empfinde große Verunsicherung. Völlig  unabhängig von der ärztlichen Tätigkeit im Krankenhaus.

Was ist für sie als Arzt neu oder anders?

Sorge bereitet, dass die genaue Inkubationszeit von Covid-19, Übertragungswege, Risikofaktoren für kritische Verläufe und sinnvolle Behandlungsverfahren nicht ausreichend bekannt sind. Jeder kennt inzwischen die Konfrontation mit einem Betroffenen oder einem Verdachtsfall. Und hier tauchen ganz neue Fragen auf, denen wir uns stellen müssen: Bin ich vielleicht selbst betroffen? Hinzu kommt die Sorge um den Fortbestand der Versorgung. Wie funktioniert unser Team in dieser Phase? Was passiert, wenn ein Mitarbeiter in Quarantäne muss oder gar erkrankt ist? Dazu kommt die tägliche Verunsicherung im Umgang mit dem grenzüberschreitenden Pendlerverkehr. Viele unserer Mitarbeiter kommen aus Tschechien. Ohne sie ist der Betrieb der Klinik nicht aufrecht zu halten. Das macht fast tagtäglich eine Anpassung von Strukturen und Dienstplänen in unserem Krankenhaus erforderlich.

Und wie gehen die Mitarbeiter damit um?

Die Gelassenheit aller Mitarbeiter, die erlebte Kollegialität und das Zusammenrücken im Team beeindrucken mich jeden Tag aufs Neue.

Was musste im Umgang mit den Patienten neu geregelt werden?

Im Umgang mit den Patienten sind die streng getakteten Sprechstundenzeiten und der minimierte Kontakt neu. Als beklemmend empfinde ich die Notwendigkeit der fehlenden oder reduzierten Besuchsmöglichkeiten, die Vereinsamung von gerade älteren Patienten mit längeren Krankenhausaufenthalten, die fehlenden Gesprächsmöglichkeiten auch mit ihren Angehörigen, die fehlende gemeinsame Planung von Behandlungen und Nachbetreuung mit den Familien der Kranken. Bisher völlig Selbstverständliches fällt einfach weg. Die Notwendigkeit, mit Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln bewusst umzugehen und die Endlichkeit der Reserven zu erleben sowie der sicher in jeder Einrichtung erlebte Diebstahl dieser Dinge, stellen leider völlig neue und durchaus ungeliebte Erfahrungen dar.

Hat sich persönlich für sie etwa verändert? Geht man Ihrer Familie aus dem Weg, in der Angst sich anstecken zu können?

Natürlich ist man sich der im Krankenhaus nicht umsetzbaren Kontaktsperre und der rein statistisch erhöhten Ansteckungspotenziale bewusst. Die Kriterien der Bewertung des Infektionsrisikos eines Patienten bieten hohe, aber niemals vollständige Sicherheit: Hierfür müsste jeder symptomfreie Neuzugang bis zum Beweis des Gegenteils als potenziell infiziert und kontaminiert betrachtet werden. Wir wissen aber aus dem Umgang mit multiresistenten Keimen der letzten Jahrzehnte, dass dies bereits unter normalen Verhältnissen kaum, gegenwärtig gar nicht umsetzbar ist. Das eigene Risiko zu tragen, ist hier nur eine Seite der Medaille: Ob man sich als frühzeitiger Bestandteil einer Herdenimmunität sieht, muss jeder für sich selbst bewerten. Mit dem Gedanken, ob man die Klinik als symptomfrei kontaminiert oder infiziert zu den eigenen Angehörigen verlässt, hat sich jeder Mitarbeiter beschäftigt. Die Sorge um die Gefährdung der eigenen Familie kommt auf jedem Heimweg dazu.

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