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Kranke Asylbewerber alleingelassen?

Kranke, in diesem Fall zwei behinderte arabische Mädchen, würden in Meißen nicht ausreichend versorgt, behaupten Bürger. DRK und Landesdirektion wehren sich gegen die Vorwürfe.

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© Claudia Hübschmann

Von Peter Anderson

Dringend medizinische Hilfe für zwei mehrfach behinderte, arabische Mädchen in der Flüchtlings-Erstaufnahme Kynastweg benötigt. Dieser Hilferuf hat vor wenigen Tagen die Meißner Facebook-Gemeinde aufgeschreckt. Ein Meißner Bürger, der anonym bleiben möchte, hatte von dem Fall der beiden Mädchen erfahren und schlug mit starken Worten Alarm. Vorwürfe wurden laut, kranken Asylbewerber würde die notwendige Behandlung verweigert. Aus Spargründen müssten selbst Schwerkranke zu Arztpraxen laufen, da es keinen Fahrdienst mehr gebe.

Schnelle Reaktionen auf den dramatisch klingenden Hilferuf kamen von der Meißner CDU-Landtagsabgeordneten Daniela Kuge und der Kirchgemeinde St. Afra. Ein Arzt besuchte die beiden Mädchen. Dieses Vorpreschen hatte ungeahnte Folgen. Es rief die Landesdirektion Sachsen und den Kreisverband Dresden-Land des Deutschen Roten Kreuzes auf den Plan. Letzterer betreut im Auftrag des Freistaates die Meißner Erstaufnahme, welche bis zu 160 Flüchtlinge beherbergen kann. Das DRK wies den Hilferuf und die damit einhergehenden Vorwürfe als völlig unbegründet zurück. Selbstverständlich sei ein Arzt vor Ort gewesen und hätte sich die behinderten Mädchen angeschaut, so der Pressereferent des DRK-Landesverbandes Torsten Wieland. Gemeinsam mit den Eltern sei entschieden worden, die Kinder in der Unterkunft Kynastweg zu belassen und nicht ins Meißner Krankenhaus oder eine ähnliche Einrichtung zu bringen. „Die Familie ist bei uns gut aufgehoben. Es besteht kein besonderer Handlungsbedarf“, so der DRK-Sprecher. Kritisiert wird von Wieland, dass durch das Herausposaunen des Aufrufs bei Facebook die Persönlichkeitsrechte der Familie verletzt worden seien.

Ähnlich wird der Fall nach Angaben von Behördensprecher Ingolf Ulrich durch die Landesdirektion Sachsen beurteilt. Dem Amt untersteht die Meißner Erstaufnahme. Der SZ liegen bislang ebenfalls keine Informationen über gravierende Mängel in der Unterkunft Kynastweg vor. Im Gegenteil, bei dem Besuch einer SZ-Reporterin vor Ort lobten die Bewohner den starken Einsatz der DRK-Mitarbeiter und insbesondere von Leiterin Barbara Stolze.

Der Meißner CDU-Stadtrat Jörg Schlechte und sein Parteifreund Walter Hannot sehen einen Grund für den jetzt entstandenen Wirbel in Problemen mit dem Fahrdienst für Asylbewerber. Übereinstimmend berichten sie vom Fall eines kurdischen Flüchtlings mit akuten Zahnschmerzen, aber ohne jegliche Deutschkenntnis. Dieser hätte sich mit einem Stadtplan ausgestattet auf den Weg zum Zahnarzt machen sollen. Das sei für den Kurden jedoch nicht zu schaffen gewesen.

SZ-Informationen zufolge gilt grundsätzlich, dass Asylbewerber nur in Notfällen oder bei starken Schmerzen ein Anrecht auf ärztliche Behandlung haben. Bei kleineren Leiden können sie nicht ohne weiteres ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Das gleiche gilt für Krankentransporte zum Beispiel mit Rettungswagen.

Um diese Lücke zu schließen, haben mehrere asylfreundliche Bündnisse in Sachsen bereits auf ehrenamtlicher Basis und in enger Absprache mit den Behörden Fahrdienste eingerichtet.

Der Meißner CDU-Stadtrat Jörg Schlechte kündigte an, mit dem DRK über die Frage des Fahrdienstes reden zu wollen. Es müsse geklärt werden, was durch den Leistungsvertrag mit dem Freistaat abgedeckt sei, und wo die Regel nicht greife.

Für Meißens Landtagsabgeordnete Daniela Kuge haben die Geschehnisse rund um den Fall der beiden behinderten Flüchtlingskinder eine weitere Frage aufgeworfen. Sie habe den Eindruck gewonnen, dass niemand einen richtigen Überblick besitze, wer in der Unterkunft Kynastweg ein- und ausgehe. Darüber wolle sie jetzt Informationen einholen.