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Asylbewerber ziehen ins Studentenwohnheim

34 Studenten müssen vor den Prüfungen den Hirschwinkel verlassen. Offen ist, wann die neuen Bewohner ankommen.

© Pawel Sosnowski

Von Ingo Kramer

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Görlitz erhält kurzfristig eine zweite Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber. Darüber informierte die Stadtverwaltung gestern Nachmittag. „Erst vor wenigen Stunden haben wir erfahren, dass der Freistaat Sachsen das Studentenwohnheim am Hirschwinkel kurzfristig in eine solche umwandeln will“, heißt es darin. Die 34 dort lebenden Studenten müssen bis 30. Juni in das andere Wohnheim am Vogtshof umziehen. Der Freistaat selbst war gestern nicht zu einer Stellungnahme in der Lage. Insofern bleibt offen, ob die Asylbewerber sofort am 1. Juli einziehen sollen und für wie viele Menschen das Gebäude überhaupt vorgesehen ist.

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Dem Freistaat als Eigentümer des Hauses kommt bei seinen Plänen entgegen, dass das Studentenwerk als Mieter schon seit 2011 überlegt, das Gebäude aufzugeben. Das bestätigt Geschäftsführer Martin Richter. Der Grund: Weder das Haus am Hirschwinkel noch das große Wohnheim im Vogtshof sind ausgelastet. Stattdessen sorgen sie regelmäßig für Defizite. Aktuell sind im Vogtshof 172 von 242 Plätzen belegt, am Hirschwinkel 34 von 56. Alles in allem fehlen also 92 Bewohner. Mit der Aufgabe des Hirschwinkels lässt sich dieses Problem zum Großteil lösen. Allerdings war es nicht das Studentenwerk, das es jetzt so eilig hatte: „Der Freistaat ist auf uns zugekommen, weil er Eigenbedarf hat.“

Die Entscheidung, das Wohnheim aufzugeben, sei erst bei der Verwaltungsratssitzung vorigen Donnerstag gefallen, sagt Richter: „Seit Montag werden die Studenten informiert.“ Ihnen allen werden Plätze im Vogtshof angeboten. Umziehen müssen sie noch im Juni. „Vor der Prüfungszeit ist besser als in der Prüfungszeit“, begründet der Geschäftsführer die Eile. Bis nach den Prüfungen zu warten, hält er nicht für sinnvoll. Momentan sei der Leerstand im Vogtshof am größten, die Zimmerauswahl also gut. Im August würden schon wieder die ersten Erstsemestler einziehen. Zudem sei der Umzug nicht aufwendig: Alle Zimmer sind möbliert, niemand muss also Möbel mitnehmen. „Falls trotzdem jemand Schwierigkeiten haben sollte, kann er sich gern an uns wenden“, verspricht Richter.

Im September, wenn das Wintersemester beginnt, sind die Wohnheime meist am besten ausgelastet. Das war auch im vorigen Herbst so. Damals gab es nur 40 freie Plätze plus elf freie Kurzzeit-Appartements. Melden sich in diesem Herbst also wieder genauso viele Studenten an, ist der Vogtshof bis auf den letzten Platz gefüllt – und eine Handvoll Studenten muss sogar eine Absage bekommen, weil alles voll ist. „Das kann schon passieren“, räumt Richter ein. Als Problem sieht er das aber nicht: „Der Wohnungsmarkt in Görlitz ist ja sehr entspannt, da findet jeder etwas.“ Zudem sei Görlitz im Vergleich zu Dresden mit Wohnheimplätzen überversorgt. Rund 20 Prozent der Studenten leben hier im Heim, an der Elbe sind es nur zwölf Prozent.

Die Stadt Görlitz ist sauer auf den Freistaat. „Wir nehmen die angespannte Gesamtsituation bei diesem sehr sensiblen Thema realistisch zur Kenntnis und verstehen, dass der Freistaat unter hohem Handlungsdruck steht“, sagt OB Siegfried Deinege mit Blick auf den hohen Zustrom von Asylbewerbern in Deutschland. Grundsätzlich halte er es aber für notwendig, dass eine solche Entscheidung für eine Erstaufnahmeeinrichtung im Vorfeld mit den Verantwortlichen vor Ort abgestimmt wird.

„Weder den Umgang mit den Studenten, noch die unzureichende Informationspolitik des Freistaates gegenüber der Hochschule und der Stadt zu diesem Thema halte ich für akzeptabel. Auch die Auswahl der Immobilie zeugt von wenig Sensibilität für unser Leben in der Europastadt“, erklärt der OB. Und fährt fort: „Wir führen derzeit intensive Gespräche, um eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden.“

Unzufrieden äußert sich auch der CDU-Landtagsabgeordnete Octavian Ursu, der nach eigener Aussage in den vergangenen beiden Tagen aus mehreren Richtungen von den Plänen erfahren hat: „Ich finde es sehr ungünstig, den Studenten vor den Prüfungen zu kündigen.“ Allerdings glaubt Ursu, dass das Thema noch gar nicht entschieden ist. Am Montag, sagt er, soll es ein Gespräch zwischen Landesdirektion, Innenministerium und Stadt geben: „Erst dort soll besprochen werden, ob die Einrichtung wirklich am Hirschwinkel eingerichtet wird oder woanders.“ Mirko Schultze, Landtagsabgeordneter der Linkspartei, ist nach eigener Aussage „stinksauer“. Man hätte das Thema nach der Prüfungszeit in Ruhe angehen können. „Aber der Freistaat wälzt das Problem einfach auf die Kommunen ab“, so Schultze. Weder er noch Ursu kennen Zahlen, wie viele Asylbewerber wann einziehen sollen.