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Schmiedeberger restaurieren Riesenmosaik

Bis 2004 prangte das DDR-Kunstwerk an einem Hochhaus in Dresden-Prohlis. Jetzt wird das rare Stück mit der ungewöhnlichen Geschichte restauriert.

Anna und Klaus-Peter Dyroff haben einen großen Arbeitstisch in ihrem Mosaikatelier. Doch selbst hier findet das Mosaik, an dem sie momentan arbeiten, nur abschnittsweise Platz.
Anna und Klaus-Peter Dyroff haben einen großen Arbeitstisch in ihrem Mosaikatelier. Doch selbst hier findet das Mosaik, an dem sie momentan arbeiten, nur abschnittsweise Platz. © Karl-Ludwig Oberthuer

Einst hat das Mosaik die komplette Wand eines zehnstöckigen Hochhauses geschmückt, zehn Meter breit und 27 Meter hoch. Ein Kunstwerk von solchen Ausmaßen ist rar. "Die Familie" lautet sein Titel und es zeigt eine Mutter mit Kind, recht abstrakt dargestellt. Derzeit haben die Schmiedeberger Mosaikkünstler genau dieses Riesenbild in Arbeit und verhelfen ihm zu neuem Glanz. Es ist ein außergewöhnliches Werk und hat eine ebenso ungewöhnliche Geschichte.

1979 hat der Künstler Siegfried Schade das Bild an der Fassade des Hochhauses an der Elsterwerdaer Straße in Dresden angebracht, dort war es bis 2004 zu sehen. Damals fiel die Entscheidung, das Haus mit seinen 160 Wohnungen abzureißen. Kurz bevor die Bagger anrückten, wurde das Mosaik noch unter Denkmalschutz gestellt. 

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Deshalb haben Bauleute die Betonplatten einzeln abgenommen, auf denen das Kunstwerk angebracht war. Alles zusammen kam auf einen Lagerplatz in Brabschütz im Dresdner Westen. Dort lagerte es 14 Jahre lang bei Wind und Wetter. Das hat dem Mosaik zugesetzt. 

150.000 Mosaikplättchen vom Untergrund gelöst

2018 bekamen dann die Schmiedeberger Mosaikfachleute Anna und Klaus-Peter Dyroff den Auftrag, das Mosaik wenigstens zu sichern. Auf dem Lagerplatz trennten sie unter freiem Himmel die über 150.000 Mosaikplättchen vom Betonuntergrund. Teilweise waren die noch sehr gut verklebt, teilweise schon gelockert. Mal brauchten sie drei Tage für eine Betonplatte, mal waren sie an einem Tag fertig. 

Im Dezember haben sie angefangen. „Da haben wir uns die Hände abgefroren“, erzählt Anna Dyroff. Im Sommer mussten sie wegen der Hitze manchmal die Arbeit abbrechen. Damals war ihr Auftrag, das Mosaik zu sichern, damit es eingelagert werden kann. Geplant war, es im Lapidarium in Dresden unterzubringen, mit der ungewissen Aussicht, dass es irgendwann wieder einen Platz findet.

Aber die Denkmalschützer der Stadt Dresden haben auch daran gearbeitet, für das Kunstwerk eine Zukunft zu finden. 2015 hatte die Stadt einen Ideenwettbewerb gestartet. Dabei war noch nicht daran gedacht worden, es wieder an einer Hauswand anzubringen. Das ist inzwischen durchaus wieder denkbar. "Das Amt für Kultur und Denkmalschutz der Landeshauptstadt hält es für sehr wichtig, dass das Wandmosaik wieder im öffentlichen Raum erlebbar ist. Es ist deshalb das Ziel, das Mosaik nach erfolgter Restaurierung wieder an einem Dresdner Gebäude gleicher Bauart anzubringen", teilt die Pressestelle der Stadt Dresden mit. Das Amt für Kultur und Denkmalschutz ist auf der Suche nach geeigneten Objekten. Die müssen ja immerhin eine freie Fassadenfläche von 27 Meter Höhe haben. 

Wenn die Patina entfernt ist, bekommen die Mosaikplatten ihren alten Glanz wieder.
Wenn die Patina entfernt ist, bekommen die Mosaikplatten ihren alten Glanz wieder. © Karl-Ludwig Oberthuer

Jedenfalls haben Dyroffs jetzt den Auftrag bekommen, ein Drittel des Mosaiks zu restaurieren. Von jedem einzelnen der vier mal vier Zentimeter großen Mosaikteilchen haben sie schon bei der Sicherung den alten Mörtel abgeschliffen und diese auf einem Gewebe befestigt, damit sie in der richtigen Zusammensetzung bleiben. 

Nun geben Vater und Tochter Dyroff den Vorderseiten eine Frischekur. Die Platten haben durch Staub und Luftschadstoffe eine Patina angesetzt, die nun entfernt wird. „Da bekommen sie wieder Glanz. Irgendwann wäre eine Restaurierung ohnehin erforderlich geworden, auch wenn das Mosaik an seinem Platz geblieben wäre“, sagt Klaus-Peter Dyroff.

Teilweise fehlen Steinchen. Anna Dyroff guckt, ob eines von denen passt, die einst heruntergefallen sind.
Teilweise fehlen Steinchen. Anna Dyroff guckt, ob eines von denen passt, die einst heruntergefallen sind. © Karl-Ludwig Oberthuer

Teilweise fehlen auch Steine. Einzelne sind schon vor Jahren von der Hauswand abgefallen, andere haben die Lagerung im Freien nicht überstanden. „Wir haben ja dort vom Fuß der Platten welche aufgesammelt“, erinnert sich Anna Dyroff. Nun liegt es in ihrem Geschick, sie wieder an die richtige Stelle in dem Riesenpuzzle einzufügen.

Das ist der Orignalstandort des Mosaiks an der Elsterwerdaer Straße in Dresden-Prohlis. Als das Foto 2004 entstand, war der Abriss schon beschlossen.
Das ist der Orignalstandort des Mosaiks an der Elsterwerdaer Straße in Dresden-Prohlis. Als das Foto 2004 entstand, war der Abriss schon beschlossen. © Archivbild: Steffen Unger

Dafür müssen sie sich auch mit dem Inhalt beschäftigen. Siegfried Schade hat die wenigen Freiheiten genutzt, welche die Künstler Ende der 1970er-Jahre in der DDR hatten, und mit vielen abstrakten Formen gearbeitet. Sein Bild zeigt eine Mutter mit Kind. „Das kann man auch als religiöses Motiv sehen, als Maria mit Jesus“, sagt Anna Dyroff. Der Künstler hat dem Werk den neutralen Titel „Die Familie“ gegeben. 

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An der Elsterwerdaer Straße in Dresden, wo das Mosaik einst angebracht war, erinnert heute eine kleine Gedenktafel daran, berichtet Klaus-Peter Dyroff. „Schön wäre natürlich, wenn das Bild wieder einen Platz in Dresden fände. Vielen, die früher dort wohnten, ginge dann bestimmt das Herz auf“, sagt der Restaurator.  

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