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Milliardenpoker bringt keine Ruhe

Griechenlands Rückkehr an den Kapitalmarkt ist reine Symbolpolitik. Gekauft haben die Staatsanleihen vor allem Zocker. Seriöse Kunden ließen die Finger davon. Aus gutem Grund.

© Reuters

Von Detlef Drewes, SZ-Korrespondent in Brüssel

Verwundert reibt Europa sich die Augen: Wochenlang hatte man aus Brüssel hören müssen, dass Griechenland wieder einmal die Auflagen der Troika nicht ernst genommen hatte. Zuletzt war sogar von einem Übersetzungstrick die Rede, bei dem Athen den englischen Originaltext der Vereinbarung mit den Geldgebern in eine weit weniger verbindliche griechische Fassung übertragen hatte. Und dann das: Die erste Staatsanleihe nach etlichen Jahren, neunfach überzeichnet.

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Obwohl Athen nur drei Milliarden Euro einnehmen wollte, wurden 20 Milliarden geboten. Lediglich 4,75 Prozent Zinsen musste Finanzminister Giannis Stournaras anbieten. Das waren auch schon mal 32 Prozent. Stolz präsentierte sich deshalb Regierungschef Andonis Samaras, als Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende vergangener Woche zu Besuch kam. Von „Stimmungswende“ war die Rede und von einem „Ende der Talfahrt“.

Tatsächlich aber warnen Experten inzwischen, den Glücksgriff überzubewerten. Immerhin kostet Athen die jüngste Anleihe auf die gesamte Laufzeit gerechnet eine halbe Milliarde Euro mehr, als wenn man sich das Geld beim ESM-Rettungsschirm geliehen hätte. Dort wären nur 1,5 Prozent Zinsen angefallen. Doch die hellenische Regierung wollte das Signal, dass man den Status eines konkursreifen Landes verlassen hat und nicht länger von der Euro-Zone alimentiert werden muss. Allerdings spielten die großen US-Ratingagenturen nicht mit und signalisierten ihren Anlegern, sie sollten die Finger von den Papieren lassen. „Die politischen und wirtschaftlichen Risiken bleiben hoch. Niemand kann sagen, wie nachhaltig die Nachfrage nach Griechenland-Anleihen wirklich ist“, hieß es beispielsweise bei Fitch.

Verzweifelter Versuch

Dieses Mal könnten die Berater recht haben. Denn unter den Kunden, die zum Zug kamen, waren mit 30 Prozent überdurchschnittlich viele Hedge-Fonds, die mit Risiko-Kapital Milliarden-Geschäfte machen. Lediglich vier Prozent der Papiere gingen an Pensionsfonds und Versicherungen, die auf dem Finanzmarkt als seriöse Kunden gelten. „Durchaus möglich“, hieß es in Brüssel, „dass sich die risikofreudigen Anleger noch größere Geschäfte versprechen, wenn die Währungsunion wieder frisches Geld ins Land pumpt.“ Genau das steht nämlich wieder an.

Die jüngste Empfehlung der Troika war der entscheidende Durchbruch für die nächste Acht-Milliarden-Rate aus dem zweiten Hilfspaket. Bis zum Sommer steht sogar die Frage an, ob der Euro-Raum noch einmal rund zehn Milliarden bereitstellt oder Athen auf andere Weise entlastet, damit man nicht offiziell von einem „dritten Hilfspaket“ oder gar einem Schuldenschnitt sprechen muss. Die Instrumente dazu liegen auf dem Tisch: eine erneute Verlängerung der Laufzeiten bisheriger Kredite auf bis zu 50 Jahre sowie eine erneute Senkung der Zinsen auf unter ein Prozent.

Denn bisher hat sich an den Schlüsseldaten für Griechenland nur wenig geändert. Die öffentliche Verschuldung liegt noch immer bei rund 172 Prozent der Wirtschaftsleistung, obwohl sie längst weiter gesunken sein sollte. Über 27 Prozent der Menschen sind arbeitslos, die Wirtschaft erwartet zum ersten Mal seit fast fünf Jahren 2014 ein minimales Plus von 0,3 Prozent. Allerdings nach einem fast 40-prozentigen Einbruch in den letzten Jahren. In dieser Situation wirkt die Rückkehr Athens an den Finanzmarkt schon fast wie der verzweifelte Versuch einer Selbstheilung – oder schlicht wie eine Kampagne, im Europa-Wahlkampf Punkte zu sammeln.