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Attacken mit Flasche und Messer

Ein junger Mann randaliert 2015 mit anderen Asylbewerbern im Freitaler Leonardo. Doch nicht nur dort schlägt er zu.

© Andreas Weihs

Von Stephan Klingbeil und Yvonne Popp

Dippoldiswalde. Die Handschellen sind ab. Tariq A. ist wieder frei. Der Marokkaner blickt ins Leere, scheint nachzudenken, was er tun soll, nachdem sein Prozess am Amtsgericht Dippoldiswalde nach zwei Verhandlungstagen mit einem Urteil zu Ende gegangen ist. Es hätte nicht viel gefehlt, und der inzwischen 22-Jährige wäre der Justiz entwischt. Bereits 2017 sollte er abgeschoben werden. Wegen fehlender Ausweispapiere wurde das aber ausgesetzt. Deshalb wird der junge Mann, der im Asylheim Klingenberg registriert ist, aber eigentlich bei seiner Freundin in Dresden wohnt, hier nur geduldet. Wie lange noch, weiß niemand.

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Der ungelernte Marokkaner selbst erklärt vor Gericht, er sehe keine Zukunft in Deutschland, in seiner Heimat aber ebenso wenig. Tariq A. schlug sich – so sagt er – seit seiner Kindheit durch mit Gelegenheitsjobs. Vor drei Jahren reiste er nach Libyen, wo er seinen Pass zurückgelassen habe, als er sich im Sommer 2015 über das Mittelmeer nach Italien und dann im Zug nach Deutschland aufmachte. Keine zwei Monate nach seiner Ankunft wurde er aber straffällig, weshalb er sich nun am Amtsgericht in Dippoldiswalde verantworten musste.

Es brauchte mehrere Anläufe und einen Sitzungshaftbefehl, damit dem Marokkaner der Prozess gemacht werden konnte. Gefährliche Körperverletzung, Sachbeschädigung, Diebstahl, Drogenbesitz – die Liste der Anklagen ist lang. Er räumt einen Teil der Vorwürfe ein. Die Attacken streitet er indes ab oder relativiert sie. Sagt, er hätte sich gewehrt. So habe Tariq A. im August 2015, als er noch in der damaligen Asylunterkunft im Freitaler Leonardo-Hotel gelebt hatte, einen Wachmann, mit dem er sich stritt, mit einem Cutter-Messer verletzt.

Beim Stadtfest in Dresden wenige Tage später, habe er nahe der Carolabrücke einen heute 26-jährigen Deutschen aus dem Nichts eine Glasflasche über den Kopf gezogen. „Da kam jemand von der Seite, schlug zu und rannte weg zu Polizisten an der Brücke, ich bin hinterher“, erklärt der attackierte Dresdner. „Bei den Polizisten hat er mich dann plötzlich als Nazi beschimpft.“

Offenbar – so hieß es vor Gericht – hatte es vor dem Flaschenangriff einen Streit in der Neustadt zwischen Asylbewerbern und Deutschen gegeben. „Damit hatte ich nichts zu tun“, sagt der Dresdner. „Ich war wohl zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Da er den Angeklagten aber „nicht zu hundert Prozent“ wiedererkannte, spricht das Gericht Tariq A. in diesem Fall später frei. Die anderen Vorwürfe hält es für bewiesen.

So etwa auch einen weiteren Zwischenfall mit einem anderen Security-Mitarbeiter im Leonardo-Hotel. Dabei soll der Marokkaner dem Wachmann bei nächtlichen Ausschreitungen am 5. Oktober 2015 im Rausch mit einem Stock auf den Rücken geschlagen haben. Zuvor hatten Bewohner im Speisesaal der Einrichtung randaliert.

„Ich wurde an dem Abend dreimal attackiert“, sagt der Wachmann. Einer der Bewohner hätte ihn mit einer Glasscherbe bedroht, ein anderer hätte ihm mit einem Messer in den Hals stechen wollen. „Ein Kollege hatte das zum Glück bemerkt und dazwischengegriffen. Sonst wäre es für mich gelaufen“, zeigt sich der Freiberger noch immer „geschockt von der Aggressivität“. Der Angeklagte hätte ihn schließlich – wohl mit einer Kunstpalme – auf die Wirbelsäule geschlagen. Wenn er lange steht, schmerze das noch heute, so der 31-Jährige. „Ich bin jetzt auch raus aus dem Sicherheitsdienst, das tue ich mir nicht mehr an.“

Doch auch andere Asylbewerber habe der Marokkaner angegriffen. Als er in das Klingenberger Heim umgezogen war, soll er mit einem weiteren Mann einen Mitbewohner mit Tritten und Schlägen gegen Kopf und Oberkörper malträtiert haben.

Anders als bei den beiden Vorwürfen vom August 2015 in Freital und Dresden spricht das Gericht den Angeklagten in den übrigen Anklagepunkten nicht frei. Es verurteilt den Marokkaner nach Jugendstrafrecht, weil er zur Tatzeit Heranwachsender war und Reifedefizite aufweise. Die Strafe: Zehn Tage Dauerarrest, die der Angeklagte wegen seiner Sitzungshaft bereits abgesessen hat. Zudem muss er bis Juni 100 Sozialstunden ableisten. Schafft der Mann das nicht, droht ihm Haft. Wie lange, würde dann geprüft. Das Urteil ist rechtskräftig.