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Auch wenn es schwer fällt: Macht das Kreuz!

Sie haben bei der Landtagswahl mit allen Parteien so Ihre Probleme? Dann geht es Ihnen wie Dresdens Stadtschreiber Bernd Wagner.

Der Schriftsteller Bernd Wagner lebt in Berlin und
	arbeitet bis Dezember als Stadtschreiber in Dresden.
Der Schriftsteller Bernd Wagner lebt in Berlin und arbeitet bis Dezember als Stadtschreiber in Dresden. © dpa/Montage: SZ-Bildstelle

Es ist Wahlzeit. Da die Köpfe der Politiker und -innen sowie ihre Slogans, die nun wieder die Straßenbäume zieren, kaum aussagekräftig sind, muss man sich an ihrer Parteizugehörigkeit orientieren.

Lassen wir dem Alter den Vortritt und beginnen mit der Sozialdemokratischen Partei. Ihre Wurzeln reichen ins vorletzte Jahrhundert zurück, als sich die Industriearbeiterschaft, insbesondere in Sachsen, eine Partei als Vertreterin ihrer Interessen schuf. Ihr Problem ist, dass die Industriearbeiterschaft, insbesondere auch in Sachsen, inzwischen stark geschrumpft ist und demzufolge auch die Wählerschaft. Man versucht, dem Problem durch eine Verjüngungskur zu begegnen, indem man beispielsweise Berufsjugendliche ins Zentrum der Parteipolitik stellt, die, da sie keine Erfahrung mit der Arbeit haben, auch keine Probleme in der Umverteilung von Arbeitsresultaten sehen und somit für frischen Wind sorgen. Allerdings ist dieser so unberechenbar, dass sich im Moment niemand findet, die Führung dieser altehrwürdigen Partei zu übernehmen.

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Gehen Sie trotzdem wählen!

Nicht viel jünger ist die liberale Bewegung, die als Freie Demokratische Partei überlebt hat. Im Grunde ist sie die Antipodin der SPD, weil sie als Interessenvertreterin der Arbeitgeberschaft fungiert. Ihrer Wählbarkeit steht entgegen, dass das von ihr favorisierte freie Spiel der Kräfte längst ein globales, nicht selten kriminelles geworden ist, das einer Zähmung und nicht Befeuerung bedarf. Die Liberalen versuchen diesem Dilemma durch eine Flucht in das Allermodernste zu begegnen – durch poppige Plakatfarben, die Anpreisung künstlicher Intelligenz und der möglichst kompletten Verstrickung jedes Einzelnen im Internetz.

Gehen Sie trotzdem wählen!

Kommen wir zur Kanzler und -innenpartei, die ihren Namen von der christlichen Religion herleitet. Diese Mesalliance wurde besonders prekär, als eine protestantische Pfarrerstochter die Parteiführung übernahm. Entsprechend dem Selbstverständnis ihrer Religionsgemeinschaft missversteht sie das Beispiel Christi als Aufforderung zur fortgesetzten Kapitulation. Der aber wurde ans Kreuz geschlagen, weil er Priester und Händler aus dem Tempel jagte und auch sonst keine Kompromisse bei seiner Wahrheitssuche kannte. Das hindert die CDU aber nicht daran, in jeder Richtung, in die der Zeitgeist bläst, umzufallen: sei es bei der Abschaffung der Wehrpflicht, der gleichgeschlechtlichen Ehe oder der sogenannten Energiewende. Womit wir bei den Grünen wären, die ebenfalls ein starker religiöser Impuls bewegt.

Sie wollen permanent die Welt retten, abwechselnd vor saurem Regen, Ozonlöchern, Waldsterben und schlechtem Wetter. Nicht nur für die Menschen, auch für die Tiere haben sie das Beste im Sinn, wenngleich noch keine Umfrage ergründet hat, ob etwa die Vögel mit den Windrädern wirklich glücklich sind oder die Bienen mit den Solaranlagen und den Rapsfeldern für Biodiesel. Dass sich die Bündnisgrünen trotzdem als eine Partei des Umweltschutzes verkaufen können, beweist ihre Regierungsfähigkeit und dass sie für die Zukunft gut gerüstet sind.

Gehen Sie trotzdem wählen!

Was ist die Alternative? Vielleicht die Alternative für Deutschland, deren Vorsitzender uns den Umgang mit dem Dritten Reich erleichtern will, indem er es zu einem Vogelschiss erklärt? Zugegebenermaßen hatten sie bisher kaum Gelegenheit, auf einer Regierungsbank etwas falsch zu machen, aber was wird, wenn sie, wie ihre österreichischen Freunde, in Regierungsverantwortung kommen, ihre Oberhemden ausziehen und sich im T-Shirt mit attraktiven Moskowiterinnen auf Ibiza treffen dürfen?

Gehen Sie trotzdem wählen!

Warum? Erinnern Sie sich an die Zeiten, als Die Linke noch auf den Namen SED hörte und regelmäßig 99,9 Prozent der Stimmen erhielt? Damals wurde öffentlich abgestimmt, und wer den Wahlzettel zerriss oder der Wahlpflicht nicht nachkam, musste mit Repressalien rechnen. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Heute können Sie wählen. Sie können sich an diesem ersten Septembersonntag in Schale werfen und geruhsam zum Wahllokal pilgern. Niemand kann sie daran hindern, mit ihren Zetteln die Wahlkabine zu betreten, den Vorhang hinter sich zu schließen und in aller Ruhe dort ihre Kreuze zu machen, wo sie ihrer Meinung nach am wenigsten Schaden anrichten. Gehen Sie wählen!

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