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Auenland ist Grauenland

Dresdner Schüler besuchen ein tückisches Idyll auf leidgetränktem Boden: Im französischen Verdun tobte die blutigste Schlacht des Ersten Weltkriegs.

Von Oliver Reinhard (Text und Fotos)

Gottes Berg gleicht einem Paradies. Aus seinen Kuppen wuchert dichter Wald. Auf den Lichtungen kämmt Wind das Gras. In dessen Grün, im Wasser zahlloser Tümpel, schimmern Spiegel eines Himmels, der sich makellos von Horizont zu Horizont spannt, leuchtend, blau, friedlich. Doch wer den Pfaden durchs Paradies folgt, muss den Boden im Auge behalten; dort lauern tückische Fallen. Rostiger Stacheldraht, altes Eisen, Brocken von Beton. Erinnerungsstücke. Doaumont, der Berg Gottes, hat sich lediglich ein Paradies-Kleid übergezogen. Es ist nicht die Schönheit seiner Gegenwart, es ist die Hässlichkeit des Vergangenen, die seit hundert Jahren in seinem Namen mitklingt.

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Bewegender Boden: Die Dresdner Schüler Jan Paul Haase, Dorothea Trepte und Felix Häcker (v.l.) in Bezonvaux. Das Dorf auf dem Doaumont wurde 1916 zerstört, verlassen und nie wieder aufgebaut.
Bewegender Boden: Die Dresdner Schüler Jan Paul Haase, Dorothea Trepte und Felix Häcker (v.l.) in Bezonvaux. Das Dorf auf dem Doaumont wurde 1916 zerstört, verlassen und nie wieder aufgebaut.
Der Krieg hat eine märchenhaft schöne Landschaft aus Wäldern, Wiesen und Tümpeln hinterlassen. Doch die Tümpel sind Granattrichter, und im Boden liegen immer noch Überreste von Munition und Menschen.
Der Krieg hat eine märchenhaft schöne Landschaft aus Wäldern, Wiesen und Tümpeln hinterlassen. Doch die Tümpel sind Granattrichter, und im Boden liegen immer noch Überreste von Munition und Menschen.

„Bitte bleiben Sie auf den Wegen und seien Sie leise“, mahnt es von Warntafeln; überall liegen noch Tote im Boden. Und Munitionsreste. Unfälle sind selten, aber sie kommen vor. Durch leichtsinnige „Schatzgräber“, die heimlich nach Resten von Waffen oder Menschen buddeln. Dorothea Trepte gehört nicht dazu. Die 16-jährige Dresdnerin ist mit 50 anderen Mädchen und Jungen und vier Lehrern hier, fast alle gehüllt in Windjacken, Jeans, Turnschuhe. Die eine Hälfte stammt vom Dresdner Romain-Rolland-Gymnasium, die andere von dessen Partnerschule Louis Betrand im nordfranzösischen Briey. Entzückt betrachten sie die Landschaft. „Wie schön!“, sagt Dorothea. „Sieht aus wie im Auenland.“ Und wirklich: Wer Fantasie hat, kann an die Sagenwelt denken aus Tolkiens „Herr der Ringe“-Epos. Nur dass sich an diesem http://www.sz-online.de/nachrichten/auenland-ist-grauenland-2819994.html?EditMode=1Ort vor fast 100 Jahren keine Hobbits und Orks schlugen. Sondern Menschen, kaum älter als Dorothea und ihre Mitschüler. Eine Woche lang sind die Dresdner in Briey auf Exkursion. Und dieser Tag gehört dem Ersten Weltkrieg.

Hier auf dem Doaumont, oberhalb vom lothringischen Städtchen Verdun, tobte dessen berüchtigtste Schlacht. Von Februar bis Dezember 1916 kämpften deutsche Eroberer gegen französische Verteidiger und deren Kolonialtruppen. Dreihundert Tage und Nächte. Meistens ging es ein paar Schritte, nur selten hundert Meter vor oder zurück. Als des Kaisers Truppen sich zurückzogen, waren mindestens 300.000 Mann tot. Erschossen, erschlagen, erstochen, zerrissen, vergiftet, verschüttet. „So schlimm kann nicht einmal die Hölle sein“, entsetzte sich ein deutscher Soldat, „Schrecklicher als meine schrecklichsten Träume“ ein französischer.

Das Gemetzel bei Verdun war vor allem ein Artillerieduell, das schwerste und längste der Geschichte. Die Tümpel im Gras, die Millionen Senken im Boden zwischen Bäumen: Hinterlassenschaften des Krieges. Er hat hier alles mehrfach umgewühlt und in eine Wüste aus Schlamm und Kadavern verwandelt. In eine Kraterlandschaft, die der Wald heute zwar gnädig bedeckt, aber nicht verbergen kann.

Dorothea Treptes Rührung hält sich in Grenzen. Noch. „Mich interessiert mehr der Zweite Weltkrieg“, sagt sie. „Der ist doch viel wichtiger für die Gegenwart.“ Ihr Mitschüler Jan Paul Haase sieht das anders. „Ich habe mich schon immer für den Ersten interessiert. Wahrscheinlich, weil man bei uns so gut wie nichts davon erfährt und so viel über den Zweiten redet.“

Verdun, das ist ein Ortsname und ein Symbol zugleich – und darin eng verwandt mit Dresden: Wie „Dresden“ für den Bombenkrieg steht, ist „Verdun“ der älteste Inbegriff für die tödliche Seite der Moderne, des Fortschritts, des Totalen Krieges. Nur zaghaft wehrt sich die 18.000-Einwohnerstadt unten im Tal der Meuse gegen ihren blutigen Weltruf. „Verdun, la vie“, trotzt es ganz in Weiß von einem rosa Schild im Zentrum: Verdun, das Leben. Doch es ist nun mal der Tod, der Massen in die nicht eben wohlhabende Region lockt. 200.000 Weltkriegstouristen erwartet sie im Jahr 100 nach Beginn des großen Sterbens.

„Der beste Ort, um für den Frieden zu arbeiten“, sagt Philippe Langlois. Seine Mundwinkel rucken kurz aufwärts, die Augen bleiben ernst. „300.000 Tote auf einem so kleinen Gebiet, der nachspürbare ungeheure Horror und die menschliche Tragik, der Albtraum des ersten industriellen Tötens – eine perfekte Basis, auf der man den extremen Charakter des Krieges sichtbar und begreifbar machen und darauf aufbauen kann.“ Langlois leitet die Pädagogische Abteilung im Weltfriedenszentrum Verdun. Das sitzt seit 20 Jahren im alten Bischofspalais, direkt hinter der Kathedrale. Wer von dort aus nordwärts schaut, dessen Blick endet am Doaumont.

Philippe Langlois will diesen Blick weiten. „Verdun war nur eine von vielen Schlachten. Und der Erste Weltkrieg war nicht nur ein grausamer internationaler Konflikt. Es war eine Zeitenwende. Das alte Europa ist zwischen 1914 und 1918 untergegangen und das neue entstanden“, sagt der Historiker. Das Staatengefüge in seiner heutigen Gestalt ging daraus hervor. Ebenso die erste Organisation, die an die Stelle des jahrhundertelangen Gegen- das Miteinander setzen wollte: der 1920 gegründete Völkerbund, Vorläufer der Vereinten Nationen. „Zugleich war 1914 der Beginn eines 30-jährigen Krieges, der erst 1945 endete.“ Und da ist dieses Foto. Die Bild-Ikone der Deutsch-Französischen Freundschaft. Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 Hand in Hand – auf dem Doaumont. Verdun ist eine Verpflichtung.

Die Franzosen setzen vor den Ersten Weltkrieg keine Ziffer. Für sie ist „la grande guerre“, der Große Krieg, ein Anker im historischen Bewusstsein. Anders als in Deutschland, wo der Rückblick von Nationalsozialismus, Holocaust, Zweitem Weltkrieg absorbiert wird. Doch das scheint sich zu ändern. Das Jubiläum. „Jetzt kommen viel mehr Schulklassen aus Deutschland zu uns als wir erwartet haben“, sagt Philippe Langlois. „Das freut uns natürlich. Man kann die Gegenwart schließlich nur verstehen und Zukunft gestalten, wenn man seine Vergangenheit kennt.“ Verdun, das ist auch deutsche Vergangenheit.

Immer wieder erklingt im Hoftor des Bischofspalastes anschwellendes Stimmengewirr. Arbeit für den Pädagogen Langlois. Auch die Schüler aus Dresden und Briey hatte er heute schon zu Gast. „Der Erste Weltkrieg wird bei uns ja leider nur stiefmütterlich behandelt“, sagt Kristian Raum, Lehrer am Romain Rolland. „Es wäre schön, wenn wir das intensivieren könnten. Dieser Konflikt hat so viel verändert in den Gesellschaften. Das wirkt doch bis heute nach.“ „Bei uns ist das ein fester Bestandteil im Lehrplan“, sagt Raums Kollegin Fanny Baholet aus Briey. „Aber die Intensität hängt natürlich vom Lehrer ab. Manche Schüler kommen während ihrer Schullaufbahn fünf- oder sechsmal her. Denen hängt das natürlich irgendwann zum Hals raus.“

Der Große Krieg wirkt auf manche Weise in die Gegenwart hinein. Doch um Ukraine oder EU-Krise sollte es heute nicht gehen. Philippe Langlois hat das deutsch-französische Grüppchen zunächst in den Garten geführt. Zu einem Stück der Berliner Mauer, mit Bildern und Sprüchen übersät. „Zwei verschiedene Seiten, zwei unterschiedliche Sichtweisen – der gleiche Konflikt“, hat er gesagt. Ein paar Meter weiter: Steine aus dem Gaza-Streifen, weiße Wurfgeschosse, Waffen also; sie formen eine Friedenstaube. Das Symbol musste er den Jugendlichen nicht extra erklären. Ebenso wenig die Ausstellung mit französischen Karikaturen zur deutschen EU-Politik. Eher schon die Propagandaplakate aus dem Ersten Weltkrieg. Aufrufe zum Kampf. Zum Hass. Zur deutsch-französischen Feindschaft; wie weit weg das alles wirkt.

Mittlerweile schraubt sich der Bus der Schüler weiter auf den Doaumont. Durch Bäume, keiner älter als 98 Jahre. Vorbei an den grünen Wellen im Gelände, den Tümpeln, den jungen Birken dazwischen, deren weiße Finger zum Himmel zeigen. Die Fahrt ins Tolkien’sche Auenland endet vor den größten Resten von gestern; keine Überbleibsel der Burg an Helms Klamm, vielmehr das Fort Doaumont. Es war 1916 die am heftigsten umkämpfte Festung des Berges. „Sargdeckel aus Beton“, sagten die Soldaten. Verdun, die „Blutpresse“, die „Knochenmühle“, das war auch ein Ort für Wortschöpfungen des Grauens.

Als sie eingenommen wurde, tobte Jubel durchs Kaiserreich. Doch das Leben unterm Sargdeckel hatte nichts Ruhmreiches oder Heldenhaftes. Das scharfe, kurze Sirren der Reißverschlüsse von Lehrer- und Schülerjacken hallt durch die Gänge. Es ist finster und kalt. Am Boden breiten sich Pfützen aus. Von den Decken tröpfeln Kalk-Stalaktiten. „Muss ja albtraumhaft gewesen sein hier unten“, sagt Jan Paul Haase. Ein unerhörter Knall schlägt ans Trommelfell; ein Führer hat eine Bodenluke aus Eisen zufallen lassen. „Das war hier die dauerhafte Geräuschkulisse“, erklärt er. „Jeden Tag schlugen 19.000 Granaten ein.“ Hunderten Soldaten zerriss es die Nerven. Jan Paul überrascht das nicht. „So was kann ja nur krank machen.“ Dorothea zieht schlotternd die Schultern hoch. Selbst ihr ist diese Vergangenheit, die noch eben für sie so weit und ungleich bedeutungsärmer hinter dem Zweiten Weltkrieg lag, „auf einmal ganz schön nah. Gruselig.“

Nach acht Monaten mussten die Deutschen Fort Doaumont wieder den Franzosen überlassen. Die Jugendlichen aus Dresden und Briey dürfen schon nach einer knappen Stunde aus der Tiefe zurück ans Licht. Erleichtert laufen sie über das grüne Dach des Sargdeckels.

Auf der höchsten Kuppe des Berges treten die Bäume zurück und machen einem Wald aus weißen Kreuzen Platz. Tausende gefallener Franzosen liegen darunter. Noch mehr, 130.000 Franzosen und Deutsche, ruhen oberhalb des Kreuzwaldes im Beinhaus von Doaumont. Eine Zahl, kaum fassbar, schwer greifbar und lange nicht so direkt fühlbar wie Kälte und Dunkelheit im Fort. Erst recht nicht nach so vielen Stunden Erster Weltkrieg. Man merkt sie den Schülern an. „Das richtige Maß ist manchmal eben nicht leicht zu finden“, sagt Kristian Raum, der Lehrer. „Man kann es nur versuchen. Es gibt hier nun mal so viele wichtige und beeindruckende Dinge zu sehen. Vielleicht sind das für ein paar Stunden auch etwas zu viele?“ Verdun, das bleibt eben eine Herausforderung.

Wenige Kilometer weiter wird die Geschichte doch wieder handgreiflich. Die Schüler streifen durchs Dorf Bezonvaux beziehungsweise das, was davon übrig ist, langsam, leise. Die Sonne hat den Doaumont fast überquert, ihr Licht wärmt moosige Mauerreste, herrenloses Werkzeug, einen zerfallenen Karabiner und Schienen, verbogen von Riesenfäusten. Bezonvaux wurde zerstört, verlassen, nie wieder aufgebaut. „Wie idyllisch es hier ist“, sagt Jan Paul Haase. „Aber wenn man daran denkt, warum es hier so idyllisch aussieht ... echt krass! Das zu sehen ist schon was anderes als nur darüber zu lesen.“

Die Stille von Bezonvaux hinterlässt Spuren in Dorotheas Stimme. Ein Staunen liegt nun darin. „Schade“ findet sie es, dass man die Geschichte des Ersten Weltkriegs in Deutschland nicht mehr berühren kann, so wie hier. „Man sieht zwar nur die Zerstörung in der Landschaft. Aber das hat doch etwas sehr Symbolisches. Der Krieg hat auch die Heimat von vielen Menschen zerstört und ganze Regionen und deren Kultur. Was man hier sieht, gilt das nicht heute immer noch?“

Verdun, das sind auch Fragen. Viele davon nehmen die Schüler und Lehrer aus Briey und Dresden vom Berg Gottes mit nach Hause. Doch zwischen die Fragen passt hier und dort auch eine Antwort ins Gepäck. „Ich glaube, ich habe einen ganz anderen Bezug zum Krieg bekommen“, sagt Dorothea Trepte. „Ich kann mir jetzt viel besser vorstellen, wie schrecklich der Krieg für die Menschen ist, egal, ob in Nordafrika oder in Syrien oder in Afghanistan.“