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Auf dem Lande strickt es sich besser

Vor einem Jahr ist Ulrike Broschell aufs Dorf gezogen. Sie fühlt sich wohl, auch wenn es Geduld braucht, bis sich ihr Geschäft etabliert hat.

© a.hübschmann

Von Susanne Plecher

Das erste Weihnachtsfest in Uebigau hat Ulrike Broschell zwischen Pappkisten und Kleidersäcken verbracht. Am Heiligabend 2012 war ihr Umzug in den Großenhainer Ortsteil gerade mal zwei Tage her. Seither lebt sie inmitten von Feldern, unweit von Wäldern, in einer Doppelhaushälfte mit Garten und jeder Menge Platz. Dieses Weihnachten wird sie wieder in Uebigau feiern, diesmal an einem festlich geschmückten Tisch und mit ihren Kindern und Enkeln. Rehbraten, Rotkraut und Klöße wird es geben, das steht schon jetzt fest.

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Auf geht’s in die Erntezeit
Auf geht’s in die Erntezeit

Der Garten verwöhnt im Spätsommer mit frischem Obst und Gemüse. Und langsam heißt es auch, sich auf den Herbst und die anstehenden Arbeiten vorzubereiten.

Es ist viel passiert in diesem ersten Jahr auf dem Lande. Ulrike Broschell, die 30 Jahre in Sondershausen in Thüringen und davor sechs Jahre in Magdeburg gelebt hatte, ist zum Landei geworden. Und zwar aus Überzeugung. „Ich bin kein Stadtmensch“, sagt sie. Und: „Ich habe meinen Umzug nicht einen einzigen Tag bereut.“ Auch wenn Haus und Grundstück viel Arbeit machen. Einen kleinen Garten hat sie sich angelegt. Die Rosen recken ihre Blüten schnippisch in den Herbstwind. Die Beerensträucher am Zaun zur Dorfstraße sind fast kahl. Anfang der Woche erst hat sie Löcher ausheben lassen für ein Carport, das noch vor dem Winter stehen soll. Im Frühjahr will sie ein Gewächshaus aufbauen, in dem sie ihre Blumen heranziehen kann.

Nebenan gackern die Hühner der Nachbarin. „Hier kann ich einfach so rausgehen, wie ich bin, ein Schwätzchen halten. Ich muss mich nicht erst schick anziehen“, sagt sie. Mit der Nachbarin war sie neulich in den Pilzen. Aber eigentlich hat sie dafür kaum Zeit. Denn, dass sich Ulrike Broschell damals für Uebigau entschieden hat, hatte natürlich eine Bewandtnis. „Ich bin näher an meiner Familie“, erklärt die 60-Jährige. Kinder und Enkelkinder leben in Dresden, die Schwester und die Eltern in Weinböhla. Über 80 sind die beiden alten Herrschaften inzwischen und schwer krank. Wie lange sie sich noch selbst versorgen können, ist ungewiss. „Ich bin heilfroh, dass ich hergezogen bin“, sagt Ulrike Broschell, die mehrfach pro Woche die Eltern umsorgt und die Enkel betreut. Hauptsächlich kümmert sie sich jedoch um ihr eigenes Baby, und das ist ihre Strick- und Nähboutique.

Die gebürtige Weinböhlaerin fertigt in ihrer Nähstube Puppen und Teddys, strickt Mützen, näht und umhäckelt Babydecken. Herzallerliebst sehen die aus, zum Einkuscheln und Liebhaben. Aber der Verkauf geht nur schleppend voran. Wäre das mit einem eigenen Geschäft in der Stadt nicht besser? „Nein. In Sondershausen sind die Leute auch nur zum Gucken gekommen, gekauft hat nur selten jemand etwas“, sagt sie. Aus Erfahrung weiß sie, dass es dauert, bis ein Geschäft sich etabliert hat. Dass es Geduld und langen Atem braucht. „Das ist nichts Deprimierendes oder Negatives. Es ist einfach so“, sagt sie.

Ulrike Broschell hält sich mit Märkten und Gelegenheitsaufträgen über Wasser. Steht gerade kein Termin an, näht, strickt und häckelt sie vor. Auf den Weihnachtsmärkten am Schönfelder und Zabeltitzer Schloss wird sie zu finden sein, und am 8. November zur Einkaufsnacht im Baby-Bubu auf der Großenhainer Marktgasse. Weil man davon allein nur schwer über die Runden kommt, versucht sie eifrig, weitere Standbeine zu schaffen. In Bad Frankenhausen hatte sie in der dortigen Reha-Klinik Patienten mit orthopädischen und psychischen Erkrankungen dreiwöchige Bärenworkshops angeboten. „Die Bären zu nähen, war für sie eine richtige Therapie“, erinnert sie sich. Und weil sowohl Patienten als auch Klinikleitung und sie selbst zufrieden mit den Kursen waren, hatte sie sie auch der Großenhainer Reha-Klinik angeboten. Auf anfängliches Interesse folgte jedoch nur langes Schweigen. Nun hat sich die Chemieingenieurin, die nach der Wende ihre Arbeit als stellvertretende Laborleiterin bei der Kali-Forschung verloren hatte, um etwas Neues gekümmert: Sie macht Kindergärten und Grundschulen ein Angebot für die Freizeitgestaltung der Kinder. „Ich bastle mir einen Bären“ heißt das und geht ganz einfach. Ulrike Broschell bringt fast fertig genähte Kuschelbären mit, die Kinder stopfen unter ihren Augen Füllmaterial hinein und schließen die Rückennaht – fertig ist der Teddy. Die Werbung liegt aus, nun hofft sie auf Rückmeldungen. Und das kann sie von ihrem Häuschen im Grünen besser als von einer Wohnung in der Stadt. Sie kann jene nicht verstehen, die ins Dorf ziehen und dann die Annehmlichkeiten der Stadt vermissen. „Das weis man doch vorher“, sagt sie. Ganz auf das Stadtflair verzichten mag sie jedoch nicht. Wenn es sie rappelt, setzt sie sich ins Auto und fährt los. „Aber wenn ich in meine Dorfstraße wieder einbiege, bin ich froh.“