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Auf der Suche nach Heimat

20 000 Menschen müssen 1732 das Salzburger Land verlassen – ihr Zug führt auch durch die Oberlausitz.

© Repro SZ

Von Miriam Schönbach

Vielleicht scheint in diesem August 1732 die Sonne genauso heiß wie in diesem Sommer. Auf jeden Fall aber genießen die Menschen in der Oberlausitz die friedvolle Zeit. Die Schrecken des Dreißigjährigen knapp 100 Jahre zuvor sind langsam vergessen. An den Einmarsch der Preußen in Kursachsen 1756 und den Ausbruch des Siebenjährigen Krieges mag noch niemand denken. Trotzdem herrscht in diesen Tagen mancherorts große Aufregung im Landstrich. Die Kunde vom Durchzug der zahlreichen Exulanten aus dem Salzburger Land in eine unbekannte Fremde sorgt schnell für Gesprächsstoff bis in die letzten Häuslerkaten. Auf die Spuren dieser Glaubensflüchtlinge in der Oberlausitz hat sich Heimatkundlerin Gabriele Lang für einen Vortrag des Heimatvereins Königsbrück begeben. Denn in der kleinen Stadt sowie in dem heute auf dem Truppenübungsplatz verschwundenen Ort Krakau machen die Exulanten nach knapp 600 Kilometern für eine Nacht Halt. „Losgezogen sind die rund 900 Menschen am 27. Juni in Großarl und St. Johann. Es ist einer der letzten Züge, die das Salzburger Land verließen“, sagt die Dresdnerin. Insgesamt verließen knapp 20 000 Protestanten ihre alte Heimat im Herzen der Alpen, um sich im Nordosten Preußens, im heutigen Nordwestrussland, ein neues Leben aufzubauen.

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Doch warum kehrten die Salzburger überhaupt ihren Bauernhöfen, ihrem Acker und ihren ausgetretenen Pfaden den Rücken? Dazu geht der Blick nochmals über 200 Jahre zurück, in das Jahr von Luthers Thesenanschlag. Die neue evangelische Lehre findet bereits 1520 ihren Weg ins katholische Erzbistum und Fürstentum Salzburg. Die neuen Ideen breiten sich unter der Bevölkerung rasend schnell aus - trotz des offiziellen Verbotes protestantischer Prediger sowie Schriften. Heimlich wird in Luthers Schriften gelesen. Bereits 1685 werden die ersten Neu-Denker des Landes verwiesen.

Bayern verweigern Essen und Wasser

Unter Fürsterzbischof Leopold Anton Freiherr von Firmian erreicht die Vertreibung der Protestanten ihren Höhepunkt. Sein Ziel ist es, das Land von den „Ketzern“ zu befreien. Da helfen kein Beschwerdebrief an den deutschen Reichstag in Regensburg noch der Verweis auf die Durchsetzung freier Religionsausübung, wie ihn der Westfälischen Frieden von 1648 vorsah. Stattdessen bezeichnet der Bischof den Widerstand als Aufruhr gegen den Staat und erlässt am 31. Oktober 1731 das Emigrantenpatent, in dem die etappenweise Vertreibung der Andersglaubenden angeordnet wird. Die ersten Flüchtenden müssen nahezu Hals über Kopf das Land verlassen. „Sogenannte Unangesessene, das waren unter anderem Tagelöhner oder Bergleute, mussten innerhalb von acht Tagen das Land verlassen. Angesessene hatten drei Monate Zeit“, sagt Gabriele Lang.

Zuerst irren sie durch die Gegend, in manchen bayrischen Orten werden den Durchreisenden sogar Wasser und Essen verweigert. Ihre Situation ändert sich erst, als König Friedrich Wilhelm I. am 2. Februar 1732 einen Aufruf erlässt, dass er diese vertriebenen Glaubensgenossen in seine Staaten aufnehmen wolle. „Mir neue Söhne, Euch ein mildes Vaterland“, dieser Spruch ist vom Soldatenkönig überliefert.

Natürlich verbirgt sich hinter der Geste Kalkül. Der Dreißigjährige Krieg hat viele Menschenleben gefordert, die Pest hat in weiten Teilen Ostpreußens große Teile seines Landes entvölkert.

Dorthin sollen nach Willen des Königs die Protestanten ziehen. Den Trecks stellt er sogenannte Kommissare zur Seite. Die Hauptmarschroute der Exulanten führt über Nürnberg, Bayreuth, Hof, Zwickau nach Berlin. Der erste Zug der Salzburger trifft Ende April 1732 in Berlin ein. Friedrich Wilhelm I. soll sie mit den Worten begrüßt haben: „Bei mir sollt ihr es gut haben, Kinder.“ In kurzen Abständen folgen knapp 30 weitere Transporte. Der Zug, der die Oberlausitz streifen wird, beginnt sein Abenteuer ins Ungewisse am 17. Juni 1732. „Etwa ein Vierteljahr waren die Vertriebenen unterwegs“, sagt Gabriele Lang. Über Landsberg und Augsburg bahnen sie sich ihren Weg ins Sächsische. 727 Personen zählt die Gruppe - Säuglinge genauso wie alte Menschen. Am 13. August überschreiten sie – wahrscheinlich über eine Furt in der Pulsnitz – schließlich die Grenze zum Markgrafentum Oberlausitz. Der größere Teil von ihnen geht nach Königsbrück, der kleinere Teil wird schon in Krakau erwartet. Gespannt schauen die Menschen am Wegesrand schon von Weitem dem Zug entgegen. So viele Sensationen gibt es seinerzeit noch nicht. Eine Nacht verbringen die Salzburger in Königsbrück und im Marktflecken Krakau. Es gibt Glockengeläut bei ihrer Ankunft wie bei ihrem Abschied. Früh um 8 Uhr ist am 14. August im Gotteshaus in Königsbrück jeder Platz besetzt. Pfarrer Gottlieb Unger hält eine „Abschieds- Erweckungs- und Trost-Rede an die vertriebenen lieben Saltzburger“. Im Zusatz der Predigt-Druckschrift heißt es, dass es sowohl zahlreiche einheimische als auswärtige Zuhörer gab. Danach geht ihr Marsch weiter Richtung Hoyerswerda. Diejenigen, die in Krakau untergekommen sind, machen in Senftenberg Station. In Spremberg treffen beide Ausläufer wieder aufeinander.

Empfang durch den König

Doch wie geht die Reise dieser Gruppe zu Ende? Über Cottbus, Guben bzw. Lieberose geht es weiter nach Frankfurt/Oder. Über den Fluss erreichen sie das Stettiner Haff. „Manche wollten gar nicht das Schiff betreten. Sie kamen aus den Bergen und kannten kein Meer“, sagt Gabriele Lang. Im November erreichen sie schließlich ihre zugeteilte Heimat in der Nähe von Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Ihr neuer Lebensmittelpunkt wird die Stadt Gumbinnen (Gussew). Dort erzählt bis heute in der Aula der Friedrichsschule – der einst östlichsten, höheren Schule Preußens und heute Agrar-Hochschule – ein Fresko vom „Empfang der Salzburger Emigranten durch den König“.

Vortrag zu den Salzburger Exulanten in der Oberlausitz am Donnerstag, dem 10. August 2017, um 19 Uhr im Informationszentrum „Via Regia“ in Königsbrück, Am Schlosspark 19. Der Eintritt ist frei.