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Auf eigenen Beinen

Als 14-Jährige ging Jessica Böttger freiwillig ins Heim. Jetzt ist sie bereit für eine Zukunft, die sie allein gestalten will.

Jeder braucht seine eigene Brücke ins Leben: Mit ein wenig Verspätung hat sich Jessica Böttger nun auf den Weg gemacht.
Jeder braucht seine eigene Brücke ins Leben: Mit ein wenig Verspätung hat sich Jessica Böttger nun auf den Weg gemacht. © Sven Ellger

Bevor sie ihre Mutter verließ, holte Jessica noch die Katze ab. „Ich wollte auf keinen Fall, dass sie bei ihr und ihrem Freund bleibt“, sagt die junge Frau, die heute 20 Jahre alt ist. Mit 14 entschied Jessica Böttger selbst, dass sie in ein Heim möchte. „Meine Mutter hatte mir vorher selbst immer wieder gedroht, dass sie mich dort hinsteckt“, erinnert sie sich. Jetzt schien es für sie die beste von allen schlechten Möglichkeiten zu sein.

Jessica stammt aus Halle an der Saale. Ihre Eltern trennten sich 2006. Obwohl sie eine engere Bindung zu ihrem Vater hatte, blieb sie bei der Mutter. Die habe selbst keine einfache Kindheit gehabt, sagt Jessica, habe später an Depressionen gelitten, wurde kaufsüchtig. Mit der Erziehung ihrer Tochter war sie völlig überfordert. Daheim gab es keine Struktur im Tag, nicht mal geregelte Mahlzeiten. Wenn die Mutter bei der Reha war, lebte Jessica zeitweise bei ihrer Patentante. Schon früh gingen Mutter und Tochter zur Familientherapie, waren in engem Kontakt mit dem Jugendamt und bekamen Hilfe von verschiedenen Vereinen, die Haushaltspläne für sie erstellten.

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Doch die fehlende Liebe und Aufmerksamkeit konnte Jessica niemand ersetzen. „Ich bekam immer mehr Wutanfälle, habe die Türen geschmissen, rumgeschrien und Dinge kaputt gemacht“, erinnert sie sich. In der Kunsttherapie sollte sie auf einem großen Papier ihren eigenen Umriss zeichnen, sich selbst ausmalen und dazu schreiben, wie sie sich fühlt. Sie nahm sich einen braunen Stift und schrieb: „Scheiße“. Auch als sie mit ihrer Mutter 2011 nach Zwickau zog, änderte sich nichts. Der neue Partner ihrer Mutter unterstellte ihr, sie würde klauen. Keine gute Basis für so etwas wie ein Familienleben. Jessica ließ die Schule schleifen, blieb wegen Kleinigkeiten zu Hause. Zwei Jahre später packte sie ihre Koffer und zog ins Heim.

Wenn Jessica Böttger heute von all dem berichtet, hört sich das an, als erzähle sie von einer anderen Person. Ruhig, redegewandt und selbstbewusst fasst sie ihre Vergangenheit in Worte. Sie lächelt oft. Sie hat jetzt ein neues Leben. Ihr eigenes. Jessica ist ein sogenannter „Care Leaver“, jemand, der die öffentliche Fürsorge verlässt und sich ein eigenständiges Leben aufbaut.

Seit Jahren ist Jessica Böttger fest im Kinder- und Jugendhilferechtsverein verwurzelt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge Menschen beim Erwachsenwerden zu unterstützen. Der Verein half ihr 2017 auch beim Umzug nach Dresden, als sich kein Jobcenter für sie zuständig fühlte. Er streckte sogar Geld vor.

Die 20-Jährige hat einen langen Weg hinter sich. Nachdem sie 2013 in eine Jugend-WG eingezogen war, erlebte sie zum ersten Mal so etwas wie ein geordnetes Leben. Ihre Noten in der Schule wurden besser. Nach Anlaufschwierigkeiten fand sie neue Freunde. Zu ihrer Mutter hatte sie monatelang gar keinen Kontakt. Heute ist ihr Verhältnis besser. „Sie weiß, dass sie keine gute Mutter war, und will es jetzt besser machen“, sagt Jessica. „Ich denke, das scheint auch zu klappen.“

Es ist noch nicht lange her, da hätte sie sich das nicht vorstellen können. Nach anderthalb Jahren im Heim durfte sie 2016 ins betreute Einzelwohnen umziehen. Sie machte eine Ausbildung zur Sozialassistentin, bis auch sie an Depressionen erkrankte. Im Januar 2017 versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. „Ich hab‘ mich nur noch als Last für andere gesehen und hab‘ mir die Schuld an der Alkoholsucht meines Vaters gegeben.“ Nach dem Suizidversuch musste sie sich entscheiden: zurück in die Heim-WG oder zur Mutter. „Ich habe mich für meine Mutter entschieden, weil es dort WLAN gab“, sagt Jessica trocken.

Es sollte eine kurze Rückkehr werden. In der Reha hatte sie ihren neuen Freund kennengelernt, zu dem sie bald nach Dresden zog. Im Hort einer Grundschule trat sie hier eine FSJ-Stelle an. Mit ihrem Freund wohnt sie jetzt in Pieschen. In diesem Jahr wird Jessica mit ihm und seinen Eltern zum ersten Mal in ihrem Leben in den Urlaub fahren. Zwei Wochen Ungarn. „Sie sind total herzlich und haben mich sehr gut aufgenommen“, sagt sie.

Das klingt schön. Ein bisschen zu schön. Noch immer leidet Jessica an Depressionen, ist zurzeit arbeitsunfähig geschrieben. Seit einem Jahr wird sie endlich intensiv psychologisch betreut. Auch neue Medikamente werden getestet. „Vielleicht klappt’s ja“, sagt sie und klingt dabei für einen Moment wieder kindlich naiv.

Doch Jessica Böttger ist kein Kind mehr. Sie hat eine Ausstellung über Heimkinder mit aufgebaut, die jetzt durch ganz Deutschland tourt. Außerdem gehört sie zu den Protagonisten des Buches „Von Löweneltern und Heimkindern“ (19,95 Euro, Verlag Beltz Juventa).

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Für ihre Betreuerin Elsa Thurm vom Kinder- und Jugendhilferechtsverein ist Jessica eine Freundin geworden. Und eine Botschafterin. Regelmäßig bietet der Verein Wochenendkurse für Jugendliche an, die Hilfe beim Start in ein eigenständiges Leben brauchen. Dort erfahren die jungen Menschen, wo sie was beantragen müssen, welche Formulare sie brauchen, wo sie eine Bürgschaft bekommen und wie sie sich eine eigene Wohnung suchen können. Jessica ist diesen Weg bereits gegangen. Sie hat Hilfe gebraucht. Aber es ist ihr Weg.

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