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Auf gepackten Kisten

Linken-Fraktionschef, Demo-Anführer und Opfer der Gruppe Freital – jetzt verlässt Michael Richter die Stadt.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Tobias Winzer

Freital. Das Signal ist nicht zu übersehen. Bis zum Umzug sind es zwar noch fast zwei Monate, doch im Wohnzimmer von Michael Richter stapeln sich schon die Umzugskartons. „Ich will weg aus Freital“, sagt der 41-Jährige unverhohlen. Der Mietvertrag und der Job sind gekündigt. Im Süden Bayerns will Richter einen Neuanfang wagen. Anfang Dezember beginnt der Umzug. Anfang Januar hat Richter seinen ersten Arbeitstag als Sozialpädagoge in einer Reha-Einrichtung. Er macht kein Geheimnis daraus, dass ihn nicht mehr viel in Freital hält. In den Wochen bis zum Umzug will er vor allem „überleben“, wie der 41-Jährige es ausdrückt.

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Die ohnehin siechende Linke in Freital verliert damit ihren prominentesten Kopf. Richter war seit 2012 Fraktionschef, sitzt im Kreistag, trat bei der Oberbürgermeisterwahl 2015 als Kandidat an und war in dieser Zeit als Anmelder etlicher Demonstrationen auch eines der Gesichter der Pro-Asyl-Demonstrationen in Freital.

Traurige Berühmtheit erlangte Richter als Opfer der Gruppe Freital. Im Juli 2015 wurde sein Auto mit Böllern in die Luft gesprengt. Richter hörte den Knall in seiner Wohnung, nur wenige Meter Luftlinie entfernt. Sämtliche Scheiben des Wagens waren geborsten, das Armaturenbrett war verbogen, die Türen von einer ungeheuren Wucht aus den Angeln gehoben.

„Der Oberbürgermeister schweigt“

Der Anschlag ist auch der Grund dafür, warum Richter die Stadt nun verlassen will. Die Entscheidung sei in diesem Jahr gefallen, sagt er. „Als ich die Akten gelesen habe.“ Erst dann sei ihm klargeworden, dass die Attacke auch ihm persönlich galt. „Die wollten mich mitsamt dem Pkw in die Luft sprengen. Nachdem man das gelesen hat, geht man anders mit der Sache um. Das waren Mordanschläge“, so Richter. Die Entscheidung, zu gehen, sei mit dem Ergebnis der Bundestagswahl bestärkt worden. „In Freital gibt es ein sehr großes rassistisches Lager. Und einen Oberbürgermeister, der gern schweigt“, sagt der Mann, der aus Nordrhein-Westfalen stammt und seit 2009 in Freital lebt.

Richter verschweigt nicht, dass auch wirtschaftliche Gründe für den Umzug sprechen. Mit seiner neuen Arbeit könne er wesentlich mehr verdienen. Richter arbeitet derzeit noch in Altenberg. „Das ist für mich ein beruflicher Aufstieg. Ich bekomme mehr Verantwortung.“

Sein politisches Wirken in Freital betrachtet Richter mit einer Portion Selbstkritik. Es habe sicher Kommunikationsfehler gegeben. „Vieles wurde im Stadtrat aber auch abgelehnt, nur weil es von links kam.“

Richter nennt die Herabsetzung der Hürde für Bürgerbeteiligungen von zehn auf fünf Prozent der Bevölkerung als Beispiel. Damit sei die Linke zunächst gescheitert. Als die AfD den Antrag einbrachte, habe der Stadtrat hingegen zugestimmt. Als Erfolg verbucht er die Weiterführung der Bibliothek Zauckerode im Ehrenamt. Man habe den Engagierten dort mit rechtlicher Unterstützung geholfen. Auch die Pro-Asyl-Demonstrationen sieht er als Erfolg. „Wir haben damit einige Bürger erreicht.“

Ein politischer Mensch will Richter auch in Bayern bleiben. Dort, wo er hinzieht, gibt es auch einen Linken-Kreisverband. Danach hat er sich schon erkundigt. „Aber ich habe noch keinen Kontakt aufgenommen.“

Wie es mit der vier Personen starken Linken-Fraktion im Stadtrat weitergeht, steht unterdessen noch nicht endgültig fest. In der Dezembersitzung werde er das Stadtparlament offiziell verlassen, so Richter. Mit ihm werde auch Stadträtin Karin Müller gehen. Das sei ihr Wunsch. Als Nachrücker stehen Ex-Stadtrat Roland Willing und Jörg Mumme fest. Ob die beiden das Amt auch annehmen wollen, wird sich wohl Anfang 2018 entscheiden.