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Auf Kollisionskurs

In Ostsachsen häufen sich die Zugunfälle mit umgekippten Bäumen. Schuld hat die Bahn, sagen private Anbieter.

© Städtebahn Sachsen

Von Sebastian Kositz und Holger Gutte

Oberlausitz. Nur eine Notbremsung verhindert an diesem Tag Schlimmeres: Als der Lokführer den Baumstamm auf den Gleisen liegen sieht, geht er sofort beherzt in die Eisen. Mit über 100 Stundenkilometer ist der Triebwagen der Städtebahn Sachsen (SBS) nach Pulsnitz unterwegs. Das Bremsmanöver zeigt schließlich die erhoffte Wirkung. Als der Zug gegen den Baum prallt, hat der schon deutlich an Fahrt verloren. Reisende und Bahnpersonal überstehen den Aufprall unverletzt. Dennoch ist es ein Albtraum für alle Beteiligten.

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Was sich in diesem Jahr so tatsächlich auf der eingleisigen Strecke kurz vor Pulsnitz abgespielt hat, ist auf den Schienen in Ostsachsen ein besonders heftiger, aber keineswegs einmaliger Vorfall. Denn in den vergangenen Jahren hat es auf den Gleisen mehrfach gescheppert, weil Bäume oder große Äste darauf lagen.

Auch die Zugführer der Länderbahn Trilex haben schon ähnliche Momente erlebt. Das Unternehmen, deren Triebwagen unter anderem auf den Verbindungen nach Görlitz und Zittau fahren, verweist für 2016 und 2017 jeweils auf etwa ein Dutzend Kollisionen mit Stämmen und Ästen. Sind es 2015 noch fünf Kollisionen gewesen, bei denen ein Triebwagen direkt in Bäume oder große Äste fuhr, die auf den Schienen lagen, ist deren Zahl schon ein Jahr später auf 13 und im Vorjahr auf zwölf gestiegen, schildert Trilex-Pressesprecher Jörg Puchmüller. Für die privaten Betreiber der Bahnstrecken wie Trilex, Odeg und der Städtebahn Sachsen (SBS) sind diese Häufungen trotz zunehmender und teils sehr heftiger Unwetter in den vergangenen Jahren kein Zufall. „Unsere Züge fahren wie in einem Strauch- und Baumtunnel“, erklärt SBS-Geschäftsführer Torsten Sewerin, der die Hauptschuld bei der Deutschen Bahn sieht. Deren Züge fahren zwar längst nicht mehr auf den Strecken im Landkreis Bautzen. Allerdings ist die Bahn weiterhin für die Sicherheit an ihren Gleisen zuständig. Doch die Bahn beziehungsweise deren Tochterunternehmen, die DB Netz AG als Infrastrukturbetreiber, so der Vorwurf der privaten Mitbewerber, vernachlässige die Pflege der Vegetation links und rechts der Trassen.

Auch bei der Länderbahn Trilex sind die Verantwortlichen verärgert. Probleme mit umgekippten Bäumen gebe es vor allem an den Streckenabschnitten zwischen Bischofswerda und Ebersbach sowie zwischen Dresden-Klotzsche und Arnsdorf. Trilex-Sprecher Jörg Puchmüller moniert den mangelnden Einsatz der Bahn: „Da ist noch viel Luft nach oben“, erklärt er es diplomatisch. Jörg Puchmüller sieht die Deutsche Bahn in der Pflicht und fordert zugleich mehr Kontrollgänge an den Trassen, um zu verhindern, dass immer wieder morsche und alte Bäume auf die Gleise fallen. „Wir bezahlen schließlich auch dafür, dass wir auf den Gleisen fahren dürfen“, so der Sprecher. Er wünschte sich entlang der Bahnstrecken Freischnitte an den Grüngürteln, wie an den Autobahnen.

Dringend Handlungsbedarf sieht auch Odeg-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann. Die Triebwagen der Odeg fahren beispielsweise auf der Strecke Cottbus-Görlitz-Zittau. Ihn ärgert vor allen auch eine Aussage der Bahn, dass es zehn Jahre dauert, bis sie an allen Strecken eine Vegetationskontrolle und danach den anschließenden Freischnitt beendet haben.

Bei extremen Wetterlagen drosseln einige Bahnunternehmen konsequent die Geschwindigkeit, lassen die Triebwagen dann nur noch mit höchstens 50 Stundenkilometer rollen. Dennoch können Zusammenstöße mit Bäumen und Ästen nicht verhindert werden. Sie sind nicht nur gefährlich und ärgerlich für Reisende, sondern sorgen auch für große finanzielle Schäden. Zwar zahle einen großen Teil die Versicherung. Jedoch ist stets auch ein Eigenanteil fällig. Hinzu kommen außerdem die Strafen wegen ausgefallener oder verspäteter Züge, die an die Verkehrsverbünde zu zahlen sind.

Die Deutsche Bahn weist indes die Vorwürfe, sich nicht genug um die Bäume an den Strecken zu kümmern, mit aller Entschiedenheit zurück. Die Strecken würden nachhaltig und „unter strikter Anwendung aller relevanten Richtlinien“ gepflegt, lautet es in einer Stellungnahme der Bahn. Zudem würden die Bäume an den Strecken „regelmäßig im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben inspiziert“, erklärt die Bahn.

Bei der Städtebahn haben die Verantwortlichen daran aber offenbar Zweifel. Im November des vergangenen Jahres hat die SBS ein Schreiben an das Eisenbahnbundesamt verfasst. Inzwischen habe es auch schon Gespräche mit der Behörde gegeben. Zudem prüft die SBS rechtliche Schritte gegen die Bahn. Um das Problem angesichts immer häufig werdender Stürme besser in den Griff zu bekommen, schlägt Odeg-Chef Arnulf Schuchmann einen runden Tisch vor. (mit SZ/rh)